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„Mama, warum hat der Laster so viele Menschen getötet?“

Gewalt in den Nachrichten - schlecht für Kinder?

Foto: Unsplash/Frank Okay

„Mama, warum hat der Laster so viele Menschen getötet?“
In dieser Welt gibt es Fragen, auf die es keine vernünftige Antwort gibt. Aber die Fragen werden gestellt. Vor allem von unseren Kindern.

Ich saß mal vor knapp zwei Jahren mit anderen Müttern zusammen. Das mache ich oft. Meine Kinder waren damals noch klein. Es ging darum, ob und wann man denn Kleinkindern das Fernsehgucken erlauben sollte. Ein ähnliches Zerreißthema wie Stillen, Zucker oder Kinderkrippen. Meistens halte ich die Klappe. Ich bin kein Erziehungs-Missionar. Ich weiß weder, wie viel Salz in die Suppe gehört, noch kenne ich das Gelbe vom Ei. Die eine Mutter hat gesagt, dass sie sich schon die Nachrichten ansehen will, sonst gäbe es überhaupt keinen Medienkonsum bei ihnen. Holzspielzeug-Klasse. Da rolle ich innerlich gerne mit den Augen. Doch dann kam der Satz, der mich als Mutter prägte. Sie sagte: „Na ja, aber wenn ich die Nachrichten sehe und er noch wach ist, dann halte ich ihm die Augen zu.“
Da habe ich mich kurz an meinem Cappuccino verschluckt. Ich sah zu ihr rüber. Eine große sanfte Frau, Spätgebärende, erfolgreich und souverän. Wie sie mit der Gewalt einer Mutter schnell ihrem Kind die Augen verschließt, wenn der IS seinen Fernsehauftritt hat. Vielleicht zappelt das Kind noch. Und sie sieht gebannt auf den Bildschirm. Nach wenigen Sekunden ist es auch wieder vorbei. Sport, Triathlon, Fußball. Das darf er wieder gucken. Sie lässt ihn los, er protestiert oder auch nicht. Vielleicht ist er die kurze Schwärze auch schon gewöhnt. Und sie lehnt sich zurück auf das Sofa, tätschelt seinen Kopf und sagt, jetzt wäre es dann Zeit, um ins Bett zu gehen.
Als ob das ein Plan wäre. Die Kinder sollten doch noch ohne Sorgen sein. Idyllisch leben können. Angstfrei. Nachrichten sind nichts für Kinder. Pornos und Zombies schließlich auch nicht.
Aber wie sollte man Kindern vor der Welt wegsperren? Morgens fahren wir in den Kindergarten und um 8 Uhr, gerade wenn wir zwischen den satten Wiesen mit den Kälbern vorbeifahren, merke ich, wie sie zuhören. Dem Nachrichtensprecher nämlich. Der in unsere heile Welt das Grauen spült. Und dann kommt von hinten die erste Frage. Ich weiß es nicht, mein Engel. Ich weiß es wirklich nicht. Daneben läuten die Kuhglocken.
Ich habe früh beschlossen, meinen Kindern nicht die Augen und Ohren zuzuhalten. Ich lasse uns treffen von den Nachrichten der Welt. Der Fernseher läuft, das Radio ist an. Dabei suche ich nicht danach. Ich setze sie nicht mit Fleiß vor den Fernseher, es passiert halt. Es laufen die Nachrichten, sie stolpern ins Wohnzimmer – mit roten Wangen und einem Holzschwert. Sollte ich hysterisch den Kanal wechseln? Na ja, in der Nacht mache ich das. Bei einem verschlafenem Kind im Pyjama mit der Anklage „Durst!“ lasse ich nicht den Zombie-Film weiter laufen und hole das verlangte Glas Wasser. Da schalte ich aus und flüstere das Kind zurück ins Bett. Aber bei Nachrichten habe ich eine Hemmung. Ich kann nicht weg schalten. Ich komme mir unfair vor. So ist die Welt. Nicht überall hört man nur Kuhglocken. Und dann ist dieser Laster da. Etwas, dass sie mit kindlichem Interesse an Bagger, Müllautos und Lokomotiven von vornherein ganz großartig finden könnten. Und dann ist da der Tod.
Als erstes haben Kinder ein Interesse am Bericht. Was, wann, wo genau. Mehr als jeder Erwachsene wollen sie ganz genau den Bericht haben. Fast emotionslos. Einem Ermittlungsteam ähnlich.
Als zweites folgt der Bezug zum eigenen Leben. Kann das hier passieren? Kann das mir passieren?
Ja, das kann es, aber das ist sehr unwahrscheinlich. Wenn es normal wäre, wäre es nicht in den Nachrichten. Die reden immer von den besonderen Sachen. Und das ist so besonders, deswegen reden die so lange da drüber.
Selbst, wenn man die ersten beiden Punkte mit Sanftheit weitestgehend aus dem Weg räumen hat können, folgt dann die Frage, die ein ganzer Lebensabschnitt begleitet. Die Frage lautet: Warum?
Ja, was sagt ihr euren Kindern zu dem Warum? Warum ist die Banane krumm? Weil sie krumm gewachsen ist. Was wissen wir denn zu dem Warum schon groß zu sagen. Der Mann war krank. Ein im Kopf kranker Mann. Das passiert. Man kann im Kopf krank werden. Warum? Er war böse. Warum? Er hatte sich in wirklich böse Gedanken verrannt und ist dadurch so krank geworden, dass er das gemacht hat. Warum? Ich weiß auch nicht mehr, mein Engelchen, ich weiß es wirklich auch nicht. Ich weiß nicht, warum er so krank war. Aber er war es wohl.

Kind mit Transformers-Figur

Foto: Unsplash/Daniel Cheung

Abgezuckle mit Holzschwertern in die unbekümmerte Kindheit zurück. Unbekümmert ist die Leben wohl nicht mehr. Ich war ohne Angst als Kind. Als wir im Westen noch im Auge des Orkans saßen und nicht mit der Wimper zuckten. Alles Schlechte passierte irgendwo anders. Und heute sterben in dem Meer, in dem ich schwimmen lernte, jeden Tag Tausende. Vielleicht lebte ich im Schlaraffenland und das hier ist die Realität. Vielleicht geht es nicht mehr ohne. Vielleicht müssen sie in dieser Welt leben. Ich wünschte als Mutter, das wäre nicht so.
An München hatten sie gar kein großes Interesse. Das hat mich erstaunt. Obwohl sie in dieser Stadt geboren wurden und das sehr wohl wissen. Jeder nimmt die Welt halt anders wahr. Für sie war der Lastwagen näher dran an ihrer Welt als Schüsse am OEZ. Ich habe nicht nachgebohrt. Ich habe sie gelassen. Nicht mit der Nase in die Scheiße tunken, sozusagen. Trotzdem beobachte ich sie, wenn sie zuhören.
Vielleicht sollte ich bei nächsten Nachrichtengucken auf all die positiven Aspekte eingehen. Schau, da ist gleich ein Sanitäter da. Schau, überall Polizei. Die machen jetzt alles sicher. Denn eines ist klar: Hätte ich keine Zuversicht, hätten sie keine Kindheit.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#2 Früchte des Zorns“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Sabine

Sabine, *1981, ist Mutter von Zwillingen. Als Fadenvogel bloggt sie auf fadenvogel.de über den Vogel in ihrem Kopf, dem Spatz in der Hand, ihren Augenblicken dazwischen.

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