Eine Mutter im Multitasking
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Mutter, die: Frau, Partnerin, Freundin, Managerin, Haushälterin, Halbgöttin

„Ein Kind ist ein Vollzeitjob“, sagte vor einiger Zeit mal eine junge Mutter zu mir. Ich konnte es nur schwer glauben. So ein Baby, das schläft doch die ganze Zeit. So anstrengend kann es doch gar nicht sein.
„Ist es wirklich so schlimm?“, fragte ich später eine andere junge Mutter. „Die schlafen doch den ganzen Tag, oder nicht?“
„Ja, schon“, antwortete sie. „Aber man kommt trotzdem zu nichts.“

Ohne jetzt die Vergangenheit mit Früher-war-alles-besser schön zu malen – in gewisser Hinsicht war manches zu Zeiten unserer Großmütter doch leichter. Männer hatten eine Aufgabe, sie haben das Geld beschafft. Frauen hatten auch eine Aufgabe, sie haben sich um die Familie gekümmert. Das war bestimmt nicht immer einfach und ob das nun erstrebenswert ist, soll jeder für sich entscheiden – aber ich wage mal zu behaupten, dass die Durchschnittsmutter um 1950 nicht unter eine Belastung der Art litt, die eine Frau heute auf ihrem Buckel trägt. Früher war eine Mutter einfach Haushälterin. Heute ist eine Mutter Frau, Freundin, Partnerin, Managerin, Haushälterin oder schlichtweg: eine Halbgöttin.
Das Motto unserer Zeit ist: Du kannst alles erreichen, wenn du nur willst. Du musst nur wollen. Und natürlich wollen wir. Wir wollen toll aussehen, erfolgreich sein, eine großartige Partnerschaft führen, im Sozialleben interessant sein, eine wunderschöne Wohnung präsentieren, ein Ass in DIY sein und natürlich wollen wir unseren Kindern auch eine gute Mutter sein. Und selbst wenn man keinen Kinderwunsch hat oder es mit den Kindern nicht klappt, dann ist der Tag mit den übrigen Punkten schon ausgefüllt genug. Manchmal wollen wir vielleicht auch gar nicht, sondern müssen. Und oft haben wir vielleicht auch das Gefühl, dass wir wollen müssen.
Können wir wirklich alles schaffen, was wir wollen? Schauen wir uns doch mal die Welt an … Oh ja, wir können! Da gibt es Frauen, die werden Managerin von Großkonzernen, sehen blendend aus und bekommen noch dazu ein, zwei, drei Kinder – um kurz nach der Geburt wieder im Büro zu sitzen. Aber auch die Normalsterblichen können: wunderschöne, aufgeräumte Wohnungen besitzen, hübsche, ordentlich gekleidete Kinder auf Instagram präsentieren, nebenbei selbstständig Karriere machen. Wann? Tagsüber im Café beim Latte Macchiato, während das Kind im Wagen schläft. Oder eben nachts, wenn das Kind schläft. „Wie ist dein neues Leben mit Baby?“, fragt die Welt kurz nach der Geburt. „Alles ist wie immer“, antworten sie. „Ich hetze weiterhin ins Büro, nur habe ich jetzt ein Kind im Tragetuch dabei.“
Es gibt Frauen, die können das.
Sie erklären uns, wie es geht. Sie schreiben Blogs und Bücher. Geben Interviews und verfassen Ratgeber.

