Zwei Hände mit Kreuz
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Momentaufnahme zweier Menschen

Club

Foto: Unsplash/Patrick Tomasso

Eine Kurzgeschichte basierend auf einer wahren Begebenheit.

„Das macht dann vier-fünfzig.“
Sie war siebzehn. Das erste Mal abends in der Stadt. Das erste Mal im Club. Das erste Mal in der Erwachsenenwelt.
Das erste Mal an der Kasse vor dem Mann mit dem Stempelkissen stehen.
„Oh, hm …“ Die Freundin räuspert sich. „Ich weiß gar nicht, ob sich das für uns lohnt … Wir können gar nicht so lange bleiben …“
„Es gibt einen Cocktail umsonst!“
„Cocktail!“ Ehe die Freundin weitere Einwände aussprechen konnte, landeten die vier Euro fünfzig auf der Theke.
„Ihr seid doch achtzehn, oder?“
„Na klar!“ Schnell legte die Freundin ihren Beweis vor. Es reichte, sie waren drin.
Drin im Club – nicht drin im Erwachsenenleben, versteht sich. Denn, oh, man hatte vergessen, den Backfischen das Nachtleben zu erklären! Sie fühlten sich so groß, sie waren bereit für die Versprechungen: Sex, drugs and Rock‘n‘Roll! Okay, Cocktails und der erste Freund, das wäre schon mal ein Anfang. Aber Rock‘n‘Roll, ja, Rock‘n‘Roll war gut. Aber sie fanden: Leere. Denn was sie nicht wussten: Um neun Uhr, da geht noch keiner feiern. Jedenfalls keiner von den Großen. Wie sollte das nun werden mit der wilden Nacht (bis Mitternacht, wenn der letzte Bus fuhr), mit dem Flirten und vor allem damit, den ersten Freund kennenzulernen? Der erste Abend im Club. Es gab große Erwartungen.
Immerhin, es gab den Cocktail – Tequila Sunrise – und es gab Musik, wenn auch mit leerer Tanzfläche. Sie hatte ihre Freundin dabei, sie brauchten kein Publikum.
Also tanzten sie.
Sie tanzten zu den Strokes, zu den White Stripes und Refused. Sie tanzten zu Jet, zu den Violent Femmes und Caesar. Es waren die frühen 00er. Der Indie-Rock war groß. Sie tanzten und sie tanzten. Es gab kein Publikum. Und als der Raum sich doch langsam füllte, gab es keinen Schutz vor den Blicken. Aber das war ihr egal. Es war das erst Mal im Club. Es war ein Beginn, und sie wollte sich nicht aufhalten lassen.
Als sie wieder auftauchten aus der Musik, hatte sich der enge Kellerraum gefüllt. Die Studenten waren da, die Großen, an denen man sich orientierte, die man beeindrucken wollte. Die Jungs trugen Jeans, die am Hintern zu weit waren und dazu Nietengürtel. Sie trugen bunte Bandshirts. Und der Pony fiel ihnen in die Augen. Sie waren erwachsen, sie warten attraktiv. „Wird einer davon mein erster Freund werden?“, fragte sie sich.

Bald hatten sie Bekanntschaft mit zwei jungen Herren gemacht. Nein, die Freundin hatte die Bekanntschaft gemacht. Einer der jungen Männer war offensichtlich von ihr angetan. An einem anderen Abend wäre die Freundin vielleicht mit ihm nach Hause gegangen. Aber nicht an diesem. Um Mitternacht ging der Bus, und sie würden ihn nehmen und am Ende würden die Freundinnen nebeneinander einschlafen. Anders ginge es nicht. Anders würde sie alleine in der Stadt stranden. Ein anderer Schlafplatz kam für sie nicht in Frage. Sie würde mit keinem Mann nach Hause gehen, das war ihr klar. Sie wartete auf ihren ersten Freund, keine Bettgeschichte. Ganz davon abgesehen mangelte es auch ganz klar an Gelegenheiten.
Auch wenn sich der Mann heute nicht finden ließ, so blieb doch die Musik. Also tanzte sie und lächelte vor sich hin. Und jemand lächelte zurück. Keiner von den Großen, keiner von den Coolen, keiner von denen mit den Nietengürteln. Aber durchaus gut aussehend. Und er lächelte. Das war sympathisch, das war doch etwas.
Der Junge winkte sie zu sich, sie tanzten. Redeten sie dabei? Sahen sie sich an? Vielleicht brüllte er durch die Musik hinweg seinen Namen zu ihr, vielleicht brüllte sie zurück. Möglicherweise gab es dabei Missverständnisse. Aber sie tanzten. Und er war sympathisch, war er es nicht? Er könnte ihr erster Freund werden. Oder vielleicht, das wäre doch das Mindeste an so einem Abend, vielleicht würden sie sich einfach nur küssen.
„Das ist mein Lied!“, brüllte er irgendwann und zog sie enger an sich. „Normalerweise knutsche ich dabei immer mit den Mädchen. Aber heute nicht, ich bin erkältet.“
Kein Knutschen? Natürlich war sie enttäuscht, aber er hielt sie eng an sich und sie konnte ihren Kopf auf seine Schulter legen. Und irgendwie war sie auch ein bisschen erleichtert.
Irgendwann saßen sie zusammen auf dem schäbigen alten Sofa. Er erzählte, sie erzählte. Er war sympathisch. Er könnte ihr Freund werden, oder nicht?

Sie und ihre Freundin verpassten den letzten Bus. Aber das machte nichts. An einem Abend wie diesem konnte das spärliche Schüler-Budget mal überschritten und in ein Taxi investiert werden. Zum Abschied hatte sie ihm ihre Nummer gegeben. Er würde anrufen, natürlich. Sie hatten sich gut unterhalten, sie fanden sich attraktiv. Waren das nicht die Zutaten, die es braucht?
In dieser Nacht langen die Freundinnen nebeneinander im Bett und ließen den Abend Revue passieren.
„Ich glaube, ich habe mich verliebt“, sagte sie noch. Und damit ging der erste Besuch im Club zu Ende.

Sie und er haben sich nach diesem Abend nie wiedergesehen.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#2 Früchte des Zorns“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Titelbild: Unsplash/Nicholas Gercken

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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