Zwei Hände mit Kreuz
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Momentaufnahme zweier Menschen

Silvester

Foto: Unsplash/Jiří Wagner

Eine Kurzgeschichte basierend auf einer wahren Begebenheit.

Wir sind hier nicht in Hollywood, aber … Boom! Das war Liebe auf den ersten Blick!
Da stand er in der Tür, dieser Typ. Dieser unfassbar gut aussehende Typ. Er war groß, breitschultrig, hatte kurze blonde Haare … Was sollte sie sagen? Diese blauen Augen! Wer sagt, dass Liebesschnulzen reine Lügenpropaganda der Romantikindustrie sind, der hat das wahre Leben verpasst. Denn: Das! War! Echt! Er stand dort tatsächlich in ihrer Haustür!
So war der Abend nicht geplant gewesen. Okay, ursprünglich mal, ja, vielleicht. Da hatten sie und ihre Freunde mal von einer großen Party gesprochen. Auf großen Partys kann man tolle Typen treffen, da macht man sich chic, da entstehen aufregende Sachen. Aber sie waren hier nicht auf der großen Party. Sie standen bei ihr im Flur, auf einer ganz schnöden „Wir hängen einfach nur mit ein paar Leuten ab“-Silvesterparty. Sie hatte ja nicht mal Schuhe an, sondern nur ihre ausgelatschten rosa Puschen! Und es war auch nie die Rede davon gewesen, dass Fremde kommen! Erst vor einer halben Stunde hatte ihre Freundin angerufen und gefragt, ob ihr Freund noch einen Kumpel mitbringen dürfe, der noch partylos sei.
Nervös zupfte sie nun an ihrem Jeans-Rock. War der wenigstens fancy genug? Und, verdammt, wie hieß dieser Typ denn jetzt noch gleich? Was hatte der Freund ihrer Freundin gesagt? Sie konnte doch jetzt nicht noch mal nachfragen! Wie würde das denn aussehen?
Und was macht man eigentlich, wenn plötzlich der tollste Typ der Welt in der eigenen Haustür steht? In ihren Träumen hatte sie sich das bestimmt schon mal ausgemalt. Ach, natürlich, hunderte Mal! Da hatte das alles aber ein bisschen anders ausgesehen. Da hatte sie gewusst, was sie sagen sollte. Und da hatte sie auch bestimmt nicht vergessen, zuzuhören, wenn der Typ sich vorstellt. Also, was macht man nun, wenn der Traummann in der Haustür steht? Sie konnte ja schlecht einfach die Tür wieder vor seiner Nase zuschlagen á la „Cool, dass du da warst! Komm bitte wieder, wenn ich weiß, was ich mit dir anfangen soll!“
Okay, es war Silvester. Da sollte einem schon etwas einfallen, oder?
Weiter im Programm! Hier gibt es nichts zu sehen!

Alle ihre Freunde war inzwischen eingetroffen. Sie waren zu siebt, eine nette, beschauliche Runde. Es war ja auch nicht geplant gewesen, dass dieser Abend unter die Annalen der besten Silvesterpartys aller Zeiten eingeht. Sie kommandierte alle Mann zum Gemüse schnippeln in die Küche. Dem Freund ihrer Freundin drückte sie die Zwiebeln in die Hand. Die würde sie heute Abend ganz sicher nicht schneiden – war er doch selbst schuld, dass er einfach den schönsten Mann der Welt mitbringt! Paprika an ihre Freundin. Die Mais-Dosen und Schälchen an einen anderen Kumpel. Schinkenschneiden an Freundin Nummer Zwei. Aber wohin jetzt mit ihm? Sie konnte Mister Perfect unmöglich mit Küchenarbeiten beauftragen. Und überhaupt: Sie wusste auch nicht, was sie zu ihm sagen sollte. Also tat sie einfach so, als sei er gar nicht da, huschte an ihm vorbei, den Blick auf dem Boden. War das peinlich! Sie wünschte, ihre Eltern hätten wenigstens eine schönere Küche …
Sie wusste nicht, wie sie es geschafft hatte, aber sie hatte das Essen überstanden. Nein, eigentlich wusste sie sehr gut, wie sie es geschafft hatte: Sie hatte sich so weit weg von ihm wie möglich an den Tisch gesetzt und sich panisch an ihr Raclette-Pfännchen geklammert, um etwas in der Hand zu haben. Wie unter Scheuklappen hatte sie ihren Blick, ihr Gespräch und ihre komplette Konzentration auf die Freundin gerichtet, die neben ihr gesessen hatte.

