„Ich will alles und zwar gratis!“

Taylor Swift hat alle ihre Songs von Spotify entfernen lassen. Und schon regt sich alle Welt auf, dass die „reiche Tussi“ uns ja wohl mal ihre Lieder schenken könnte.

Ich werde oft ziemlich schräg angesehen. „WAS? Du kaufst dir ECHT noch CDs? Warum benutzt du nicht Spotify?!?“ Noch vor zwanzig Jahren war vieles anders. Wollte man Musik haben, sparte man sich 30 DM zusammen und kaufte sich die CD. Wollte man einen Film außerhalb des Fernsehprogramms sehen, ging man ins Kino oder kaufte sich eine Videokassette. Natürlich gab es die Möglichkeit, Lieder auf Kassette aus dem Radio oder Filme aus dem Fernsehen mitzuschneiden. Aber das war sehr mühsam. Wollte man etwas lesen, kaufte man sich ein Buch, ein Magazin oder eine Zeitung.
Aber dann kam das Internet. Und mit dem Internet kamen Online-Magazine, Napster und Kino(x).to.
Taylor SwiftPlötzlich war alles nur noch wenige Klicks entfernt. Und zwar gratis. Illegal? Merkt doch keiner!
Viel wurde im letzten Jahrzehnt über das Internet diskutiert. Über Urheberrecht. Und darüber, wie die Mediennutzung der Zukunft aussehen soll.
Was sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt hat ist aber dies: „Ich will alles – und zwar gratis!“ Medien betrachten wir heute als Menschenrecht, für das man nicht bezahlen muss. Als moralische Rechtfertigung gilt: „Die haben doch sowieso Geld genug! Da fällt es gar nicht auf, wenn ich mir die CD/den Film/das Buch downloade!“ Taylor Swift kann es egal sein, ob sie ein paar Tausend CDs mehr oder weniger verkauft. Sandra Bullock verdient Millionen! Kann ihr doch egal sein, ob ich ihren Film im Kino gucke oder streame. J. K. Rowling? Die kann echt gut damit leben, wenn ich ihr neuestes Buch nicht kaufe!
Stimmt.
Und diese Annahmen treffen auf gefühlte 0,00000001 Prozent der Menschen in Medien-Berufen zu.
Will eine Band ein Album aufnehmen, dann steht sie erstmal vor einem Kostenberg: Studio, Produzenten, Gastmusiker, Aufnahmetechniker, Material … all das muss bezahlt werden, bevor sie überhaupt einen einzigen Song vekauft haben. Möglicherweise hat die Band ein Label im Rücken, das ihnen das Geld vorstreckt. Und am Ende bekommen sie eine geringfügige „Entschädigung“ für ihre Arbeit, denn das meiste der Einnahmen bekommen andere. Kauft keiner die CD, gibt es keine Einnahmen. Und die Musiker gehen weitestgehend leer aus. Auch kann man nicht sagen, dass eine Band mit einer Tour ein Vermögen verdient. Ein Durchschnittsticket kostet vielleicht 25 Euro bei vielleicht 500 Gästen. Dann rechnet euch aus, wie viel davon der Veranstalter bekommt, wie viel in Logistikkosten gesteckt wird und durch wie viele Musiker der restliche Betrag geteilt wird. Kann man davon leben? Wenn man Glück hat, gerade so eben. Wenn man Pech hat, muss man nebenbei andere Jobs machen.
Noch schlimmer sieht es bei Schauspielern aus. Ja, dann haben sie vielleicht ein Filmprojekt, bei dem sie für drei Wochen Arbeit 10.000 Euro bekommen. Brutto. Bei drei solchen Projekten pro Jahr bleibt kein großes Jahresgehalt übrig. Manche Schauspieler ziehen daher eine künstlerisch wenig anspruchsvolle Arbeit á la „Gute Zeiten Schlechte Zeiten“ vor … denn nur dort haben sie ein regelmäßiges Einkommen, das mit dem eines Durchschnittsverdieners vergleichbar ist.
Schriftsteller? Erhalten klassischerweise einen Bruchteil der Einnahmen an ihrem Buch.
Redakteure? Ich kann euch sagen, dass ein normaler Redakteur sich die ganzen „Must haves“, die in Magazinen so gerne angepriesen werden, niemals leisten kann. Ich kann es jedenfalls nicht.
Sicherlich bin ich nicht die Richtige, um große Moralpredigten zu schwingen. Wer mich kennt, weiß, dass ich die meisten Bücher und Filme aus der Bücherei ausleihe. Und auch ich spiele mit dem Gedanken, mich bei Netflix anzumelden. Und manchmal nutze ich sogar Spotify.
Dennoch bin ich der Meinung: Jemand hat viel Schweiß, Blut, Arbeit und Geld in ein Produkt gesteckt. Möchte ich dieses Produkt nutzen, dann muss ich dafür auch bezahlen.
Denn wenn das Spotify-Prinzip zum Konsens wird, dann bleiben bald nur noch mediale Produkte mit Millionenabsätzen. Dann bleiben uns nur noch Hollywood-Komödien, Justin Bieber und „Twilight“. Und das kann nun wirklich niemand wollen.
Und: Ja, Taylor Swift ist reich. Sie hat es sicherlich nicht nötig, sich mit Spotify anzulegen. Aber muss sie deswegen die Hände in den Schoß legen und sagen: „Geht mich alles nichts an!“? Nimmt ihr das das Recht, sich für ein Prinzip einzusetzen? Nein. Also sagen wir: Danke, Taylor!

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.