Warten auf's Baby: Who's waiting?
Kommentare 3

„Ist er schon da?“

Am Ende von Woche 35 meiner Schwangerschaft sah sich die Hebamme mein CTG mit Missfallen an: „Du hast Wehen! Dein Kind will raus! Das ist zu früh. Du solltest dich ein wenig ausruhen.“
Mir ging es gut. Ich wollte mich nicht ausruhen. Aber wer riskiert schon eine Frühgeburt? Also legte ich mich aufs Sofa und sagte zu meinem Kind: „Ich weiß, du hast keinen Platz mehr. Aber ein bisschen musst du noch aushalten. Nur noch etwas mehr als eine Woche. Dann ist es okay.“
Alle waren schrecklich aufgeregt. So bald schon! Bald ist das Kind da!

Woche 37 kam und damit die Zeit der „termingerechten Geburt“. Endlich durfte ich runter vom Sofa. Jetzt dufte es losgehen. Ein bisschen länger würde ihm sicher noch gut tun, aber … die „Erholungsphase“ hatte mir jede Kraft geraubt. Mir tat alles weh vom vielen Liegen. Ich war müde und frustriert. Meine Beine schmerzten fürchterlich. Aber jetzt durfte ich mich ja wieder bewegen. Und er will ja raus.
Bald ist das Kind da! Wie aufregend!
Woche 37 ging und es passierte … nichts.

Woche 38 kam, und ich wartete. Alles tat weh. Mein Bauch war riesig. Ich hatte keine Lust mehr. Die Hebammen pieksten bei der Akupunktur Punkte zur Wehenförderung mit. Jetzt wird es wirklich bald losgehen – bei diesen Vorwehen! Das kann nicht mehr lange dauern!
Alle waren sehr aufgeregt. Bald ist das Kind da!
Woche 38 ging und es passierte … nichts.

Woche 39 kam, und ich wartete. Ich konnte nicht mehr liegen. Konnte nicht mehr laufen. Alles tat weh. Ich wartete jetzt schon seit Wochen. Dein Kind will raus?! Von wegen! Kind, komm doch bitte endlich raus! Ich ging so lange es ging spazieren, obwohl es furchtbar drückte. Trank Zimt- und Ingwer-Yogi-Tee zur Wehenförderung. Ich berücksichtigte sogar den Tipp meiner Oma, dass die Frauen früher die Wäsche aufhängten, um die Wehen zu fördern. Also baute ich „Wäsche aufhängen“ in mein tägliches Sportprogramm ein. Die Hebammen pieksten weiter wehenfördernde Punkte.
Woche 39 ging und es passierte … nichts.

Woche 40 kam. Geburtstermin. Kontrolle in der Klinik. „Ihr Kind kommt bestimmt bald. Es hat ja gar keinen Platz mehr!“ Geschätztes Gewicht: Um die 4 Kilo. Uff! Die Frauenärztin versucht die Wehen manuell zu aktivieren.
Wieder passierte … nichts.

Baby-Countdown

Ich war frustriert. Sehr frustriert. Und müde. Warum kam mein Kind nicht? Was machte ich falsch? Ich lag auf dem Sofa und wollte mich nur verbarrikadieren und heulen, bis dieses Warten endlich vorbei war.

Nichts passiert, außer einer Sache: Die Frage. „Ist er schon da?“ „Hast du dein Kind schon?“ „Ist schon etwas passiert?“ „Jetzt ist es aber bald soweit, oder?“ Die Familie war natürlich sehr aufgeregt. Meine Oma rief mich mittlerweile mehrmals die Woche an. Auch die engen Freunde waren natürlich interessiert. Und nicht ganz so enge Freunde. Und Kollegen. Und die Kassiererinnen im Supermarkt. Und fremde Leute auf der Straße.
Ich wartete und war unendlich frustriert. Und ging brav ans Telefon. „Ja, ich bin immer noch zu Hause.“ Beantwortete zig Nachrichten pro Tag. „Nein, es ist noch nichts passiert. Nein, er ist noch nicht da.“
Irgendwann hatte ich genug davon und beschloss, von nun an weder ans Telefon zu gehen noch auf Nachrichten zu antworten.

Beim nächsten Kind gibt es dann einen minütlichen Live-Feed.
Nichts.
Nichts.
Nichts.
Nichts.
Nichts.
Nichts.
Nichts.
Nichts.
Nichts.
Nichts.
Nichts.
Nichts.
Nichts.
Nichts.
Nichts.
[…]
Die Drillinge Helmbrecht, Erdmann und Bonifatius sind so eben aus mir rausgefallen.

Natürlich mit anschließend minütlichem Live-Feed zur Entwicklung des Kindes.

Liebe Welt, ja, ich weiß, ihr wartet. Ihr seid neugierig, besorgt und gespannt. Aber wisst ihr, wer noch sehnsüchtiger und verzweifelter wartet als ihr? Die werdende Mutter. Die nachts nicht schlafen kann. Die auf jedes kleine Ziehen in ihrem Körper achtet. Die sich fragt, ob sie irgendwas falsch macht.

Und am Ende gibt es auch nur zwei Gründe, warum ihr noch nicht auf dem neuesten Baby-Stand seid:
a) Es gibt nichts zu Berichten.
oder
b) Mama, Papa und das frischgeschlüpfte Baby brauchen einen Augenblick für sich, bevor sie sich der Außenwelt stellen.

Dabei gibt es doch so viele schöne Fragen, die man stattdessen stellen könnte. Zum Beispiel: Hast du einen interessanten Artikel/ein interessantes Buch gelesen? Hast du etwas Gutes im Fernsehen gesehen? Oder noch viel besser: Soll ich dir ein bisschen Gesellschaft leisten?

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

Letzte Artikel von Larissa//No Robots Magazine (Alle anzeigen)

3 Kommentare

  1. Eine Freundin von mir ist gerade schwanger, da kann ich solche Tipps gut gebrauchen. Als Noch-Nie-Schwangere ist es schwierig sich in diese spezielle Situation hineinzuversetzen.
    Außerdem war der Text auch einfach amüsant zu lesen. Danke.

      • Ja, wenn man es selbst noch nicht erlebt hat, ist es beinahe unmöglich, sich in diese Situation zu versetzen.
        Es macht auch Gespräche teils schwierig, denn einige Schwangere tendieren schon dazu, sehr viel über dieses Thema zu sprechen und da kann man als Noch-Nie-Schwangere nur sehr wenige dazu beitragen.

Schreibe eine Antwort