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Gelesen: Mirage von Matt Ruff

Einer meiner absoluten Lieblingsautoren ist Matt Ruff mit seinen freakigen, aber auch ziemlich klugen Büchern. Vor Kurzem erschien sein neuestes Werk „Mirage“. Und das hat es in sich.

Gelesen: Mirage von Matt Ruff

Auf eins kann man sich verlassen: Immer wenn Nachrichten einen Beitrag zum islamistischen Terror auf Facebook posten, kommentiert irgendein Depp: „So etwas passiert auch nur bei den Muslimen!“ Was sich leicht widerlegen lässt, wenn man auch nur den Hauch von Geschichtskenntnissen besitzt. Auch in seinem neuen Werk „Mirage“ hat sich Matt Ruff mit dem Thema „religiöser Terror“ und „Fanatismus“ auseinandergesetzt … und das auf eine Art, die sicherlich nicht jedem Amerikaner gefallen mag …
Vereinigte Arabische Staaten (kurz: VAS), 9. November 2011: Die Welt gerät ins Wanken, als zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des Welthandelszentrum in Bagdad crashen. Hinter dem Anschlag stecken christliche Terroristen aus dem unbedeutenden Amerika. Einige Jahre später jagen die Agenten Mustafa, Samir und Amal vom Heimatschutz eine Gruppe christlicher Terroristen, als sie auf ein ungeheuerliches Phänomen stoßen: Mirage oder die Fata-Morgana-Theorie. Und wenn die stimmt, dann ist die Welt weit mehr aus den Fugen geraten, als sie angenommen hatten …
Matt Ruff ist einer der faszinierendsten Autoren, die ich je gelesen habe. Angefangen bei „Fool on the Hill“ (einer Universitätsgeschichte um St. Georg und den Drachen, Götter, Fabelwesen und dem Hundehimmel), über „G.A.S. – Die Trilogie der Stadtwerke“ (Wolkenkratzer-Wahnsinn und Kanalisationspiraten) bis „Ich und die anderen“ (über zwei Menschen mit gespaltenen Persönlichkeiten) – Ruff ist der absolute Meister darin, seine Leser in die unglaublichsten Welten zu entführen und neben Fantasy und Dystopie (wobei „Ich und die anderen“ ja nur fantastisch wirkt, es aber in keinster Weise ist), auch nur eine Menge Philosophie und Geschichte unterzubringen. Jetzt also eine Version von 9/11 bei der christliche Amerikaner die Terroristen sind. Der Mann hat echt Nerven!
Wie man sich vermutlich denken kann, ist „Mirage“* kein leichter Unterhaltungsroman. Er ist ziemlich abgedreht, aber auf der anderen Seite auch unglaublich realistisch. Es ist faszinierend, wie manche Dinge deutlicher werden, wenn man der Welt einen Spiegel vorsetzt. Meisterhaft versteht Ruff es, Geschichte und Fiktion miteinander zu verbinden und real existierende oder tote Zeitzeigen einzubauen. Da ich weder in amerikanischer Politik noch in arabischer Geschichte allzu bewandert bin, musste dabei immer mal wieder zu Wikipedia greifen, um herauszufinden, ob Anekdoten Fiktion oder Realität sind. Oder um zu recherchieren, welcher noch lebende US-Politiker beschrieben wird …
„Mirage“ ist ein freakiger, spannender, aber auch lehrreicher Fantasy-Krimi der alternativen Geschichtsschreibung. Wenn das nicht schon Anreiz genug ist? Und außerdem einer der wenigen Bücher, die mir in die Hand kommen, wo man selbst kurz vor Schluss keine Ahnung hat, wie das Ganze ausgehen soll.

Kleine Anmerkung zum Schluss: Auch ein großes Kompliment an die Übersetzer Giovanni und Ditte Bandini. Es passiert nicht oft, dass ich ein Buch lese, bei dem ich an der Übersetzung und am Lektorat nichts zu meckern habe. (Leider sind nämlich die meisten Bücher voller Fehler.)

Buchfakten:

Autor: Matt Ruff
Verlag: dtv
Seitenzahl: 489
Ursprungsland: USA
Übersetzung: Giovanni und Ditte Bandini
Erscheinungsjahr: 2012/2014

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Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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6 Kommentare

  1. Thomas

    Die Geschichte ist zwar insgesamt ganz gut, da sie durchaus dazu beiträgt andere Perspektiven auf die Welt zu entwickeln/ seine eigenen Perspektiven in Frage zu stellen (Der zivilisierte Westen vs. der mittelalterliche Osten). Dass man dazu knapp 500 seiten braucht, kann ich allerdings nicht so ganz nachvollziehen. trotz des Umfangs bleiben die Charaktere weitgehend farblos und skizzenhaft. Fragwürdig sind auch die die etwas „überraschenden“ Wendungen, hin zum Fantastischen, im letzen Drittel des Buches. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, Ruff habe nun keine Lust mehr und wolle die Geschichte mit einem großen Knall zu Ende bringen. Problematisch erscheint mir auch die Umsetzung: Die Gegenwelt/ Alternativwelt ist vergleichsweise schlecht konzipiert. Es erscheint lediglich alles auf den Kopf gestellt. Bin ladens al quaida ist der Geheimdienst der Vereinigten Arabischen Staaten. wikipedia errscheint als „Bibliothek von alexandira“, usw. . aber da hört es schon auf. ich glaube nicht, dass es in einer arabisch dominierten welt produktbezeichnungen wie „laptop“ „compact disk“ oder „playstation“ gibt. da hätte sich ruff etwas mehr mühe geben können. im fazit eine nette geschichte, der ein wenig mehr Verdichtung gut getan hätte. der plot ist gut, die ausführung allerdings nicht. von vorteil ist, dass sich das buch in einem rutsch durchlesen lässt, langanhaltenden mehrwert kann man aber auf keinen fall erwarten. dieser ruff ist wohl dann doch nur strandlektüre.

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