Jeder sieht dich
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Gedanken zur Welt von „The Circle“


Dieser Artikel bezieht sich auf den Roman „The Circle“ von Dave Eggers. Wenn ihr das Buch noch nicht gelesen habt, es aber noch vorhabt, dann lest den Artikel später.


In dem Roman „The Circle“ von Dave Eggers wird eine technische Welt eingeführt, die gar nicht weit von unserer jetzigen entfernt ist. Viele dieser Erfindungen klingen auf den ersten Blick großartig. Aber sind sie das wirklich? Nun, meine lieben Leser, wahrscheinlich sagt ihr jetzt: „Nein, warum müssen wir darüber noch diskutieren?“ Gut möglich, dass ihr sensiblen Umgang mit Datenschutz und Technik für selbstverständlich haltet und die Diskussion darüber müde seid. Ich möchte trotzdem hier meine Gedanken teilen, auch wenn sie euch vielleicht banal und offensichtlich erscheinen. Ich bin nämlich ein Freund von Diskussionen. 😉

TruYou

Wie schön, dass heute alles so einfach ist! Warum ewig lang ein Telefonat führen, wenn man auch mal eben eine Message schreiben kann? Keine Lust auf Kochen? Essen bestelle ich per Mausklick. Nachrichten aus aller Welt? Gebündelt in meiner Facebook-Timeline. Ich liebe es.
Aber irgendwie könnte doch auch alles noch viel einfacher sein, oder? Ständig muss man sich Tausend Passwörter merken. Oh, nein, schon wieder eins vergessen. Welche E-Mail-Adresse hatte ich da noch mal hinterlegt? Verdammt, die kann ich auch nicht mehr abrufen. Bezahlung nur per PayPal? Och nööö. Oder, das Allerbeste, schon mal versucht, einfach mit Ämtern zu kommunizieren? Wie heißt es so schön: Das Internet ist für uns alle noch Neuland.
An diesem Punkt setzt TruYou an, die Basiserfindung vom Circle: Facebook 3.0: Alles unter einem Dach. Ein Profil für alles, mit Klarnamen verifziert – egal ob ihr nur eben mit euren Freunden quatschen oder einen  neuen Fernseher bestellen wollt. Alles easy. Toll.
Ein Traum, oder? Denn, wenn wir ehrlich sein sollen, das Internet hat bisher nicht alles einfacher gemacht. Wisst ihr noch, wie das war, als ihr früher einen Klassenkameraden anrufen wolltet? Dann habt ihr eben ins Telefonbuch geguckt und euch die Nummer rausgesucht. Steht einer von euch heute noch im Telefonbuch? Es ist nicht mehr so einfach, Menschen zu erreichen, wie es noch in den Neunzigern war. Man gibt seine Handynummer nicht mehr jedem. E-Mail-Adressen ändern sich ständig. Und nicht jeder ist scharf auf Facebook oder verweigert sich der Klarnamen-Pflicht. Ein einheitliches System, mit dem grundsätzlich erstmal jeden erreichen kann, wäre also weder neu noch überflüssig.
Aber wollen wir dieses System in nicht-staatlicher Hand? Und vor allem, bei dem aktuellen nicht wirklich vorhandenen Sicherheitsstandard des Internets? Nein, so nicht. Ich jedenfalls nicht. Aber wenn es TruYou als staatliche Institution gäbe mit absolut garantierter Datensicherheit? Angenommen, das gäbe es wirklich? Hm, vielleicht wäre das gar nicht so schlecht?

SeeChange und Going Transparent

Überwachungskameras an öffentlichen Plätzen werden immer wieder kontrovers diskutiert. Erhöhen sie die Sicherheit? Oder beschneiden sie unsere Privatsphäre? Der Circle gibt diese Überwachung in die Hand der Allgemeinheit: Jeder kann für wenig Geld daumennagelgroße Kameras kaufen, die er platzieren kann, wo er will. Sie sind so winzig, dass niemand sie bemerken wird. So soll im Laufe der Zeit die ganze Welt auf Schirm zu sehen sein. Noch intimer wird es einen Schritt weiter mit der totalen Transparenz: Politiker werden überzeugt, sich rund um die Uhr zu filmen. Hier beobachtet dich nicht mehr der große Bruder, sondern einfach jeder. Der Grundgedanke dahinter laut dem Circle: Wenn jeder sieht, was du tust, wirst du dir es zweimal überlegen, ob du ein Verbrechen begehst. Stimmt doch, oder?
Die Sache hat nur zwei Haken: Fangen wir bei dem Offensichtlichen an. „Secrets are lies“ proklamiert der Circle. Aber wer will schon all seine Geheimnisse aufgeben? Wer will sich schon in intimen Momenten zeigen? Und wer ist schon perfekt? Ja, manchmal ist man ein wenig dumm. Manchmal entfährt einem vielleicht im Privaten eine Gemeinheit über jemanden, den man eigentlich total gerne hat. So lange wir keine perfekten Roboter sind, sollten manche Dinge  geheim bleiben. Und wer versichert uns eigentlich, dass wir die Kontrolle über die Kameras haben, die uns filmen? Heimlich deponierte Kameras in Badezimmern oder Frauenarztpraxen gab es auch jetzt schon. Und bald kann mich dann jeder heimlich beim Duschen filmen oder wie?
Und der zweite Haken: Wer definiert eigentlich universell, was moralisch korrekt ist und was nicht? Ich würde mich nach deutschem Verständnis als recht korrekte Person bezeichnen. Aber war ich als junger Teenager nach 22 Uhr noch draußen unterwegs? Klar, war ich. Wer nicht? Habe ich mich als älter ausgegeben, als ich war, um in Kneipen zu kommen? Klar, habe ich. Wer nicht? Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Habe ich mit sechzehn mal ein Bier getrunken? Ja, natürlich. Ist in Deutschland ja auch völlig legal. In den USA wäre hier hingegen die Hölle los. Dafür würden dort viele Menschen nicht mal mit der Wimper zucken, würde ich meinem sechsjährigen Neffen zum Geburtstag ein Gewehr schenken.
So weit nur zum moralischen Verständnis zweier Länder, die sich noch recht ähnlich sind. Jetzt stelle man sich mal vor, jede systemkritische Stimme in China würde gefilmt. Jeder privat gelüftete Schleier in streng muslimischen Staaten. Jedes schwule Paar auf Jamaika. Gerechtigkeit ist was man draus macht. Und manche finden einen Lynchmord total gerecht.