Noch zwei Stunden bis Mitternacht. Weiter im Programm. Also, im Fernsehprogramm. Sie saßen vor dem Kamin und unterhielten sich, im Hintergrund lief „Dinner For One“. Das hatte er sich bestimmt aufregender vorgestellt. Die Gruppe unterhielt sich über die Schule, über alte Lehrer und neue Mitschüler, über vergangene Partys und misslungene Ausflüge. Sie kannten sich seit Ewigkeiten, es fehlte nie an Gesprächsstoff. Nur er schwieg. Er kannte niemanden außer seinem Kumpel. Sie hatte das ganze Essen über überlegt, was sie Kluges zu ihm sagen könnte. Hatte sogar im Geiste nach Anmachsprüchen aus Zeitschriften gesucht. Aber ihr Kopf war leer gewesen. Es war aussichtslos. Es gab nichts, was sie zu ihm sagen könnte. Und er zeigte sowieso kein Interesse, mit ihr zu reden. So what? Immer hin hatte sie inzwischen rausgefunden, wie er hieß.
Zu ihrem großen Glück saß er direkt neben dem Fernseher. Sie beobachtete an diesem Silvesterabend sehr konzentriert, wie der Butler über das Tigerfell stolperte. Was auch sonst?
„Du, der starrt dich die ganze Zeit an!“, flüsterte ihre Freundin ihr irgendwann zu?
„Wer?“
„Na, der!“
No way! Nooooo waaaay! Das konnte gar nicht sein! Ihr ganzer Körper prickelte, ihre Hände zitterten. In diesem Jahr begannen die Feuerwerkskörper um 23:05 Uhr zu explodieren, zumindest für sie.

„Zehn, neun, acht, …“ Mitternacht. Hallo, 2007, wir sind schon so aufgeregt und freuen uns auf dich! „Sieben, sechs, fünf, vier, …“
Sie hatte immer noch kein Wort mit ihm geredet. Und nun standen sie alle dort auf der Straße.
„Drei, zwei, eins, frohes neues Jahr!“
Zum dritten Mal an diesem Abend machte es Boom! Nun aber wirklich. Die Raketen explodierten, es war schon fast egal. Das Feuerwerk spiegelte sich in seinen Augen, und sie überkam dieses Gefühl, das man nur an Silvester um Mitternacht hat. Ein neues Jahr. Alles war möglich.
Sie umarmte ihre Freundin, deren Freund, alle Kumpels und Freundinnen. Dann umarmte sie ihn. Und küsste ihn. Einfach so. „Wollt ihr nur mal testen!“, rief sie mit vor Aufregung und Sektgenuss geröteten Wangen. „Schönes neues Jahr!“

Böller knallten, Raketen verzauberten den Nachthimmel, Sektkorken sprangen durch die Gegend.
Um zwei Uhr verabschiedete sich das Grüppchen nach und nach. Er hatte immer noch kein einziges Wort mit ihr gesprochen. Das war’s also. Sie würde ihn nie wiedersehen.

Sie und er trafen sich einige Tage später zum Date und waren anschließend ein Paar. Nach drei Monaten machte er überraschend mit ihr Schluss.

Titelbild: Unsplash/Nicholas Gercken

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#3 Heimat“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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