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Gut oder nicht gut, das ist hier die Frage

Kürzlich bin ich über einen Artikel auf zeit.de gestolpert, in dem mein alter Mitbewohner David fragte: Warum ist der Begriff „Gutmensch“ ein Schimpfwort? Und was bedeutet er überhaupt?

Gutmensch. Ist er das Gleiche wie ein guter Mensch? Ein Mensch, der gut handelt? Aber wer kann in einer bestimmten Situation überschauen, ob sein Handeln Gutes bewirkt? Ist es also eher gut wollen? Aber wie heißt es immer: Das Gegenteil von gut gemacht ist gut gemeint. Gibt es also dieses gute Handeln überhaupt? Und was ist mit einem Menschen, der stets bemüht ist, auf dem rechten Pfad zu gehen, im Geiste aber die schlimmsten Mord- und Vergewaltigungsfantasien spinnt? Kann dieser Mensch gut sein?
Gut, bedeutet das uneigennützig? Gut, bedeutet das moralisch? Aber was genau ist eigentlich diese Moral?
Ich weiß nicht, ob Altkanzler Schmidt sich als guten Menschen bezeichnen würde. Sicherlich aber als einen Mann mit starken moralischen Prinzipien, zu denen er als junger Mann durch die Lektüre von Marc Aurel und natürlich Immanuel Kants kategorischen Imperativ inspiriert wurde.
Kritiker hingegen werfen Schmidt vor, er hätte Kant nicht richtig verstanden:

Ein Uhrmacher benötigt Geschick, um diesen Beruf ausüben zu können.Der pragmatisch Handelnde beweist Geschick im Umgang mit Menschen. Ein Uhrmacher muss klug genug sein, zuverlässige Uhrwerke zu bauen, damit er sie verkaufen kann. Moralisches Handeln schließlich bedeutet, sich nicht mehr an Ziele und Zwecke, sondern nur noch an das Sittengesetz gebunden zu fühlen. Moralisches Handeln macht die wahre Qualifikation menschlichen Tuns aus. Aus all dem ergibt sich, so Hinske, dass Kant eine „scharfe Trennung von von Pragmatischem und Moralischem, von Klugheit und Sittlichkeit“ angestrebt hat. Hinske wendet nun seine Kant-Interpretation auf die Politik des seinerzeit amtierenden Bundeskanzlers an. Laut Hinske lässt sich mit Kant der Nachweis führen, dass Schmidt „gerade nicht sittliche, sondern eigennützige Zwecke“ verfolge.

aus: Martin Rupps: Helmut Schmidt – Ein Jahrhundertleben, erschienen im Verlag Herder, 2013

Ist Schmidt also kein guter Mensch, weil er a) möglicherweise seinen Lieblingsphilosophen falsch interpretierte und b) Zweck vor Theorie gestellt hat?
Dem gegenüber steht die Frage: Gibt es uneigennützes Verhalten? Ist Kants Moral pure Theorie oder tatsächliche Realität? Handelten berühmte „Gutmenschen“ wie beispielsweise Mutter Theresa oder die vielen unbekannten Helfer in Krisengebieten völlig ohne egoistischen Antrieb? Oder war es doch möglicherweise ein schlechtes Gefühl, das sie trieb? Die Unfähigkeit, sich Leid ohne ein nagendes schlechtes Gewissen anzusehen? Oder möglicherweise der Glauben an eine Belohnung in einem Leben nach dem Tod?
Werden die sogenannten Gutmenschen damit zu schlechten Menschen?
Was ist mit den Kritikern der Gutmenschen? Sehen sie es wie Hinske? Dass nur der absolut moralische Mensch, der hunderprotzentig uneigennützige, ein wahrlich guter Mensch sein kann? Und da es so etwas nicht gibt, alle Gutmeinenden somit automatisch moralisch weit unter dem stehen, den sein Hedonismus stärker treibt als das schlechte Gewissen?
Ist es damit besser, Utopien wie Liebe, Respekt und Toleranz gar nicht erst als Ziel zu setzen, als sie nicht mit vollstem Herzen und Intellekt anzustreben?
Wie kommt es, dass manche Menschen es nicht ertragen können, in einer Welt mit Not und Elend zu leben, während andere vollkommen über sie hinwegsehen – ja, sie möglicherweise noch tatkräftig unterstützen? Wenn der Gutmensch eigentlich schlecht ist, ist dann der „Schlechtmensch“ gut, weil er seine eigene Unperfektion erkennt und annimmt?
Oder hatte Thomas Hobbes recht und der Mensch ist ist von Natur aus schlecht?

Was denkt ihr? Gibt es gutes Handeln überhaupt? Und warum ist es schlecht, ein Gutmensch zu sein?

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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2 Kommentare

  1. Hey Larissa,

    spannende Frage… also ich denke, dass es keinen wahren Altruismus gibt. Jede gute Aktion hat als Hauptmotiv den Eigennutzen, und sei es auf die subtile Art und Weise, dass man sich dann als besserer Mensch fühlen kann oder gewisse Selbstzweifel damit kompensiert. Aber das tut den guten Taten ja keinen Abbruch, wenn sie im tiefsten Inneren doch meistens egoistisch motiviert sind. Der positive Effekt auf die Gesellschaft bleibt, also ist es evolutionstechnisch vielleicht gar nicht schlecht, das Prinzip der guten Taten so tief wie im eigenen Egoismus zu verankern.

    Das Wort „Gutmensch“ impliziert für mich irgendwie, dass derjenige sich selber feiert und sich in seiner Gutmenschigkeit erhaben fühlt. Jemand, der demonstrativ und auf andere herabblickend, die nicht so sind wie er, unablässig Spendenscheine ausfüllt und ethisch wertvollen Fair Trade Tee von glücklichen Plantagen kauft.

    Oh, und zu deiner Frage auf meinem Blog: Die Tafelfolie klebt von selbst 😉 Muss man nur ausschneiden und abziehen, fertig. Gibts z.B. bei Idee.

    Liebe Grüße

    Vera

    • Larissa

      Das finde ich spannend, dass der Egoismus zum Zweck der Allgemeinheit evolutionär bedingt ist. Das würde ja bedeuten, dass die Erfindung von Sünde und Hölle die evolutionäre Variante ist, alle Menschen auf „den richtigen Weg“ zu bringen. Was die Kirche wohl dazu sagt? 🙂
      Irbendwo habe ich mal gelesen, dass Gutmenschen diejenigen seien, die immer von ihren guten Taten sprechen, aber eigentlich gar nichts Gutes machen, also ziemlich scheinheilig sind oder einer Doppelmoral unterliegen. Aber läuft man damit nicht immer die Gefahr, wenn man nicht perfekt ist, von anderen als „ekelhafter Gutmensch“ betrachtet zu werden? Ist es dann besser, klammheimlich zu versuchen, sich gut zu verhalten, anstatt zu versuchen, die Welt zu verändern? Egal, wie man es dreht, ich mag das Wort „Gutmensch“ nicht. Dann sag ich lieber: „ekelhafter Heuchler“ 🙂
      Oh, vielen Dank! Ich wusste nicht, was Tafelfolie ist, aber dann werde ich mich demnächst mal bei der Idee umschauen. Sie ist ja immer einen Besuch wert. 🙂

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