Sie werden überwacht

ChildTrack

Ach, was hatte ich eine idyllische Kindheit. Da draußen auf dem Land, wo nie irgendwas passiert. Wie anders werden meine Kinder aufwachsen, hier in der Großstadt, die ich selbst nicht aus Kindersicht kenne. Ist die Stadt nicht viel zu gefährlich für Kinder? Um das erstmal vorweg zu nehmen: Das Land ist auch nicht so idyllisch, wie man immer glaubt. Ich war etwa acht, als meine Freundin und ich von einem jungen Paar angesprochen wurden, ob wir nicht mit ihnen mitfahren wollen, um ihnen „zu zeigen, wo die Hauptstraße ist“. Als ich zehn war gab es in der Gegend eine Serie von Vergewaltigungen mit mindestens einem jungen Todesopfer. Und selbst wenn es nicht so drastisch sein muss: So unwahrscheinlich ist es nicht, dass man mal fällt und sich etwas bricht … irgendwo ganz allein im Wald.
Heute aus Erwachsenensicht kann ich ganz gut verstehen, dass viele Eltern ganz krank vor Sorge sind. Der Circle hat dafür eine ganz „einfache“ Lösung: ChildTrack. Dem Kind wird ein Chip in den  Knochen implantiert, mit dem man es aufspüren kann. Kindesentführungen werden damit praktisch unmöglich. Eltern merken sofort, wenn ihr Kind nicht dort ist, wo es sein sollte und die Polizei hat es innerhalb von Minuten gefundenb. Wer sind wir, um diese Technik entgegen aller elterlichen Ängste nicht anzuwenden? Könnte ChildTrack wirklich unsere Kinder beschützen? Vielleicht?
Dagegen spricht, dass ein Großteil der Kindesmisshandlungen innerhalb der Familie stattfinden (obwohl der Circle auch dafür eine Lösung in den Startlöchern hat). Und wer entnimmt einem den Chip wieder, wenn man achtzehn ist? Niemand. Im Kindesalter angefangen, ist jeder Mensch für immer sichtbar. Du willst wissen, ob dein Mann wirklich im Büro ist? Das lässt sich doch ganz leicht prüfen … Der Typ, dem du schon lange mal ein Brecheisen überziehen wolltest, geht gerade ganz alleine im Feld spazieren? Toll!
Und überhaupt … eigentlich war es doch auch ziemlich cool, als Kinder so allein im Wald umherzuspazieren.

Demoxie

Bei jeder Wahl erleben wir es wieder: Die Wahlbeteiligung ist armselig. Was ist nur los? Sind die Menschen zu faul? Ist es ihnen egal? Oder denken sie, dass sie sowieso nichts ändern können? Jegliche Versuche, die Leute zum wählen zu bewegen, waren bisher mehr oder weniger erfolglos.
Können soziale Netzwerke da vielleicht helfen? Es gab bereits Versuche, Leute per Facebook zum Wählen zu bewegen. Dazu setzten User nicht nur in der Wahlkabine ihr Kreuzchen, sondern bestätigten gleich danach auf Facebook: „Ich habe gewählt!“ Im US-Wahlkampf 2012 sollen neun Millionen Menschen mitgemacht – und damit einen Gruppendruck auf Nicht-Wähler ausgeübt haben. Laut einer Datenanalyse wurde die Wahlbeteiligung so anscheinend um immerhin 0,4 Prozent erhöht (Quelle).
Was wäre nun, wenn man gleich über das Internet wählen könnte? Zum Beispiel mit Hilfe eines Netzwerks wie TruYou, das ja sowieso schon deine Identität verifiziert hat? Und wenn die Nutzung dieses Netzwerkes für jeden Bürger verpflichtend wäre? Und dein Account oder vielleicht sogar dein ganzer Computer so lange gesperrt wäre, bis du deine Stimme abgegeben hast?
Würde das die Demokratie erhöhen? Oder haben wir dann schon eine diktatorische Demokratie?
Und denkt immer daran: „Secrets are lies.“ Machen wir die erzwungene Wahl doch gleich öffentlich! Dann weißt du auch gleich, dass dein Nachbar die falsche Partei gewählt hat und kannst mit Fackeln und Heugabeln vor seiner Haustür auflaufen …


Eine kleine Bitte: Es kommt vor, dass der ein oder andere von euch Probleme beim Kommentieren hat. Anscheinend ist das ein Problem beim Provider. Wenn das mal wieder der Fall ist, könntet ihr mir vielleicht eine kurze E-Mail schreiben, mit Datum und Uhrzeit, wann ihr versucht habt, zu kommentieren? Das wäre super nett von euch!

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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