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Neu im Kino: Boyhood

Man könnte fast sagen: „Vier an einem Tag“. Boyhood begleitet eine Familie in einem wunderschönen Experiment.

Das Leben einer Figur endet nicht mit dem letzten Cut. Richard Linklater ist ein Regisseur, der das ganze Leben erfassen will. Das gelingt ihm bereits mit Before Sunrise/Before Sunset/Before Midnight sehr gut, die ihn seit bald zwanzig Jahren nicht loslassen. Aber noch bevor er mit dieser Trilogie in die zweite Runde ging, startete er ein außergewöhnliches Projekt, das aktuell im Kino läuft: Boyhood.
Geplant war ein Film über die Kindheit eines Jungen, also Boyhood, herausgekommen ist eine ganz besondere Familien-Saga. 2001 castete Linklaster den damals siebenjährigen Ellar Coltrane, stellte ihm noch seine eigene Tochter Lorelei und Patricia Arquette und Ethan Hawke als Eltern zur Seite. Fortan trafen sie sich jedes Jahr für drei, vier Tage, um Szenen für ihren Film zu drehen – zwölf Jahre lang.
Dabei liegt der Reiz von Boyhood keineswegs in der Handlung. „Ich dachte da wäre mehr“, spricht Olivia (Arquette) als ihr jüngstes Kind das Haus verlässt. Das Leben ist nun mal oft überschaubar. Die junge Mutter zieht allein ihre beiden Kinder Samantha (Linklater) und Mason Jr. (Coltrane) groß, während der Vater (Hawke) auf Selbstfindungstrip in Alaska ist. In den folgenden zwölf Jahren zieht die Familie oft um. Die Kinder werden größer. Masons Haare werden mal kürzer, dann wieder länger. Es kommt die Pubertät mit all ihren Tücken. Mason kommt in den Stimmbruch, seine Stimme wird tiefer. In fast drei Stunden Filmlaufzeit sieht man zwei Kinder heranwachsen, ohne dass ihnen ein bemerkenswertes Leben widerfährt.
Richard Linklaters Experiment war riskant. Wer konnte 2001 schon ahnen, wie sich alle Darsteller in den nächsten zwölf Jahren entwickeln würden? Was, wenn aus dem süßen kleinen Ellar kein anständiger Schauspieler heranwächst? Tochter Lorelei irgendwann keine Lust mehr hat? Oder vielleicht sogar einer der Darsteller verunglückt – man weiß ja nie? Wie schafft man es, zwölf Jahre lang sein Filmmaterial immer wieder auf den neuesten Stand der Technik zu bringen, sodass am Ende ein sauber geschnittener Film entsteht?
Schlussendlich hatte Linklater vermutlich mehr Glück als Verstand. Kein weiteres Unglück ist Boyhood passiert. Und obwohl der Film nicht mehr bietet, als dass man eine Familie durch einen Lebensabschnitt begleitet, sind die 163 Minuten nicht langweilig, sondern wunderschön – ein einzigartiger Querschnitte des Lebens, bei dem sich der Regisseur voll und ganz auf seine vier Darsteller verlassen konnte.

Filmfakten:

Darsteller: Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke, Lorelei Linklater
Regie: Richard Linklater
Produktion: Sandra Adair, Richard Linklater, Vincent Palmo Jr., Cathleen Sutherland, Anne Walker-McBay
Drehbuch: Richard Linklater
Laufzeit: 163 Minuten
FSK: ab 6 Jahren

Neu im Kino: Boyhood

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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