Zwei Hände mit Kreuz
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Momentaufnahme zweier Menschen

Eine Kurzgeschichte basierend auf einer wahren Begebenheit.

„Mittwochs zwischen 20 und 22 Uhr ist Filmabend“, steht auf dem Zettel an der Wand. „Bitte haltet um diese Zeit Ruhe!“
Es ist Mittwochabend. Filmabend in diesem hippen Hostel. Auf dem Programm steht ein Klassiker. Intellektuellen-Kino aus den frühen Achtzigern. Doch noch ist der Fernseher matt und stumm. Technische Probleme, so wie es aussieht.
Vor dem Zettel an der Wand befindet sich der Kickertisch.
An dem Kickertisch eine Gruppe Spanier. Laute Spanier, grölende Spanier. Und ein lauter Kickertisch. Bumm, bäng, bomm, bumm.
Haben sie den Zettel nicht gesehen? Haben sie ihn nicht verstanden? Oder ignorieren sie ihn schlichtweg?
Die technischen Probleme wurden gelöst. Der Film läuft. „Bumm, bäng, bomm, bumm“, macht der Kickertisch. Die Gruppe intellektueller oder einfach nur müder Hostel-Bewohner auf dem alten, verschlissenen Sofa werfen den jungen Spaniern böse Blicke zu.
Sehen sie die Blicke nicht? Oder ignorieren sie diese?
Sie starrt mit. The German Stare Down, wie man es so schön nennt. Vielleicht starrt sie sogar am schlimmsten von allen. Es geht schließlich ums Prinzip!
Vielleicht starrt sie auch ein bisschen wegen diesem Typen – dunkel, gut aussehend, nun ja, Spanier eben. Der Typ war ihr schon am ersten Tag ihres Aufenthaltes im Hostel aufgefallen. Genau ihr Typ. Heimlich hatte sie ihn beim Frühstück oder bei den Nudeln zum Abendessen beobachtet.

Kickertisch

Foto: Unsplash/Pascal Swier

„Den kenne ich“, hatte sie gedacht. Sofort.
Unmöglich. Sie ist in einem Hostel. Er ist Spanier, sie ist Deutsche. Beide sind im Ausland. Woher soll sie den Typen kennen? Das ist nicht möglich.
„Doch, den kenne ich“, denkt sie. „Ganz sicher.“
Schwachsinn.
„Dieses Konzert, letzten Monat. Am anderen Ende des Landes.“
Schwachsinn.
„Da war dieser Typ, dunkel, gut aussehend.“
Schwachsinn.
„Er gefiel mir, ich habe ihn beobachtet. Er hat mich angelächelt.“
Schwachsinn.
„Schwachsinn, ja. Bestimmt. Aber, doch, ich bin mir ganz sicher.“
Da steht er also, der hübsche junge Mann von diesem Konzert neulich, am anderen Ende des Landes. Da ist er zufällig im gleichen Hostel, hunderte Kilometer entfernt von dem Ort, wo sie ihn heimlich beobachtet hat. Da steht er am Kicker. Und macht Krach, an einem Mittwochabend zwischen 20 und 22 Uhr, während des Filmabends. Vielleicht möchte man sagen: Typisch Spanier.
Und sie steht daneben und starrt ihn an, typisch Deutsche eben.
„Das ist absolut unmöglich, dass das der Typ von neulich ist. Absolut unmöglich“, denkt sie sich. „Aber doch, ich bin mir sicher. Sehr sicher. So ein Zufall. So ein verrückter Zufall.“
Der Fernseher murmelt, der Kickertisch kracht. Bumm, bäng, bomm, bumm.
„Und wenn das jetzt irgendwie vorherbestimmt war? Ich weiß nicht, vielleicht Schicksal oder so? Vielleicht sollte ich ihn wiedertreffen? Vielleicht musste das so sein?“
Jemand hat den Ball versenkt. Die Spanier lachen, klatschen sich ab.
Sie starrt.
„Do you want to play with us?“
„No.“
Es ist Mittwochabend zwischen 20 und 22 Uhr. Es geht ums Prinzip.

Er und sie haben sich nie wiedergesehen.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#4 Freaks & Geeks“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Titelbild: Unsplash/Nicholas Gercken

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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