No! Gegen den täglichen Alltagsrassismus
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Gegen den Alltagsrassismus

Von den „Schmarotzern“ der „Armuts-Migranten“ bis zu der „drohenden Islamisierung des Abendlandes“ und Pegida: Der 08/15-Deutsche gibt sich so fremdenfeindlich wie lange nicht mehr. Zeit für einen neuen #aufschrei: Gegen den alltäglichen Rassismus.

Vor einer Weile bin ich gerade nach stundenlanger Fahrt aus dem Zug gestiegen, dann noch einige Stationen mit der U-Bahn und dann – nur noch nach Hause! Da sehe ich vor dem Supermarkt – einem typischen Supermarkt mit Kassierern aus aller Herren Länder – einen Stand für dieses  Volksbegehren. Gegen den Moscheebau in München. Oder ein Islamzentrum. Oder den Islam an sich. Was weiß ich. Da spaziert eine nett wirkende ältere Damen mit einem fröhlichen „Hab ich schon unterschrieben“ vorbei, als ginge es um eine Spendensammlung für einen Abenteuerspielplatz. Mir kommt die Galle hoch.
Warum regt mich das so auf? Warum fühle ich mich so angesprochen? Ich bin in Deutschland geboren. Ebenso meine Eltern. Zwar muss man nicht allzuweit tiefer in meine Familiengeschichte graben, um ein paar nicht-deutsche Vorfahren zu finden, allerdings ist das eher eine nette Anekdote als dass es mein Leben in irgendeiner Form beeinflussen würde.
Wir leben in einem Land, das vor nicht allzu langer Zeit echt Scheiße gebaut hat. Trotzdem bin ich meistens sehr glücklich, hier zu leben (> klick). Meistens denke ich, dass wir die Vergangenheit zwar niemals vergessen, aber doch hinter uns lassen sollten.
Aber dann kommen Zeiten wie diese. Und ich schäme mich für mein Land.

