Heimat: Marburger Straße Siegen
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Home is …

Heimat: Marburger Straße Siegen

Im Englischen ist es simpel: Home, das kann genauso gut dein gegenwärtiger Wohnort sein, als auch deine Heimat. Im Deutschen können wir trennen, aber das macht es nicht einfacher. Auf der einen Seite haben ein fast schon lapidar dahin geworfenes „zu Hause“. „Zu Hause“, das ist meistens der Ort, dessen Adresse in unserem Personalausweis steht. Gelegentlich fahren wir auch „nach Hause“ und meinen damit unser Elternhaus – nur um geraume Zeit später mit „nach Hause“ wieder die Gegenrichtung zu meinen. Und manchmal ist das „Zuhause“ sogar nur da, wo wir die nächste Nacht verbringen werden. Es ist nicht immer gleich klar, wovon aktuell die Rede ist. Aber es lässt sich ungefähr erahnen.

Ganz anders sieht es mit dem Begriff „Heimat“ aus. Heimat, das kann alles sein. „Home is where your heart is“, schlägt mir Google vor. Oder: „… where your bag is“. Oder: „… whereever I‘m with you“. Oder: „… where wifi connects automatically“. Oder auch: „… such a lonely place“. Heimat, das klingt nach Heimatfilm und Musikantenstadl, nach grünen Wiesen und Rehkitzen. Für manche klingt es auch nach Nazi-Couleur, je nachdem, auf welche Ohren es trifft.

Was ist also Heimat? Das kann jeder nur für sich selbst beantworten. Und mir fällt diese Antwort unheimlich schwer. Als Kind, da hätte ich vielleicht gesagt: „Da, wo ich herkomme.“ Das war lange ein altes Fachwerkhaus mit grünen Wiesen hinterm Haus. Erinnerungen habe ich an dieses praktisch keine. Aufgewachsen bin ich zwei Dörfer weiter, in einem Haus aus den Siebzigern mit einem dunklen Wald auf der anderen Straßenseite. Achtzehn Jahre lang habe ich dort gewohnt. Doch ein Gefühl der Heimat hat sich nie eingestellt. Ich bin mit einem Ressentiment dort eingezogen, das man bei einer Dreijährigen wohl erwarten, aber auch getrost ignorieren kann. Doch das Gefühl blieb. Das Gefühl von „Ich bin hier nicht zu Hause, ich möchte hier nicht bleiben“. Überall, nur nicht hier: Heimat musste woanders sein. Und das Gefühl weitere sich aus. Auf das Dorf mit dem Fachwerkhaus – bis in die Kreisstadt.

„Wo willst du denn hin?“, schrie mich viele Jahre später ein wohl recht patriotischer Liebhaber unserer Region an – in Schweden, was zu der Zeit mein Zuhause war. „Glaub bloß nicht, dass es woanders besser ist!“, giftete er. „Geh ruhig, du wirst schon sehen, dass es woanders auch nicht anders ist.“

Ich wollte mir selbst beweisen, dass er nicht recht hatte. Also ging ich. Ich war im Norden, außerhalb von Deutschland (siehe oben), ich war im Osten, in „Dunkel-Deutschland“, und schließlich landete ich „irgendwie nicht mehr in Deutschland“, im Süden.

Nicht ganz freiwillig, sondern der Liebe und der lieben Arbeit wegen. Ich war gerade erst zwecks Wohnungssuche in der Stadt angekommen, da hing ich im Hostel-Aufzug weinend am Telefon und schrie meinen Mann an: „Ich hasse diese Stadt jetzt schon!“ Ich hasste die Verkehrsführung, in der ich mich kurz zuvor heillos verfahren hatte. Ich hasste es, dass Brötchen hier „Semmeln“ hießen und die Brezeln kein L besitzen. Ich hasste den Mietpreis meines kleinen WG-Zimmers. Ich hasste die Kleidung, die ich in der U-Bahn sah – von Dirndl bis Pelzjacke. Ich hasste es, mich als „Preiß“ fremd zu fühlen im eigenen Land. Ich blieb pedantisch und klammerte mich an mein Hochdeutsch.

