Aufzucht von Tyrannen: moderne Eltern

Helikopterrabenmutter, ich

Seit geraumer Zeit haben wir wieder Musikfernsehen. Und ich stelle fest: Musikfernsehen ist mein Horrorfilm. Es ist so gruselig, doch ich kann einfach nicht weg gucken. Und ich denke: „Was stimmt nur nicht mit der Jugend? Ist mit der denn gar nichts mehr los?“

Ich habe meine Mutter einmal mit ins Uni-Kino genommen, es muss so 2005, 2006 gewesen sein. Wir schauten Die fetten Jahre sind vorbei. Daraufhin seufzte meine Mutter: „Ich weiß nicht, was mit euch los ist. Deine Generation ist so furchtbar langweilig. Mit euch ist ja wirklich gar nichts mehr los!“

„Was stimmt nur nicht mit dieser Generation?“, fragten sich Experten, Literatur, Medien und Stammtische um die Jahrtausendwende. Man nannte uns Generation Doof oder auch Generation Praktikum. Mit uns, den 14- bis 29-Jährigen lief einiges schief, da waren sich alle sicher. Wir waren faul, ohne Elan oder Ehrgeiz, nicht fähig, auf eigenen Beinen zu stehen oder gar die Weltgeschicke zu lenken. Die Zukunft lag in den Händen blasser, einfältiger Computerkinder.

Die Jahre vergingen. Ich studierte, machte meinen Abschluss, fand einen Job ein zwei Praktika und schließlich eine Festanstellung. Ich kaufte mir etwas zu Essen und machte meinen Haushalt. Ich sorgte mich um die Umwelt, machte mir Gedanken über Gott und wurde Vegetarier. Am Anfang jeden Jahres machte ich meine Steuererklärung. Irgendwann wurde ich neunundzwanzig. Ich war schwanger mit meinem ersten Kind, der Termin zur Hochzeit stand. Ich las in der Zeitung, dass mit der Generation der 14- bis 29-Jährigen etwas ganz und gar nicht stimme. Die Zukunft lag in den Händen dummer, unfähiger Tyrannenkinder.

Schließlich wurde ich dreißig – und gehörte endlich der Generation reifer, verantwortungsbewusster Erwachsener an. Doch, oh weh, ich beging einen entscheidenden Fehler: Ich setzte ein Kind in die Welt! Und schon machte ich wieder alles falsch! Denn nun war ich zwar nicht mehr selbst das Tyrannenkind, doch zog ich eins heran! Denn wieder sind sich alle, von Stammtisch bis Experte, einig: Die Helikoptereltern dieser Tage zerstören unseren Nachwuchs! Denn wo liest man nicht davon? Wie unsere Kinder zu Tyrannen herangezogen werden? Zu egoistischen, nichtsnutzigen Menschen, die von früh an auf Elite gepimpt werden, die nichts mehr aushalten können, vor allem nicht verlieren können. Wir kennen sie doch alle, richtig? Und wenn nicht, dann gibt es lustige Beiträge, die uns vor Augen führen, wie wir uns auf den Abgrund zu bewegen. Wie wir unsere Kinder von Frühförderung zu Frühförderung schleppen, mit Attachment Parenting verhätscheln und sie schließlich an der Hand zur Uni führen.

Helikoptereltern

Helikopter…

Ja, ich bekenne mich schuldig im Sinne der Anklage. Ich habe mein Kind ein Jahr lang gestillt und es im Familienbett gebettet. Beziehungsweise, in meinem Bett, während ich halb im Babybett schlief. Ich habe es getragen, getragen, getragen und niemals schreien lassen. Ich war in Babykursen und habe bereits dem Neugeborenen hohe Literatur vorgelesen. Ich (über)fordere meinen Zweijährigen mit Holz(!)-Eisenbahnen für Dreijährige und lese nur Bücher ab vier Jahren mit ihm. Süßigkeiten gibt es für das Kind höchstens mal an Weihnachten. Ja, ich muss gestehen: Ich bin eine Helikoptermutter.

…rabenmutter

Doch – jetzt kommt’s: Mein Kind hat niemals Wolle-Seide-Bodys getragen. Ja, meistens trägt es sogar nur Second Hand oder Sonderangebote von … ich gebe es zu … H&M oder C&A. Es ist oft schmutzig und ich störe mich nicht daran. Irgendwo hängt doch eine Matschhose … Wann hatte es die wohl zuletzt an? Ach ja, die ist in der Kita! Denn da muss es vormittags hin – ob es will oder nicht. Ich arbeite nämlich. Wir haben es mit neun Monaten aus dem Familienbett geworfen und in sein eigenes Zimmer gesteckt (oh, welch Erleichterung!) und ich habe praktisch niemals Brei selber gekocht. Einmal die Woche darf der Zweijährige eine halbe Stunde fernsehen – und manchmal sogar am Handy rumspielen. Shit! Ich bin eine Helikopterrabenmutter!

