Religion, Salvation Mountain
Kommentare 0

Mein religiöses Bild

Religion ist ein privates Geschäft. Kaum weiß man von den eigenen Freunden, was sie eigentlich wirklich glauben. Es kommt ja auch nie dazu. Amerikanisch wirkende Grußformeln mit „lot‘s of blessings“ und God und so – das ist sehr undeutsch. Niemand segnet irgendwen via E-Mail.
Meine Geschichte mit Gott ist lang. Als Teenager saß ich mal im Wohnzimmer eines konvertierten Moslems mit großen missionarischen Plänen zur Bibelstunde. Und floh wieder. Regelrecht. Ich bin echt weggelaufen. Er ist mir nachgelaufen, aber ich wollte diese Art von Leben nicht. Missionare sind mir völlig fremd. Ich finde sie weder mutig, noch besonders erleuchtend. Die meisten sehe ich eher als selbst überhöhend und naiv.
Aber mit dem Missionar aus der privaten Bibelstunde begann meine Geschichte mit Gott gar nicht. Ich bin evangelisch getauft und war auf einer katholischen Mädchenschule. Protestantin passt. Es war ein Protest. Einmal habe ich am Abendmahl teilgenommen, ohne die Konfirmation abgelegt zu haben. Sie haben es zugelassen, aber es war nicht lustig. Typisch katholisch, dachte ich als Halberwachsene, die große Show nicht stören wollen, aber dann doch hinterher rummotzen.

Religion, Salvation Mountain

Foto: Unsplash/Chelsea Bock

Als Erwachsene fand ich allgemein die christlichen Geschichten interessant. Aber nicht als religiöses Feld. Eher als ein Bild, dass man erstaunt ansieht und studiert, weil es bereits schon so alt ist. Und so viele Menschen sich darauf bezogen haben.
Manchmal überlege ich mir, was eigentlich auf meinem persönlichen religiösen Bild wirklich zu sehen ist. Ich glaube, es ist kein wütende Bild mit viel Feuer und Gischt. Die Suche nach Sünden ist nicht mein Spezialgebiet. Es ist eher ein sehr friedliches Bild. Und es hat eine auf den ersten Blick sehr unchristlichen Kern. Er lautet: Du bist nicht so wichtig.
Das ist beruhigend. Man kann das Leben auch leben, ohne dass man versucht, das Rad neu zu erfinden. Nicht über alle Sachen sollte man sich aufregen. Ob ich nun hier bin oder nicht, dass macht weder die Sonne heller noch den Mond dunkler. Dabei meine ich nicht, dass es alles völlig egal ist, aber ich denke, dass das Leben in der westlichen Hemisphäre einem doch öfters vorgaukelt, dass man der Nabel der Welt wäre. Das ist man nicht. Man muss nicht nur Nehmen und Geben lernen, sondern auch Annehmen. Und sich nicht ständig die gleichen Fragen nach Zufriedenheit und Glück stellen.
Auf meinem religiösen Bild stehen aber auch andere Sachen. Nicht nur die eigene Unwichtigkeit in den Mittelpunkt rücken, sondern auch, das Glück an sich nicht so zerpflücken zu wollen. Alles hat eben zwei Seiten. Eine schöne und eine weniger schöne. Man kann eben nicht nur das pure Glück haben wollen. Jede Rose hat Dornen.
Klar, dass sind jetzt eher so Lebensweisheiten als harte religiöse Fakten, trotzdem sind eben doch manchmal in meinen Überlegungen zu Lebensentscheidungen gerade diese weiten Felder erst mal da und dann wird es immer konkreter. Und Gott wird nicht ausgeschlossen. Letztendlich muss ich das echt so sagen. Und ich denke, dass dies der private Bereich ist. Religion ist ein privates Geschäft, weil es ein Schlüssel sein kann, wie man sich so entscheidet in seinem Leben. Und diese Entscheidungen werden eben nicht immer gerne in aller Öffentlichkeit ausdiskutiert.

Sabine

Sabine, *1981, ist Mutter von Zwillingen. Als Fadenvogel bloggt sie auf fadenvogel.de über den Vogel in ihrem Kopf, dem Spatz in der Hand, ihren Augenblicken dazwischen.

Letzte Artikel von Sabine (Alle anzeigen)

Schreibe eine Antwort