No Pegida
Und zwar immer dann, wenn es eine öffentliche Debatte über osteuropäische Zuwanderer gibt, die ja angeblich alle „Sozial-Schmarotzer“ sind. Wenn Polen/Rumänen/beliebige-Nationalität-hier-einsetzen per se als Verbrecher abgestempelt werden. Wenn Asylbewerber automatisch als Schmarotzer und Unruhestifter angesehen werden. Wenn ich auf Facebook mal wieder lese, dass alle Muslime Terroristen sind. Wenn ein ganz normaler Mann nicht in Discos gelassen wird, nur weil er schwarz ist. Und Facebook das auch noch richtig findet. Oder gejammert wird, dass alles Geld nach Griechenland/Irland/Italien/sonstwohin fließt und dabei völlig ignoriert wird, dass andere Länder unser Land vor nicht allzu langer Zeit aufpäppeln mussten.
Vorurteile sind zu einem gewissen Grad normal. Fernsehen, Zeitungen, Medien im allgemeinen malen uns Bilder von fremden Kulturen vor, die wir nicht mit eigener Erfahrung beurteilen konnten. Natürlich bin ich etwas unsicher gegenüber Menschen, die eindeutig anders aufgewachsen sind als ich. Weil ich nicht weiß, ob sie mich verstehen, wenn ich sie auf Deutsch ansprechen würde. Weil sie vielleicht ein komplett anderes Verständnis von Höflichkeit haben als ich.
Fremdes ist verunsichernd, weil wir es nicht verstehen. Natürlich ist es mir unverständlich, warum Frauen freiwillig ihr Gesicht verhüllen. Es ist mir sogar unheimlich, wenn mir Personen begegnen, die nach meinen Verständnis maskiert sind. Natürlich kommt es vor, dass ich mich frage, ob deren Ehemänner meine unbedeckten Haare oder auch mal unbedeckten Unterschenkel mit Abscheu betrachten.
Wir leben in einer Welt, in der viele Menschen unsicher sind. Der 11. September ist für die meisten von uns noch nicht allzu lange her. Die aktuelle Situation im Irak macht die Sache nicht besser. Und auch die Weltwirtschaftskrise lässt kaum jemanden positiv und fröhlich in die Zukunft blicken. Natürlich schürt das einige Ängste.
Was die Deutschen aber gerne vergessen: Uns geht’s gut. Bisher schippern wir auf seichten Wellen durch die Wirtschaftskrise, während es um uns herum überall den Bach runtergeht. Der Durchschnittsbürger kann sich einen gewissen Luxus leisten und selbst diejenigen, die es nicht so gut haben, werden vom Staat gestützt, bekommen Sozialhilfe und haben eine Krankenversicherung. Islamisierung? Wo denn bitte? Was soll das bitte sein? Der freundliche arabische Nachbar, der deine Sprache vielleicht noch nicht so gut kann? Der Verkäufer vom türkischen Supermarkt? Dein ägyptischer Kardiologe? Die vollverschleierten Touristinnen? Wie sollten sie dafür sorgen, dass das „Abendland“ „islamisiert“ wird? Sicher sind die paar Islamisten in Deutschland furchteinflößend. Genauso wie radikale Christen oder jeder andere Fanatiker. Zum Glück hält sich deren Zahl aber in Grenzen.
Wer sind diese Durchschnittsmittelschichtsbürger, die aus ihren Eigenheimen mit drei Fernsehern mit ihrem Auto zur Demo fahren, das iPhone in der Hosentasche und darüber urteilen, dass andere Leute doch bleiben sollen, wo sie herkommen, weil es ihnen da doch „gut geht“? Irgendwo in einem Land, wo man jeden Augenblick Angst haben muss, von Radikalen ermordet zu werden, nichts zu essen hat und sich schließlich entscheidet, nur mit dem Wichtigsten bepackt sein Leben aufs Spiel zu setzen, um irgendwie ans andere Ende der Welt zu kommen … und ihr wollt sie zurückschicken, weil sie dem Staat zu viel Geld kosten? Wobei Ausländer, die in Deutschland arbeiten und Steuern zahlen dem Staat Geld einbringen. Weil sie eventuell nicht sofort in den Arbeitsmarkt integriert werden können? Würdest du das genauso sehen, lieber deutscher Rentner, wenn man dich zurück in den sicheren Tod schickt, nur weil du nach großem Leiden und langer Flucht am Ende der Welt nicht genug beitragen kannst?
Seid ihr wirklich der Meinung, dass jeder Rumäne in Deutschland ein Verbrecher ist, nur weil ihr ab und zu arme Seelen seht, die von Straßenbanden zum Betteln gezwungen wird? Weil ihr irgendwo von irgendwem gehört hat, dass irgendwer überfallen worden war und derjenige natürlich klar wusste, um welche Nationalität es sich bei dem Dieb handelte? Gut, schicken wir sie eben alle nach Hause, all die „Sozial-Schmarotzer“ aus Rumänien, Ungarn, Spanien, Italien oder wo sie eben herkommen. Wundert euch dann aber nicht, wenn euch demnächst ein paar Brücken auf den Kopf fallen … Einwanderer gleichen nämlich den Fachkräftemangel in Deutschland aus. Und zwar nicht nur auf der Baustelle, sondern zum Beispiel auch bei den Ingenieuren.
Ja, die Welt ist gerade nicht einfach. Ja, auch mir ist mulmig zumute, wenn ich die Nachrichten lese und neue Meldungen aus dem Irak oder der Ukraine kommen. Ja, auch ich bin besorgt um die Einbrecherbanden, die in München umherziehen. Auch ich finde fremde Menschen unheimlich, die ihr Gesicht verstecken.
Aber ich möchte etwas, das ich nicht verstehe, nicht automatisch mit Hass begegnen. Ich möchte Menschen einer „Gruppe“ nicht als Diebe oder Terroristen betrachten, nur weil andere, die aus der Region kommen, möglicherweise „schlecht“ sind. Genauso wie eine Menge Deutsche „schlecht“ sind. Ich möchte ja schließlich auch nicht auf alle Ewigkeit als Nazi gelten. Ich möchte nicht in einem Land leben, dass Hass und Angst nährt. Dass Fremde ausgrenzt und schlussendlich an ihre Grenzen treibt. In dem verunsicherte muslimische Einwanderer vielleicht am Ende nur noch beim islamistischen Iman aus dem Hinterhof Zuspruch finden, weil sie von der Gesellschaft als Terroristen verstoßen wurden und es keine staatlich gestützten Orte für sie gibt.
Den Zettel gegen die Muslime in München habe ich vor den Augen des Initiators Marke Bank-Filialen-Leiter zerrissen. Das mag vielleicht eine unnütze kindliche Geste sein. Aber ich kann nicht einfach  vorbeigehen und nichts sehen. Und ich hoffe, ich bin nicht die Einzige hier, der bei diesem alltäglichen Rassismus schlecht wird.

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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4 Kommentare

  1. Danke! Alles richtig! Ich kann auch nicht aufhören mich über diese kleinbürgerlich-engstirnige Stammtischpolemik aufzuregen. Schon grauenhaft, wenn meine Fertighaus-am-Stadtrand-und-Opel-in-der-Garage-Idylle durch raubenden und brandschtzende Asylbewerberbanden tagtäglich gefährdet wird. Ist ja wie im Bürgerkrieg hier…
    Musste gestern Abend übrigens heraus finden, dass der Mann und ich einen Bekannten in der fb-Freundesliste hatten, der tatsächlich Pegida und die AFD geliked hat. Wir sind nun keine Freunde mehr… Habe hierzu dieses sehr nützliche Tool über den Stern-Link genutzt: http://mobil.stern.de/politik/deutschland/pegida-auf-facebook-hier-koennen-sie-sehen-ob-ihren-freunden-pegida-gefaellt-2160772.html?mobil=1

    • Das Tool habe ich auch gesehen. Ich hatte zum Glück keinen Bekannten, der Pegida-Liker ist. Allerdings wurde auch gewarnt, dass man eventuell auch Leute entfernen könnte, die aus reinem Informationsinteresse die Gruppe geliked haben und nicht aus Sympathie. Aber ich schätze, man kann bei seinen Bekannten schon halbwegs abschätzen, auf welcher Seite sie stehen.

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