Liebe

Gedanken über die Liebe

Alle Welt spricht von der Liebe als großes Lebensglück. Auf FAZ.de gab es vor einiger Zeit einen klugen Kommentar von der leidenschaftlichenb Romantik als Pseudo-Religion. Zeit, sich mit dem Phänomen mal auseinander zu setzen.

Was denkt ihr, wenn ihr einen alten und/oder unattraktiven Mann mit einer hübschen und/oder jungen Asiatin seht? „Die hat er doch gekauft!“ verbunden mit Abscheu vor dem Mann und Mitleid gebenüber der Frau?
In unserem mitteleuropäischen sozialen System ist es unabdingbar, dass man früher oder später die große, die eine, die wahre Liebe findet. Das wird zum einen von der Pop-Kultur suggeriert. Und zudem spätestens mit Beginn der sexuellen Reife zelebriert. Beruflich hatte ich in den letzten Jahren viel Kontakt zu (prä-)pubertierenden Mädchen. Und war zum Teil erschüttert, von ihrem Glücksverständnis. Wenn elfjährige Mädchen verzweifelt sind, weil sie noch keinen Freund haben. Wenn Viertklässlerinnen jeden Jungen fragen, ob er mit ihnen zusammen sein will und anschließend Angst haben, eine „Schlampe“ zu sein. Wenn sie Angst haben, die Letzte zu sein, die ihren ersten Kuss bekommt … vielleicht sogar erst in einem hohen alter wie – umhimmelswillen! – sechzehn oder älter! Und nein, dies ist kein modernes Teenager-Phänomen: Als ich in dem Alter war (und das ist immerhin schon mein halbes Leben her), war das genau das Gleiche: Nur mit dem richtigen Partner kann das Lebensglück perfekt werden. Also ist dies für ein jedes junges Mädchen das höchste Lebensziel. Ziemlich traurig, auf die eine oder andere Weise. Traurig für die, die jahre- oder jahrzehntelang diesem Phantom hinterherjagen. Oder auch für die, die schon mit fünfzehn ihr höchstes Lebensziel abgehakt haben.
Aber auch nach der Pubertät wird es nicht besser. Irgendwann haben die meisten jemanden gefunden, mit dem sie ihr Leben (zumindest für eine Weile) verbringen wollen. Nun gibt’s das nächste Battle: Wer schmeißt die schönste Märchenhochzeit? Wobei die  meisten Paare keinen wirklichen Grund mehr für eine Heirat haben (drohende Abschiebung des Partners, steuerliche Vorteile, weil ein Ehepartner sich auf die Kindererziehung konzentriert oder sei es  nur religiöse Überzeugung vom Sakrament der Ehe). Das Heiraten gehört sich so. Man möchte seine Liebe feiern.

Eine kurze Geschichte der Liebe

Dabei ist die Liebesheirat ein ziemlich junges und nicht mal universelles Konstrukt. Schauen wir uns doch mal kurz die Geschichte der Monogamie an: Monogame Beziehungen dienen beim Ur-Menschen ebenso wie bei anderen Tieren einzig und allein der gelungenen Aufzucht des Nachwuchses (man betrachte dazu im Vergleich die Königspinguine). Im Laufe der Geschichte wurden die meisten Ehen weiterhin aus diesem Grunde oder auch im politischen Dienst geschlossen. Dabei war die ein oder andere Verbindung sicherlich eine Qual, mach eine vermutlich auch wahrlich glücklich. Ich lehne mich aber mal aus dem Fenster und behaupte, dass ein großer Teil dieser Zweckehen im Großen und Ganzen eins waren: zufriedenstellend. Denn natürlich verbringt jeder im günstigsten Fall sein Leben mit jemandem, den er halbwegs leiden kann.
Natürlich ist auch das Ideal der romantischen Liebe keine moderne Erfindung. In den Artus-Sagen (spätestens seit dem 12. Jahrhundert bekannt) wimmelt es von fataler Leidenschaft: Tristan und Isolde, die den Liebestod sterben. Oder Lancelot, der in unsterblicher Liebe für die Königin entbrannt ist. Sebst im 1. Jahrhundert vor Christus stürzt Vergils arme Königin Dido sich bereits in ein Schwert, als ihr geliebter Aeneas von dannen zieht.
Aber erst seit dem letzten Jahrhundert ist dank veränderter Rollenbilder die Ehe kein Muss mehr zur sexuellen Erfüllung oder zum Schutz der Familie. Jeder ist frei, den Partner seines Wunsches zu ehelichen oder es sein zu lassen. Wir brauchen keine Beziehung mehr, um versorgt zu sein. Wenn nun also die altertümlichen oder exotischen Zweckehen zum Unglück der Beteiligten führ(t)en, sollte dies im Umkehrschluss bedeuten, dass leidenschaftliche Liebesbeziehungen zu glücklichen Ehen führen. Die Scheidungsrate widerlegt diese Theorie deutlich.

Some call it love
Lyrics by Uncle Deadly

Some call it love. Some  call it caring about someone.

Wozu also dieses Pladoyer, fragt ihr euch vielleicht? Möchte die etwa die arrangierte Ehe in Deutschland einführen?  Mitnichten möchte ich irgendeine Form preisen, die Individuen in System zwingen oder gar Frauen der männlichen Dominanz unterwerfen. Aber genauso möchte ich mich dafür einsetzen, sich nicht dem modernen Beziehungsverständnis der romantischen, leidenschaftlichen Liebe zu unterwerfen. Wie heißt es so schön? Leidenschaft vergeht. Oder Leidenschaft ist etwas, das Leiden schafft. Die Realität kann dem niemals standhalten.
Dies sind Gedanken über die Liebe. Hoffnung, dass die Menschen ihre Beziehung auf Zuneigung und Respekt zu gründen. Nicht auf amoklaufende Hormone. Und dies unserem Nachwuchs mit auf den Weg zu geben, um ihnen viel Perfektionismus und Leid zu ersparen. Denn auch im Märchen heißt es nicht „Und sie lebten boah-ey-super-hammermäßig scharf aufeinander, bis die Scheidung sie trennte“ sondern „sie lebten glücklich und zufrieden“. Und die Zufriedenheit scheinen wir verlernt zu haben.
Dabei gibt es überhaupt keinen Grund, warum nicht jeder mit dem Partner seiner Wahl zufrieden sein kann. Ihr und eure Jugendliebe. Ihr und euer Ehemann, den ihr in der Disco kennengerlernt habt. Oder der unattraktive alte Mann mit der „gekauften“ jungen Asiatin.

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 33 Jahre alt und lebt mit Mann und zwei Kindern in München.

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