Frauen lästern über den Irren
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„Guckt euch mal den Irren an!“

Frauen lästern über den Irren

„Guckt euch mal den Irren an!“
Foto: Unsplash/Ben White

Lieber Leser, lass mich raten: Du bist weiblich, in deinen Dreißigern und würdest dich als gebildet bezeichnen, hast vermutlich sogar einen Hochschulabschluss. Du interessierst dich für das Weltgeschehen und bist zuweilen etwas zynisch. Gewisse Reality-Formate der Privatsender schaust du nur aus Ironiegründen. Du warst #TeamBöhmi bei der Erdogan-Affäre und liest ab und an den Postillon. Die Satireartikel findest du mal mehr, mal weniger – aber meistens doch eher mehr – witzig. Aber, gib‘s zu, am allergeilsten findest du das „Reaktionen-Best-of“: Wenn die dümmsten Kommentare zu einem Artikel geteilt werden. Haha, unfassbar, wie blöde die Leute sein können!

Ja, falls du so bist: Ich identifiziere mich mit dir. Wie oft wanderte mein Mauszeiger schon fast automatisch auf „Gefällt mir“, wenn wieder der neueste Vollpfosten vorgeführt wurde? Zum Schreien komisch!

Aber irgendwann fing es in meiner Magengegend an, missmutig zu grummeln, während sich der Zynismus scheckig lachte. „Ist das wirklich so komisch?“ Der Zynismus fragte etwas irritiert: „Hä? Klar, ist das komisch!“ Doch dann hielt er inne und lauschte der Stimme und plötzlich wurde ihm klar: „Nee, ist gar nicht komisch. Damn it!“

Dumme sind tierisch lustig, oder wie? Dabei sind wir aus den Zeiten raus, in denen Menschen mit Down-Syndrom als Satanskinder verbrannt wurden. Die „Aktion T4“, in der kognitiv beeinträchtigte Personen systematisch getötet wurden, liegt mit all den anderen Nazi-Gräueln weit hinter uns in unserer dunkelsten Vergangenheit (und da soll es auch bleiben). Vielleicht sind wir nicht alle geübt im Umgang mit Behinderten, vielleicht sind wir unbeholfen, schauen weg oder geben unangebrachte Kommentare, aber – kommt schon – keiner von uns würde einen geistig Beeinträchtigten öffentlich an den Pranger stellen und demütigen.

Nun stellt sich allerdings die Frage: Was ist geistig beeinträchtigt? Was ist einfach irre? Und was ist zum totlachen dämlich? Klar, einen „Downie“ erkennen wir auf der Straße – mandelförmige Augen, verkürztes Nasenbein, kleiner Kopf, easy. Halbwegs ordentlich erzogene Menschen stellen sich nicht hin, zeigen mit dem Finger auf ihn und lachen laut los. Bei den ganzen „Irren“ da draußen sieht es schon anders aus: Menschen, die mit sich selbst reden oder laut vor sich hin singen. Menschen, die hysterisch ins Telefon schreien. Gerade in der Stadt laufen solche und andere Verhaltensauffällige einem ja ständig über den Weg. Und plötzlich fangen selbst sonst eigentlich sehr nette Menschen an zu grinsen oder sogar zu lachen. Sie drehen sich auffällig um und rufen ihren Freunden zu: „Guck dir mal den Irren an!“ Ist dir auch schon passiert? Erwischt! Ja, das ist nicht sehr nett. Aber wir sind ja auch nur Menschen. Und die sind ja auch wirklich irre.

Und dann sind da ja auch noch die richtig Dummen. Die, die den Postillon nicht verstehen und Kommentare abgeben, die jedem Menschen, der sie noch halbwegs zusammen hat, zum Facepalm zwingen. Die haben’s echt nicht anders verdient.