Eine Mutter im Multitasking
Die Realität ist freilich selten so einfach. Viele junge Mütter brauchen lange, um die Geburt zu verarbeiten, die nicht selten Spuren hinterlässt: sowohl körperlich, als auch psychisch. Ebenso brauchen viele Kinder eine Weile, um „anzukommen“ und den Schrecken des Auf-die-Welt-kommen zu vergessen. Vielleicht sind sie auch sehr aktiv. Oder reagieren empfindlich auf Ungewohntes. Diese Kinder schlafen nicht seelenruhig stundenlang im Kinderwagen, während Mama am Laptop arbeitet und Latte Macchiato schlürft. Und überhaupt, wovon soll man den eigentlich bezahlen? Von Elterngeld und Kindergeld jedenfalls nicht.
Statt das Wochenbett dazu zu nutzen, sich auszuruhen, wollen wir schnell wieder funktionieren. Das Wochenbett ist out, stellte schon Anja von Von guten Eltern fest. Und tatsächlich haben viele Frauen auch erstmal gar nicht so sehr das Bedürfnis, sich auszuruhen. Sie klammern sich an ihrem alten Leben fest, wollen noch nicht so ganz loslassen. Bei Jeannine war der orangefarbene Nagellack der letzte Anker, der sie in der Schein-Normalität hielt. Andere hetzen weiter ins Büro. Vielleicht wollen sie das. Vielleicht müssen sie das.
Vielleicht schaffen sie das auch. Vielleicht sind sie Superwomen, die alles hinbekommen, während man selbst mit ungekämmten Haaren vor einem Geschirr- und einem Wäscheberg steht, in Gedanken versucht, den nächsten Artikel zu formulieren, während das Kind schreit und partout nicht schlafen will.
Vielleicht bekommen sie die Quittung auch erst später. Wenn das Kind dann plötzlich tagsüber nicht mehr schlafen will. Nachts aber auch nicht. Wenn sie auch nach einem halben Jahr noch jede Nacht ein-, zweimal geweckt werden. Oder fünf-, sechs-, sieben-, zehnmal. Wenn sie sich jedem Tag mit voller Leidenschaft ihren Aufgaben widmen – als Frau, Freundin, Arbeitnehmerin, Chefin interessant bleiben und gleichzeitig eine liebevolle Mama sein wollen. Manchmal läuft das sicher wie am Schnürchen. So Tage gibt es. Oft eher mit Ach und Krach. Und manchmal stehen sie schon weinend nach einer durchwachten Nacht auf, fragen sich, wie sie den Tag überstehen sollen. Auch so Tage gibt es. Und sie rechnen zurück, wann sie sich eigentlich das letzte Mal so richtig ausgeruht haben. In modernen, mobilen Zeiten ist das vielleicht schon Monate her – weil der Mann eben keine Elternzeit nehmen kann oder will und auch keine Familie in der Nähe ist, die einem unter die Arme greifen könnte. Bei manchen Frauen werden aus schlechten Tagen schlechte Wochen. Manchmal entwickelt sich noch eine späte Postpartale Depression. Vielleicht bereuen sie dann, sich im Wochenbett nicht von der Geburt erholt zu haben. Oder sie schämen sich, weil sie nicht allen Erwartungen gerecht werden, die sie an sich selbst stellen, die das Kind, der Partner, die (Schwieger-)Eltern, die Arbeitswelt an sie stellen. Denn andere schaffen es doch scheinbar auch.
Manche wollen und können.
Manche müssen.
Und der Rest der Welt muss nicht immer alles wollen. Und er muss auch nicht immer alles können.
Also seien wir doch einfach ehrlich und sprechen es offen aus: Ich schaffe nicht immer alles. Ich bin nicht immer die Mutter, die ich gerne wäre. Auch nicht die Ehefrau, Freundin und Redakteurin.
Seien wir auch ehrlich zu uns selbst: Das was wir da auf Instagram sehen, was wir auf manchen Blogs oder in manchen Büchern und Ratgebern lesen, das ist auch nicht unbedingt ganz echt. Das weißt du vielleicht schon. Kann ja gar nicht anders sein. Aber sag’s dir trotzdem noch mal: Das. Ist. Nicht. Ganz. Echt.
Und zum Glück sind auch die vermeintlichen Superwomen immer öfter ehrlich und sagen: Ich schaffe das auch nicht immer.

Foto: Pixabay

 

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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3 Kommentare

  1. Tina

    Liebe Larissa,
    vielen Dank für Deinen Beitrag, ich hatte ja auch schon bei ohhh mhhh kommentiert. Nur an einem Punkt bin ich mir nicht so sicher: Die Hausfrau der 1950er Jahre hatte vielleicht ein deutlich abgesteckteres Aufgabenfeld, aber so wie meine Oma mit 5 Kindern ausgebombt, Kohleofen und Gemüsegarten, Kleider nähen, weil es einfach nichts zu kaufen gab, jeden Tag frische Milch holen (kein Kühlschrank!) – ich glaube, die Anforderungen waren ganz andere (heute müssen wir den Kindern beibringen nicht zu verschwenden und zusehen, dass ihnen farbiges und knisterndes Badewasser ihnen nicht zur Selbstverständlichkeit wird) aber bestimmt nicht leichter.
    Gruß Tina

    • Da hast du völlig recht, Tina. Zu bedenken wäre auch, dass es heutzutage vielleicht auch finanziell gar nicht mehr möglich ist, wenn die Frau daheim bleibt, selbst wenn sie es wöllte. Der Opa meines Mannes konnte damals noch mit nem Handwerkergehalt eine fünfköpfige Familie ernähren inkl. Hausbau. Glaube nicht, dass das in den meisten Teilen Deutschlands heute noch möglich ist…

  2. Schön geschrieben und richtig.
    Wer heute noch daran glaubt, dass er alles haben und machen kann, der ist ganz schön naiv. Sicher, wir kriegen das auf allen Kanälen vorgelebt: seht her, ich bin Mangerin, Mama, Bastelkönigin und Superköchin. Trifft auf ca. 1% der Frauen zu. Die anderen faken. Ich auch. Jeder, der nur meinen Blog kennt, würde auch denken ich sei die DIY-Queen und Sterneköchin. No Sir, I’m a pretender. Ich habe die gesamte letzte Woche damit verbracht Weihnachtsgeschenke zu basteln, die komplett in die Hose gegangen sind, was mir nen hysterischen Anfall beschert hat. Und die Woche zuvor habe ich Plätzchen gebacken, die so kacke waren, dass ich sie nah dem Auskühlen direkt in den Müll verfrachtet habe. Also: Versagen darf jeder mal, egal ob Mom, Managerin, oder sonstwer. Ist nämlich menschlich.

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