Rabenmutter

Und blicke ich mich in meinem Umfeld um, dann sehe ich dort einfache und anstrengende Kinder. Ich sehe Eltern und Erziehungsstile, die mir sympathisch sind und andere, die es nicht sind. Manchmal treffe ich auf Menschen, die so überfürsorglich sind, dass sie mir auf die Nerven gehen. Bei anderen habe ich den Ruf, dass mir mein Kind „auf der Nase rumtanzt“. In Gesprächen mit vielen Müttern schwingt eine gewisse Unsicherheit mit. Junge Mütter, die sich nach der Geburt verloren gefühlt haben, weil ihnen keiner beim Stillen geholfen hat – und sie sich nicht getraut haben, das Kind selbst anzulegen. Mütter, die sich das Familienleben anders vorgestellt haben – inniger und harmonischer. Die an sich und ihren Erziehungsidealen zweifeln. Die sich fragen, ob sie konsequenter sein sollten oder ob sie ihren Kindern nicht eigentlich schon zu viel zumuten. Selten kommt mir das Wort „Helikoptereltern“ in den Sinn. Doch häufig habe ich das Gefühl, dass Eltern sich gerade vor diesem Stigmata fürchten: Zu weich zu sein. Tyrannen heranzuzüchten. Ich sehe Eltern, die ihre Babys „aus Prinzip“ schreien lassen. Und immer wieder erlebe ich, dass schon ganz kleine Kinder einen Klaps auf die Hand bekommen oder angeschrien werden, weil sie nicht „vorsichtig genug“ sind.

4ever&ever&ever!

Erziehung ist eine Faszination. Ich erinnere mich zurück an meine Kindheit. Wie ich meine Mutter und die Eltern in meinem Umfeld beobachtet habe. Wie meine Mutter die Sekretärinnen in der Schule runtergemacht hat, damit ich unter allen Umständen an meinem fünfzehnten Geburtstag (einem Freitag) meinen Mofa-Führerschein ausgehändigt bekomme – auch wenn der zuständige Lehrer an diesem Tag nicht arbeitete (Helikoptermutter!). Wie sie mich auf Partys mit langhaarigen Metal-Typen fuhr, damit ich neue Freunde finde (Rabenmutter!). Ich erinnere mich an Eltern, die zu nett waren und Eltern, die zu streng waren. Eltern, die ihren Kindern alles erlaubt haben und Kinder, die mit achtzehn noch fragen mussten, ob sie auf eine Party gehen dürfen. Eltern, die Angst vor dem Gerede der Nachbarn hatten und Eltern, die sich mit dem Vikar des Konfirmantenunterrichts angelegt haben (meine). Eltern, die rausposaunten, dass ihre Kinder viel besser, toller und klüger wären als alle anderen. Eltern, die jegliche Kritik an ihren Kindern abwiesen – um ihnen hinter geschlossenen Türen die Hölle heiß zu machen. Ich kannte Vierzehnjährige, die sich nachts aus dem Haus schlichen und per Anhalter auf die Partys fuhren, die sie nicht besuchen durften. Und Achtzehnjährige, die keinerlei Schimpfworte kannten. Dreizehnjährige, die ältere Typen über Nacht zu Besuch hatten. Sechzehnjährige, die nicht mit ihren Freundinnen auf den Weihnachtsmarkt in die Stadt fahren durften. (Der Nikolaus könnte ihnen Drogen unterschieben.) Aus manchen diesen Kindern ist etwas geworden – mit Studium und Promotion und allem Pipapo.  Manche sind vom Weg abgekommen. Manche haben eine Vergangenheit mit vielen Wirrungen hinter sich. Manche haben trotzdem zu sich gefunden. Über manche gehen Gerüchte über kriminelle Machenschaften im Dorf um. Manche sind irgendwie anders, manche langweilig. Manche sind heute selbst Eltern, manche nicht. Manche sind immer noch oder trotzdem oder wieder toll. Manche sind sicherlich genau die Idioten geworden, die man damals schon hat kommen sehen.

Und im Endeffekt lernen wir daraus nur eins: Idiotie, Tyrannentum und schlechtes Benehmen haben kein Geschlecht und keine Nationalität – und auch kein Alter.

Fotos: Unsplash

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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