Nun ist es aber doch so: Wie sich Intelligenz entwickelt ist immer noch nicht vollkommen erforscht. Klar ist aber, dass unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen: Erbgut, Einflüsse während der Schwangerschaft und soziales Umfeld. Wenn du also das Kind eher minderbemittelter Eltern der sozialen Unterschicht bist, und deine Mutter auch noch während der Schwangerschaft ordentlich gesoffen hat, dann hast du leider einfach die IQ-Arschkarte gezogen, um es mal simpel auszudrücken. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Kind einen Hochschulabschluss erhält, ist eher gering. Dafür ist es gut möglich, dass derjenige den Postillon leider nicht raffen wird. Möglicherweise lässt er (oder sie) sich aber dazu hinreißen, mal im Fernsehen aufzutreten, oder gewisse Parteien zu wählen, die eigentlich unwählbar sein sollten – mit gesundem Menschenverstand betrachtet. Diese Menschen hatten zwar nicht das Pech einer genetischen Mutation unterworfen zu sein, dennoch können sie recht wenig dafür, dass weniger clever sind als der Durchschnitt.

Wir zerren heute keine Menschen mehr mit Mikrozephalie, Phokomelie oder Nonne-Milroy-Meige-Syndrom unfreiwillig ins Freakshow-Rampenlicht. Das hält uns aber nicht davon ab, „Freaks“ öffentlich an den Pranger zu stellen. „Schaut mal alle her, was für ein minderbemittelter Idiot!“

Er hat’s ja nicht anders verdient? Seriously? (Fühlst du dich jetzt schlecht? Wird schon wieder!)

Dann gibt es wiederum Menschen, die einer neurologischen Störung der anderen Art unterliegen. Diese Menschen fallen in der Regel weniger auf – vielleicht ist es ihnen selbst gar nicht so genau bewusst, dass sie beeinträchtigt sind, vielleicht können sie es auch nur gut verstecken. Lieber Leser, vielleicht bist du sogar einer von ihnen. Diese Menschen leiden unter Depressionen, Zwangsneurosen oder anderen psychischen Erkrankungen. Diese „Verrückten“ „ticken irgendwie nicht ganz richtig“: Oft sind Funktionsstörungen der Neurotransmitter schuld – dies kann vererbt, oder durch ein traumatisches Ereignis oder andere äußere Umstände ausgelöst worden sein. Manche Menschen sind davon nur peripher beeinträchtigt, so wie manche Menschen eine moderate Sehstörung haben. Andere jedoch leiden massiv und sind permanent auf Medikamente und Hilfe angewiesen – vergleichen wir sie mit Menschen, die einer angeborenen Erblindung unterliegen oder auf Grund einer Krankheit zunehmend ihr Augenlicht verlieren. Sicher ist nur: Es handelt sich um schwerwiegende Erkrankungen, die im schlimmsten Fall tödlich ausgehen können.

Lieber Leser, vielleicht gehörst du aber auch zu der Sorte Mensch, die ich gar nicht als Leser haben möchte. Vielleicht machst du dich über beeinträchtige Menschen offen lustig, ohne dich zu schämen. Vielleicht mobbst du deine Mitmenschen oder verbreitest Hass im Internet. Aber, klar, ist ja alles nur ein Spaß. Vielleicht findest du, dass es ein „netter Zeitvertreib ist“, „zartbesaitete Personen auf die Palme zu bringen“. Die Leute sollen sich mal nicht so anstellen.

Aber, mal ganz ehrlich: Sich über „Zartbesaitete“ „lustig zu machen“ ist ungefähr genauso witzig wie einen Gehbehinderten mit einem Truck zu jagen.

Nämlich gar nicht.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#3 Heimat“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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3 Kommentare

  1. Uli

    Ich finde ja, dass jeder eine Macke hat, die einen mehr, die anderen weniger – und die, die meinen, sie hätten keine, haben die größte. Damit meine ich natürlich keine geistige, körperliche oder psychische Behinderung bzw. Krankheit. Im Grunde wäre es so einfach, wenn sich jeder um seinen eigenen Mist kümmern würde – obwohl ich auch nicht davor gefeit bin, über andere zu lachen. ABER ich versuch so fair zu sein um zwischen Nicht-Wissen und Dummheit zu unterscheiden lg

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