Pokemon

Lasst die Leute doch spielen

Obacht! Ein neues Phänomen der Medien geht um sich und zieht Tausende in ihren Bann – in erster Linie junge Menschen, ja sogar Schulkinder! Bitte unterschätzt dieses Medium nicht, denn es wird die kommende Generation lehren, dass sie nicht mehr denken müssen, ihre Gehirne werden verkümmern und sie werden nur noch mit leeren Augen durch die Welt ziehen! Der Geschmack der Kinder geht vor die Hunde!
Nein, ich meine nicht „Pokémon Go“. Ich habe nur frei aus zwei Warnschriften zitiert 1. Aus den Jahren 1913 und 1916. Man bezog sich dabei auf das neue Medium Kino.
Für uns ist also alle Hoffnung verloren. Denn bereits unsere Großeltern und Ur-Großeltern waren verblödet und ohne jeden Geschmack. Seitdem wurde es nur noch schlimmer. Nur wenige Jahrzehnte später nahm der Rock’n’Roll den damals Jungen endgültig jede Sitte und verwahrloste sie vollkommen. Die Kultur-Apokalypse schien also bereits lange vor der Geburt meiner Generation eingetroffen.

Und es kam schlimmer

Und als alle dachten, die kulturelle Welt sei schon untergegangen, da wurde das Smartphone erfunden. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, jetzt gibt es auch noch „Pokémon Go“! Die Verdummung der Menschheit ist nicht mehr abzuwenden. Plötzlich rennen alle nur noch wie Zombies durch die Gegend, ohne auf den Verkehr zu achten oder Privatgrund zu respektieren. Wie eine Herde hirnloser Idioten taumeln die jungen Menschen durch die Straße, die leeren Augen auf ihr Display gerichtet.

Nichts ist mehr heilig, selbst der öffentliche Raum wird jetzt durchgängig kommerzialisiert.

Ach, schöne neue Welt, wir versinken in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, bestehend aus Spielerin und Nicht-Spielerin! „Je beliebterAugmented-Reality-Anwendungen werden, desto mehr müssen sich Nutzer wie Nicht-Nutzer damit befassen, in welchen Situationen man einander begegnen könnte und wie man miteinander umgehen sollte.“ (Quelle)

Pokémon
Ein Pokedings wird kommen und uns alle auffressen!
Foto: flickr/Ricardo 清介 八木 CC by 2.0

Ach, lasst die Leute doch spielen

Das Smartphone ist aus unserer Realität aktuell erst mal nicht mehr wegzudenken. Besonders deutlich wird es an Orten langer Wartezeiten, beispielsweise der U-Bahn. Da sitzen sie nebeneinander, die verschiedenen Typen der Smartphone-Nutzer. Leicht kann man sich zusammenreimen, wie sie ihr Leben sonst gestalten. Da gibt es zum Beispiel den Musikhörer, dessen Gedröhne man drei Reihen weiter noch hört. Sicherlich verbringt er seine Abenden mit RTL2. Dann ist da noch die What’s-App-Texterin. Nach Feierabend trifft sie sich mit Freundinnen zum Latte und zum quatschen – aber nur via Messenger. Und dann ist da natürlich noch der Gamer. Seine Freizeit verbringt er, ihr wisst es sicher bereits, mit Games. Manchmal trifft man auch Leute wie mich, die ihr Handy nutzen, um Nachrichten und Artikel zu lesen. In unserer freien Zeit lesen wir zum Spaß Goethe.

Den Montagvormittag verbummelten wir auf dem Balkon. Der Mann las ein Buch, das Kind spielte auf dem Boden. Und ich konnte der Neugier nicht widerstehen und lud mir dieses Pokedings runter. Ich erstellte mir einen Avatar und fing ein kleines Monster in unserem Blumenkasten. Damit erschien der Spielspaß erstmal erschöpft.
Später waren wir auf dem Spielplatz. Mann und Kind buddelten im Sandkasten, ich genoss ein paar Minuten für mich. Gelegenheit, dieses Pokedings noch mal auszuprobieren. Auf meinem Spielfeld schwebte ganz in der Nähe ein blauer Kasten über dem Weg herum. Also zog ich los, um Monster zu fangen. Etwas beschämt linste ich alle paar Schritte heimlich auf mein Handy und versuchte es sonst unauffällig in der Hosentasche verschwinden zu lassen. In Gedanken malte ich mir aus, was die anderen Spaziergänger von mir halten mögen. Sahen sie mich als hirnlosen Zombie? Als dämliches Schaf, das blind der Hype-Herde hinterher lief? Als eine Frau, die zu alt war, um wie ein Teenager mit dem Smartphone vor Augen durch den Wald zu stolpern? Ja, natürlich sollte es mir egal sein, was andere von mir denken könnten. Trotzdem war mir die Pokémon-Suche peinlich und ich wünschte mir eine fette Neonschrift über dem Kopf mit einem leuchtenden Pfeil, der auf mich zeigt und verkündet: „Ist nicht so dumm, wie sie gerade erscheinen mag. Liest in der Freizeit auch schon mal freiwillig Goethe.“
Dann fand ich den blauen Kasten endlich. Und bekam drei Bälle. „Dafür bin ich jetzt hier durch die Gegend gerannt und hab mich lächerlich gemacht?“, dachte ich entrüstet. Ich habe dieses Pokedings wieder gelöscht. Stattdessen habe ich den Abend mit Netflix verbracht. Goethe blieb im Schrank.

Und unsere Freunde in der U-Bahn? Vielleicht schaut der junge Mann mit der viel zu lauten Musik abends gar kein RTL2 sondern lieber ARTE. Vielleicht diskutiert die Texterin via What’s App über die politische Lage in der Türkei. Und vielleicht ist der Gamer Staatsanwalt, der sich auf der Heimfahrt von einem emotional anstrengenden Fall erholt. Vielleicht steigen sie zufällig alle am Marienplatz aus und gehen im Hofgarten auf Pokémon-Jagd.
Was soll man dazu noch sagen? Mei … lasst die Leute doch spielen. Die Kultur des Abendlandes wird davon nicht untergehen.

Menschen hören nicht auf zu spielen, weil sie alt werden, sie werden alt, weil sie aufhören zu spielen!
– Oliver Wendell Holmes

Quellen

1 Louis Haugmard, 1913, der Essener „Auschuss für Jugendschutz in den Lichtspielhäusern“, 1916, aus: Dobesberger, Bernd, „Geschichten zu den sozialdemokratischen Grundwerten“, Linz 2013, S. 44

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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