Die Zeit ging, wir blieben. Ich fand Freunde, viele davon sogar „echte“ Bayern. Ich mietete eine eigene Wohnung an. Ich bekam ein Kind, in dessen Papieren diese fremde Stadt als Geburtsort eingetragen ist. Ich habe gelernt, dass man kein Dirndl tragen, ja nicht mal das Oktoberfest besuchen muss, wenn man hier leben will. Beim Bäcker bestelle ich immer noch Brötchen, aber ich sage genauso selbstverständlich „Grüß Gott“ wie Hallo und natürlich heißt es „a Brez‘n“. Wir sind hier zu Hause. Aber ist es auch unsere Heimat?

Besuchen wir Berlin oder das „Anti-München“ im Norden, dann bekommen wir Fernweh. Dann machen wir uns frustriert auf den Rückweg und beschweren uns darüber, dass schon wieder einer der tollen Indie-Clubs in München geschlossen wurde, dafür aber Limp Bizkit als heißer Act auf dem Rockavaria spielen. Wir schimpfen immer noch auf die Mietpreise und mindestens ein Mal im Jahr explodiert unser Frust in ein „Lass uns woanders hinziehen!“. Wohin? „Zurück nach Hause!“

Ich erkläre immer noch, dass ich nicht ordentlich Fahrrad fahren kann, weil man bei „mir zu Hause“ irre sein muss, wenn man ohne Elektro-Antrieb Rad fährt. Ein kleines Obstmesser heißt bei mir immer noch „Knippchen“ und wenn jemand beim Spielen schummelt, dann rufe ich: „Du hast gefuddelt!“ Dreht sich das Gespräch um Fußball, dann frage ich meinen Mann, wie Dortmund sich gerade schlägt. Das hat keinen besonderen Grund. Außer dem, dass ich doch nun mal aus Südwestfalen komme. Und da liegt Dortmund eben nahe.

Doch bin ich „zu Hause“, dann stellen sich mir schon nach wenigen Minuten die Nackenhaare auf, wenn mich Leute mit „Schur!“ begrüßen (ein Übrigbleibsel von den Franzosen – ja, da hieß es noch „bonjour“), wenn jemand „Mussick hören tut“ oder „essen“ in der zweiten Person Singular mit „issest“ konjugiert. Hier bin ich vielleicht beheimatet, aber nicht mehr zu Hause. Dann fühle ich mich plötzlich ganz bayerisch und vermisste beinahe die Lederhosen, die ich sonst so greißlich finde.

Heimat – was ist das nun, frage ich mich. Komme ich aus der Heimat oder bin ich in ihr angekommen? Oder suche ich sie vielleicht sogar vergebens? Hat jeder eine Heimat oder ist es ein glückliches Geschenk für Auserwählte?

Heimat, das kann Tausend Gesichter und Tausend Gründe haben. Heimat, das ist für mich der Ort, wo mein Mann und mein Kind sind. Heimat, das ist ein Ort, den ich manchmal hasse – aber noch mehr liebe, wenn ich an einem sonnigen Tag all die Menschen auf der Straße sehe. Heimat, das ist, wenn ein Ort nicht mehr nur aus Namen auf dem U-Bahn-Plan besteht – sondern die schwarzen Flecken auf der Karte langsam weniger werden. Heimat ist, wenn man sich mit jemandem an Ort XY treffen will und nicht erst die Öffi-App fragen muss, wie man dort hinkommt. Heimat, das ist, wenn man schon okay findet, wie die Leute um einen herum reden. Heimat ist, wenn man sich im nächsten Supermarkt bestens auskennt. Heimat ist, wenn man durch die Stadt kennt und an jeder Erinnerungen wohnen: Orte, an denen man sich mit Freunden geplaudert, Kneipen, in denen man mal gefeiert hat oder auch: Wohnungen, die man nicht bekommen hat.

Das alles ist Heimat für mich. Und was ist es für dich?

P.S.: Bei Tellyventure gibt es übrigens gerade eine Blogparade zum Thema!

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#3 Heimat“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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