Zwei Hände mit Kreuz
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Momentaufnahme zweier Menschen

Party von Studenten

Foto: Pexels.com

Eine Kurzgeschichte basierend auf einer wahren Begebenheit.

„Scheiß Studenten“, fluchte er, als er auf sein Handydisplay blickte. „Alter, was gibt’s?“
„Ich bin hier auf dieser Party, du musst unbedingt kommen!“ Sein bester Freund war deutlich hörbar bereits mehr als angetrunken. „Ich hab voll Stress mit den Frauen.“
„Scheiß Studenten“, murmelte er noch einmal. Es war Donnerstagabend, er lag bereits im Bett. Während alle seine Freunde problemlos die Nacht durchfeiern konnten, musste er am nächsten Morgen früh raus und in die Berufsschule. Seine Lust, müde und nüchtern den Abend mit völlig betrunkenen Idioten zu verbringen lag nicht nur gleich Null, nein, sie lag sogar unter Null. Andererseits waren es bis zu besagter Party nur ein paar Minuten mit dem Fahrrad … Für ein Stündchen könnte er also doch mal eben noch rüber fahren … Er machte sich gar nicht erst die Mühe, sich ordentliche Kleidung raus zu suchen. Das verschwitzte alte Schlafshirt musste reichen. Ihm doch egal, wenn er heute nicht mehr so gut roch. Er zog sich die nächstbeste Jeans vom Boden und einen verwaschenen alten Pullover über – raus in den kalten Oktoberabend.

Wie erwartet traf er auf eine völlig überdrehte Meute, die bereits viel zu viel Alkohol konsumiert hatte, obwohl es noch lange vor Mitternacht war. Er wusste kaum, warum überhaupt gefeiert wurde. Wohl der Geburtstag des Mädchens, in das sein Kumpel verschossen war. Besagter stürmte sofort auf ihn zu und quatschte ihn mit seinen Problemen zu. Alter!
Er nahm sich ein Bier. Eine Stunde, dann wollte er wieder verschwinden. In neun Stunden begann der Unterricht.
„Hallo, wer bist denn du?“ Ey, wo kam denn plötzlich dieses Mädchen in dem hässlichen Glitzershirt her? Und was wollte die jetzt von ihm? Sie schaute ihn von unten mit großen Augen an und grinste leicht irre, wie es nur betrunkene Zwanzigjährige können.
Er hatte kein großes Interesse, sich mit ihr zu unterhalten, wer sie auch immer war.
Sein Kumpel platzte dazwischen, rempelte ihn an und verschüttete sein halbes Bier über seinem Arm. „Ey, kennst du meinen Kollegen hier schon? Der studiert Kommunikationswissenschaften!“ Das war gelogen.
„Alter!“, schnauzte er seinen Freund an. … the fuck?! Am besten, er verschwand zurück in sein warmes Bett. Er wollte nur noch mal schnell pissen gehen und dann nach Hause. „Ich mach mich wieder vom Acker!“ Er zog schon mal den Tabakbeutel aus der Tasche und fing an, sich eine Kippe zu drehen.
„Drehst du mir auch eine?“ Glitzershirt rannte hinter ihm her.

Zwei Uhr morgens. Das Wohnzimmer von irgendwem. Warum war er noch hier? Er sollte wirklich längst im Bett liegen. In sechs Stunden fing die Berufsschule an. Ach, scheiß drauf. Er würde die Ausbildung eh nicht beenden können.
Glitzershirt hing immer noch an ihm. Die meiste Zeit des Abends war sie hinter ihm her gerannt. Ein Wunder, dass sie ihm nicht auch noch aufs Klo gefolgt war! Und das Schlimmste war: Sie wusste jetzt praktisch seinen ganzen Seelenscheiß. Eine Zigarette, nachdem sie sich an ihn gehängt hat, haben sie sich schon über ihre nicht vorhandenen Väter ausgekotzt. Ernsthaft! Wie krank musste er sein, um einer wildfremden, so was Persönliches zu erzählen? Und jetzt saßen sie also auf diesem Sofa und redeten. Großspurig erzählte sie von dem Buch, das sie neulich gelesen hat. Irgendwas mit Straight Edge und wie cool sie das fände. Kein Alkohol, kein Fleisch und alles total clean. Nicht gerade nah an der Realität, gemessen an ihrem Promillepegel. Und seinem.
„Find ich geil“, sagte er. Wirklich. „Ich bin Vegetarier.“
„Ja? Das ist ja cool! Dann kannst du ja mal für mich kochen!“
„Ach, ja, na ja, ich bin nicht so der geilste Koch …“
„Och, bitte!“
„Ja, na ja, können ja mal gucken …“ Sie blickte ihn mit ihren großen Rehaugen an. „Okay, ich mach’s. Versprochen.“ Am nächsten Tag würde die das eh nicht mehr wissen. Hoffte er.
„Gib mir doch mal deine Handynummer!“, forderte sie ihn jetzt auf.
Im Leben nicht. „Hier, kannst gleich das ganze Handy haben. Ist eh Schrott.“

Drei Uhr morgens. Viel zu viel Alkohol. Definitiv kein Unterricht am nächsten Tag. Da war er sich sicher.
„Ich muss jetzt echt mal los. Morgen ist Berufsschule.“
„Hast recht. Ich hab auch Uni.“ Also ob. Diese Studenten!
„In welche Richtung musst du?“ Das fragt man so. Ist nur höflich. Wahrscheinlich wohnte sie eh ganz woanders. Dann also: Bye, bye, morgen kenn ich dich nicht mehr!
„Da drüben im Wohnheim.“
„Ach, echt? Ich wohne gleich um die Ecke!“
„Echt? Na, dann können wir ja zusammen gehen!“
Und so schob er sein Fahrrad neben ihr her. Bis zu ihrem Wohnheimzimmer waren es nur ein paar Schritte. Und von da nur wenige Minuten bis zu ihm nach Hause. Es war nur richtig, dass er sie begleitete. Eine Lady ließ man nicht alleine durch die Dunkelheit laufen. So scheiße war er dann doch nicht.
„Hier wohne ich.“ Sie hielten an einem der vielen identischen anonymen Eingänge. „Magst du noch mit hochkommen?“
Echt? Wirklich? Oh, wow! Okay, er gab sich hier als cooler Hund, aber eigentlich … Eigentlich hatte er dieses Mädchen jetzt doch ganz schön ins Herz geschlossen. Glitzershirt und Anhänglichkeit hin oder her. „Okay, aber Sex ist nicht.“ Er gab sich ganz cool. So schnell gab er seine Tarnung nicht auf.
„Super! Dann kann ich ja meinen Entenschlafanzug anziehen!“

Er und sie sind seit mehr als acht Jahren ein Paar. Demnächst werden sie heiraten.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#1 Neu“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Titelbild: Unsplash/Nicholas Gercken

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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