Muslima mit Kopftuch
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22, weiblich, muslimisch sucht: Normalität!

Muslima mit Kopftuch

Foto: Unsplash/Harits Mustya Pratama

„Muslimische Frauen in Deutschland. Wie sie leben, was sie denken“ – so der „Stern“. Echt jetzt, „Stern“?

Ich kann euch sagen, wie muslimische Frauen leben. Sie studieren, sie arbeiten, sie gehen ins Kino, sie gehen shoppen, sie gehen manchmal ein bisschen zu oft shoppen, sie besitzen fünfzig Paar Schuhe in den Farben von knallrot bis moosgrün. Sie essen, sie essen manchmal ein bisschen zu viel, sie meckern manchmal ein bisschen zu viel. Sie lackieren sich die Nägel und ärgern sich, weil sie zu ungeduldig waren, um zu warten bis der Lack trocken ist. Okay sie benutzen nur wasserdurchlässigen Halal-Nagellack. Manche. Vielleicht. Aber Nagellack ist Nagellack. Sie lieben Gummibärchen. Natürlich nur in halal. Sie schauen sich Schmink-Tutorials auf YouTube an. Sie machen Sport. Manche von ihnen. Sie lesen Bücher von Michael Ende. Manche von ihnen. Ich jedenfalls. Sie sind eben Frauen. Wir sind eben Frauen. Stinknormale Frauen. Klar soweit?
Burka hier, Burkini da. Immer wieder die gleichen Fragen: Ist es jetzt das Jahr des Kopftuchverbots in Schulen? – Nein, nein. Dieses Jahr kommt das Tief „Du bist zwar nicht verheiratet, aber du wirst trotzdem von deinem Mann unterdrückt“ auf uns zu und später gegen August wird es laut Shaikh Google wieder etwas heiterer mit „Du kannst echt gut schreiben. Trotz des Migrationshintergrundes.“ – Ah gut, so lange sich die Gewitterwolken „Warum hast du dich noch nicht vom IS distanziert? Im Minutentakt meine ich!“ und „Wirst du langsam radikal?“ dieses Jahr verziehen, können wir uns ja endlich ein bisschen sonnen. Mit Burka natürlich. Da kommt das schöne braun gut hervor.
Es macht spätestens dann keinen Spaß mehr, wenn man beim nächsten Vorstellungsgespräch für das Praktikum wieder abgelehnt wird oder die Frage bekommt „Und was machen Sie mit dem Islam, wenn sie hier arbeiten?“ – ab da gehe ich einfach freiwillig. Ich hab zwei Jahre keine WG gefunden, weil alle dachten ich würde den anderen dann Alkohol, Partys und Männer verbieten. Dabei würde ich letzteres nicht einmal mir selbst verbieten.

Es stimmt schon, dass muslimische Frauen ganz besonders talentiert darin sind, sich das Leben schwer zu machen. Sie müssen beim Einkaufen nicht nur nach den Kalorien gucken, sondern auch nach den Zutaten. Sogar in Apfelsaft ist manchmal Gelatine drin, kannst du das glauben? Sie müssen beim Shoppen nicht nur schauen, ob das Kleid schön liegt, sondern ob es auch lange Ärmel hat und keinen zu großen Ausschnitt. Sie müssen sich morgens nicht nur duschen und schminken, sondern auch eine Gebetswaschung machen und beten. Und beim Anziehen ist die größte Herausforderung das Kopftuch mit den Klamotten zu kombinieren – als wäre es nicht schon schwierig genug, immer die passenden Schuhe zu haben.

Als Muslima muss man immer dreimal besser sein, als die anderen, damit man eine Chance hat. Einmal besser, weil die anderen denken, dass man dumm ist und auf „Dein Mann wird dich schon versorgen, du musst nur lernen zu kochen und zu gebären“ erzogen wurde. Noch einmal besser muss man sein, weil die Leute ständig sauer auf einen sind, weil irgendwelche männlichen Muslime, ob in Syrien oder in Köln, schon wieder Scheiße gebaut haben und es immer die Frauen ausbaden müssen. Überall auf der Welt. Immer. Und das dritte Mal besser muss man eben sein, um einfach besser zu sein. So einfach ist das.

Wir müssen so oft erklären, dass Muslime nicht immer alle gleich sind und dass es auch lesbische Musliminnen gibt und auch welche die gerne arrangiert verheiratet werden von den Eltern, aber eben auch welche, die gerne in Spanien Urlaub machen oder einen Doktortitel in Rechtswissenschaften haben oder dass wir nicht gleich jeden Mann heiraten wollen, der uns ein Taschentuch reicht. Und wir müssen so oft einstecken und hinfallen und aufstehen und uns rechtfertigen, Stellung beziehen und jeden Vers des Korans am besten auswendig wissen und uns so anstrengen, dass am Ende richtig taffe, tolle Frauen aus uns werden.
Aber vor allem freuen wir muslimischen Frauen uns doppelt, wenn uns jemand dann doch mal in der Bahn den Sitzplatz neben sich anbietet oder eben den Spitzen-Arbeitsplatz. Solche Dinge passieren eben auch, weil es auch anständige Menschen gibt. Normale Menschen, die so tun als wären wir nichts Besonderes. Und das ist toll und wir freuen uns eben doppelt, weil wir es nie erwarten, aber immer hoffen. Und mich spornt es doppelt an. Einmal, weil ich einfach besser sein will, gerade, wenn es mir niemand zutraut und einmal, weil ich den Leuten, die wirklich nett sind und uns normal behandeln zeigen will, dass es sich lohnt.

Ich hoffe, dass zumindest Frauen untereinander etwas solidarischer zueinander werden – ganz gleich woher sie kommen oder wohin sie gehen.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#2 Früchte des Zorns“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Merve

Merve, *1994, bietet auf primamuslima.de einen Einblick auf den Schmelztiegel zwischen konservativer Lebensführung und urbanem Liberalismus.

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