The Circle Secrets are lies
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Gelesen: „The Circle“ von Dave Eggers

Dave Eggers The CircleSchöne neue Welt. Könnt ihr euch noch erinnern, wie das war, als wir kein Smartphone hatten? Kein Facebook? Kein Internet? Keinen Computer? Für die meisten von uns ist das unvorstellbar. Dabei sind einige dieser heutigen Alltäglichkeiten erst erfunden worden, als ich schon erwachsen war. Und ich bin gerade mal dreißig. Wie wird unsere Welt in fünf Jahren aussehen? In zehn? Mit dieser Frage beschäftigt sich der utopische Roman „The Circle“* von Dave Eggers.

In Eggers Weltvision möchte schon bald jeder dem Circle angehören. Der Circle, das ist die Internetplattform TruYou, die alles verbindet – vom Social Network bis zur Kontoverwaltung. Endlich hat man alles unter einem Dach! Der Circle ist aber auch eine Firma, eine Mischung aus Facebook, Google und Apple, mit tausenden Mitarbeitern und dem traumhaftesten Arbeitsambiente, das man sich vorstellen kann. Es hat alles von der modernsten Austattung über Kinderbetreuung bis zu jeder Variation von Freizeitgestaltung. Für die junge Mae geht ein Traum in Erfüllung, als ihre College-Freundin Annie ihr eine Stelle dort verschafft, und sie stürzt sich mit vollem Ehrgeiz und Idealismus in die Zukunft der totalen Transparenz.

Secrets are lies

In Struktur und Rhythmus hält Eggers sich in „The Circle“ an die Klassiker der dystopischen Literatur, „Brave New World“ von Aldous Huxley und „1984“ von George Orwell: Er beschreibt eine utopische Welt, in der Perfektion und absoluter Frieden möglich sind, ermöglicht durch neue technische Errungenschaften, angeführt von den drei „Wise Men“, deren Kopf ein scheues junges Genie in Kapuzenpulli ist (Zuckerberg lässt grüßen). Im Gegensatz zu „Brave New World“ (erschienen 1932, Handlungszeit 2540) und „1984“ (erschienen 1949, Handlungszeit 1984) spielt „The Circle“ allerdings nicht in einer fernen Zukunft sondern nur einen Wimpernschlag entfernt, vielleicht sogar schon jetzt. Die beschriebenen Erfindungen werden bereits getestet, werden diskutiert oder sind vielleicht schon Alltag.  Wir sprechen hier also weniger von einer möglichen Zukunft sondern vielmehr von einer Gegenwart in der Monopolismus und Datenschutz kein Thema sind.
Und eigentlich klingt es ja auch alles wunderbar. Die Beweggründe für für die Ideale der „Wise Men“ sind absolut einleuchtend und man mag sich fragen, warum es nicht endlich angewendet wird. Negative Stimmen lässt Eggers nur am Rande zu Wort kommen und von den Protagonisten sofort den Wind aus den Segeln nehmen. Es wird dem Leser selbst überlassen, sich kritisch mit der Thematik auseinander zu setzen und mögliche Konsequenzen zu bedenken. Dann wird die „lustige Satire“ oder schöne Utopie schnell beängstigend und frustrierend. Man möchte die Protagonistin schütteln und anschreien. Schöne neue Welt? Ohne mich.
Dave Eggers‘ Roman ist eine dringend notwendige moderne Variante von „Brave New World“ mit dem berühmten Big Brother von „1984“, die zum Nachdenken und zur Diskussion anregt. Bedenklich wird der Roman allerdings, sollte er in unkritische Hände fallen, und die Weltsicht der heranwachsenden Internetgeneration nur noch untermauern, die sich kaum oder gar nicht vor dem Verlust der Privatsphäre fürchtet. Ich empfehle daher, „The Circle“ in die Schullektüre aufzunehmen, um eine kritische Diskussion zu ermöglichen, bevor es womöglich zu spät ist.

Buchfakten

Autor: Dave Eggers
Verlag: McSweeney’s
Seitenzahl: 504
Ursprungsland: USA
Erscheinungsjahr: 2013

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Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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1 Kommentar

  1. Spannendes Thema – seit über 80 Jahren! An der Brisanz hat sich bis heute nichts verändert.
    Es ist schon seltsam als Blogger zu mehr Privatsphäre aufzurufen, aber ich bin auch der Meinung, dass gerade die momentane Teenager-Generation zu leichtfertig damit umgeht, eben weil es heutzutage so wahnsinnig selbstverständlich ist alles ungefiltert zu teilen.
    Vermutlich wären wir als Teenager heute auch nicht anders…

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