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Herzlichste Erinnerungen

Als ich noch jung war, damals, da draußen in diesem Dorf in den Wäldern, bevor es das Internet gab … Ja, manchmal habe ich wirklich das Gefühl, dass ich in einer Welt aufgewachsen bin, die es so heute gar nicht mehr gibt. Irgendwo zwischen „wollen“ und „nicht können“, Rebellion und „nette kleine Gymnasiastin“, Träumen vom Leben und Unikaten, die man in der Stadt nur flüchtig beobachtet. So entsteht diese neue Rubrik: Als ich noch jung war …

In diesen Tagen, wenn man Umzugskisten packt, fallen einem viele Dinge in die Hand, die in Schränken verstaut oder zu Chamäleons des Alltags geworden sind: alte Briefe, verstaut in irgendwelchen Kartons, Bilder, Geschenke, Erinnerungsstücke. Eins davon ist das alte Wiesn-Lebkuchenherz, das mein Freund mir mal geschenkt hat, und über dessen Leben oder Tod im Verlauf des Umzugs noch nicht entschieden wurde. Für die meisten sind Lebkuchenherzen vermutlich nur klebrig-süße Kommerzmassenware. Aber nicht für das Mädchen vom Dorf.


Herzlichste Erinnerungen
Als ich noch jung war, gab es nur wenige gesellschaftliche Großevents in der Gegend. Und noch weniger im eigenen Dorf, wo man ohne mobile Unterstützung von Mama, älteren Geschwistern oder eventuellen älteren Freunden hinkommen konnte. Das ist schlecht, denn wie man seit Jane Austen weiß: Bälle dienen der Brautschau – oder in der heutigen Zeit dem Abchecken des anderen Geschlechts.
Ein wichtiges Ball-Ereignis war dabei selbstverständlich die Kirmes, die einmal jährlich dort stattfand, wo heute der Kindergarten steht: Auf dem Parkplatz neben der Grundschule. Auf dieser Kirmes gab es immer einen Auto-Scooter, wenn man Glück hatte einen Musik-Express und natürlich eine Bude mit Essen. Und die Jugend versammelte sich, um rumzustehen, im besten Fall gut auszusehen und dank der Beschallung vom Auto-Scooter für einen Abend das Gefühl von Disco zu bekommen. Und unsereins hoffte natürlich Jahr für Jahr auf diesem gesellschaftlichen Ereignis den passenden Ehemann Traumboy fürs Leben kennenzulernen (wo der auch immer plötzlich herkommen sollte, denn die eigenen Mitschüler kannte man ja bereits alle). Und während Mister Darcy seiner Lizzie die Hand zum Tanz reichte, hoffte das Mädchen vom Dorf nur auf eins: dass ihr jemand sein Lebkuchenherz schenken möge.
Was allerdings nie passierte.
Eines Tages passierte es, dass im Dorf ein großes, großes Partyzelt aufgebaut wurde. Der Anlass ist mir entfallen, aber es war vermutlich entweder a) ein Jubiläumsfest des Dorfs oder b) eine Party der Freiwilligen Feuerwehr. Fest steht: Es war GROSS! Es gab sogar eine Bühne, auf der eine Rock’n’Roll-Partyhits-Coverband spielte. Die Erwachsenen tanzten Disco Fox. Jemand machte seiner Freundin öffentlich einen Heiratsantrag. Sprich: Eine Party, die sich einer 16-Jährigen langfristig ins Gedächtnis brennt. Und noch etwas blieb unvergessen: Auf diesem Fest gab es Lebkuchenherzen zu kaufen!
Doch, ach weh, der Traumboy kam nicht vorbei. Es gab kein Herz für mich.
„Was soll’s?“, sagte meine Freundin. „Wie heißt es so schön? Pech im Spiel, Glück in der Liebe. Bei uns ist das eben andersrum: Wenn wir keine Liebe finden, dann machen wir eben Karriere.“
Und so kauften sich die einsamen Mädchen ihre Herzen selbst. Oder eben gegenseitig, wenn man so will.
Und schließlich saßen zwei kleine Mädchen einsam zu zweit, mümmelten Lebkuchenherzen,  krümelten das blaue Stoff-Klappsofa voll und hofften auf eine bessere Zukunft.

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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4 Kommentare

  1. Als ich noch jung war – gab es das auch. Mitten in der Stadt. Die Lebkuchenherzen als Beute wie Zettel mit Telefonnummern. Ob mir je einer eins gekauft hätte? Ich glaube nicht. Bis auf den richtigen Freund. Viel später. Die kaufen solche Dinge und man denkt sich: Mann, so viel Geld für eine Süßigkeit, die man nicht isst? Na ja, meinen Kindern habe ich auch eines gekauft. Mit Bagger drauf. Es war in gefühlten 30 Sekunden vernichtet. Da habe ich erstaunt die Augenbraue gehoben und gemeint: Gut, dass lernt man, wenn man Kinder hat. Ist halt auch bloß eine Süßigkeit. In ihren Augen.

  2. Ich habe ja immer auf eine Autoscooter fahrt gehofft – während im Hintergrund Mambo Number five und How much is the Fish gedröhnt hat 😀 Manchmal – nein – sehr oft bin ich froh, dass ich kein Teenie mehr bin 😉 lg

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