Stadt Menge
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Heimat. Oder: Ein Hoch auf die Gleichgültigkeit.

Zusammenfassung: Kann eine 3,8-Millionen-Stadt, in der Menschen aus über achtzig Nationen aller Alterskohorten und unterschiedlichster Sozialmilieus leben, eine Heimat sein? Die konservative Kulturkritik antwortet darauf mit einem klaren Nein. Ich sage: Ja, und noch mehr. Die Großstadt kann nicht nur Heimat sein, sie lehrt einen auch, in unserer komplexen, chaotischen Welt heimisch zu werden – und dabei menschlich zu bleiben.

Heimat, schrieb der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger 1980 zum Thema „Kulturelle Identität“, sei die verständliche, durchschaubare Nahwelt des Menschen, der Bezugsrahmen, in dem seine Verhaltenserwartungen an seine Mitmenschen und deren Verhaltensweisen weitgehend zusammenpassen und er selbst darin sinnvoll handeln kann. Damit stehe sie im Gegensatz zu Fremdheit und Entfremdung.

Meine Heimat ist Berlin. Das klingt ein wenig paradox. Kann eine 3,8-Millionen-Stadt, in der Menschen aus über achtzig Nationen aller Alterskohorten und unterschiedlichster Sozialmilieus leben, eine „durschaubare, erwartungsstabile Nahwelt“ sein? Ist eine Großstadt nicht vielmehr die steingewordene Fremdheit und Entfremdung? Für die konservative Kulturkritik ist sie das seit jeher. Ob der Kulturhistoriker Wilhelm Riehl (*1823; † 1897), der Geschichtsphilosoph Oswald Spengler (*1880; † 1936) oder der Theologe Paul Althaus (*1888; † 1966) – für sie alle standen die schnellwachsenden Metropolen ihrer Zeit pars pro toto für das entfremdete bzw. „entartete “ Leben. Sie sahen in ihr den Quell allen Elends und des Verderbens, die Brutstätte aller Laster, Krankheiten und des sittlichen Verfalls – und ganz Unrecht hatten die Herren (konservative Kulturkritikerinnen ihres Schlages sind mir nicht bekannt) ja nicht.

Stadt Menge

Foto: Unsplash/Mike Wilson

In der Hochzeit der Industrialisierung (1871 bis 1910) hatte die Verelendung der Arbeiterschicht dramatische Ausmaße angenommen und in der Weimarer Republik (1918 bis 1933) wurde die Großstadt zum Laboratorium der Lebensstile, in dem alles erprobt und probiert wurde. Doch ihrer Deutung dieser Symptome folge ich nicht. Nach meinem Dafürhalten konnte man die Verelendung der Arbeiterklasse kaum der Großstadt anlasten als vielmehr auf die fehlenden Sozialstandards und Arbeiterrechten zurückführen. Und das zuweilen sehr wilde und ausschweifende Großstadtleben muss nicht zwangsläufig als Sittenverfall gedeutet werden; man kann es ebenso gut (oder noch besser) als einen Zugewinn an Freiheit interpretieren – der Freiheit von Bevormundung und der Freiheit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Doch diese Deutung passt nicht ins zivilisationskritisch-antiliberale Denktableau.

Das positive Gegenbild zur „bösen“ Großstadt fanden die Großstadtverächter übrigens im bäuerlich-feudal geprägten Dorf bzw. der ständisch gegliederten Klein- und Mittelstadt. Mit ihren klaren Hierarchien und vermeintlich gewachsenen Strukturen entsprächen sie dem wahren Naturell des „deutschen Volkes“.

Ich bin in einem Dorf im nördlichen Niedersachsen aufgewachsen. Zwischen Heide und Moor, Wiesen, Wäldern und Feldern. Gleich ums Eck lag die Kiesgrube und eine Fahrradlänge entfernt die Fischteiche. Am Sonntag ging man in die Kirche und nach dem Mittag wurde geruht. Im Sommer feierte man das Schützen-, im Herbst das Erntedankfest und zur Sonnenwende lud Bauer N. auf seinen Hof, auf dem sich auch sonst gerne Alt- und Neu-Nazis am Lagerfeuer versammelten. Doch darüber sprach man nicht – wie über vieles andere auch. Nichts sollte die dörfliche Ordnung stören. Um das zu gewährleisten, trat neben das Tabu die Sozial- und Selbstkontrolle.

Wie oft habe ich den Satz gehört: „Was sollen denn nur die Nachbarn von uns denken?“ Als Kind verstand ich nicht, später wollte ich nicht verstehen, was denn so wichtig daran war, was Herr K., Frau S. oder Familie M. über uns dachten. Später verstand ich dann – ich entkam meinen Rufmördern nur knapp. Zuflucht fand ich in der großen Stadt, die mich umstandslos integrierte. Hier war es gleich, welche Kleider ich trug, ob ich eine Frau liebte oder einen Mann, ob ich gern ausging oder ein Stubenhocker war, wer meine Freunde waren und was meine Leidenschaften. Überhaupt war’s egal, was und wer und woher ich war, solange ich mich an die Grundregel hielt: „Leben und leben lassen.“ Und so ist es bis heute geblieben.

Man kann das als Desinteresse auslegen, als Gefühlskälte oder Ignoranz. Ich sehe das anders. In meinen Augen ist diese großstädtische Indifferenz eine wunderbar unkomplizierte Weise, um in der Undurchschaubarkeit und Unverständlichkeit unserer Welt heimisch zu werden – und dabei menschlich zu bleiben.

Quelle:

Bausinger, H. „Kulturelle Identität – Schlagwort und Wirklichkeit, in: Konrad Köstlin u.a. (Hrsg.): Heimat und Identität. Probleme regionaler Kultur. Neumünster: Wachholtz 1980, S.9-24.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#3 Heimat“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

 

Indre

Indre, *1972, lebt seit 21 Jahren glücklich in Berlin. Auf ihrem Blog m-i-ma.de versucht die 2fache Einzelkindmama und Kommunikationsberaterin den Spagat zwischen Lifestyle und Tiefgang. Dabei schaut sie gerne hinter die Kulissen und sucht neue Perspektiven auf das scheinbar Selbstverständliche – ganz gleich ob es um Design oder Politik, Blogs oder Kleider geht.

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Indre, *1972, lebt seit 21 Jahren glücklich in Berlin. Auf ihrem Blog m-i-ma.de versucht die 2fache Einzelkindmama und Kommunikationsberaterin den Spagat zwischen Lifestyle und Tiefgang. Dabei schaut sie gerne hinter die Kulissen und sucht neue Perspektiven auf das scheinbar Selbstverständliche – ganz gleich ob es um Design oder Politik, Blogs oder Kleider geht.

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