Power
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Power! Ist etwas ganz anderes

Powermütter

Foto: Unsplash/Hàn Vi Phạm Thị

Luna kürt „Die neuen Powermütter”. Das ist irgendwie schön. Mütter haben es immer verdient, für ihre Power gekürt zu werden. Und hier gibt es jetzt eine Liste mit ein paar besonders tollen Exemplaren. Ein Best of der fünfzig tollsten Powermütter, mit inspirierenden, starken und wundervollen Frauen.
Im Knesebeck Verlag erschien im letzten Jahr „Der Mama Styleguide” von Jeanine Dudenhöffer (vom Mummy Mag) und Fotografin Jules Villbrandt – ein nettes kleines Büchlein, das weniger Styleguide ist als eine Portraitserie toller Mütter mit gutem Stil. Also noch mehr Powermütter, inspirierend, stark und wundervoll.

Nur ich, ich finde das irgendwie doof.

Nein, das ist nicht richtig. Ich finde das nett. Ich lese das und finde es sympathisch, wahr und ehrlich. Der „Styleguide” zeigt so viele unterschiedliche Frauen, jüngere, ältere, Frauen aus meiner Stadt, Frauen – na, klar – aus Berlin und vielleicht sogar vom Land. Frauen, von denen ich sogar Fan bin, wie zum Beispiel Isabel und Marie von Little Years. Frauen, die ehrlich sind, dass es manchmal schwierig ist, Mama zu sein. Frauen, die sich nicht verbiegen lassen und Frauen, die jetzt auf die Seidenbluse verzichten und lieber Turnschuhe als High Heels tragen.
Und doch klappe ich das Buch zu und denke: „Ich finde dich doof!” Und weiß dabei vielleicht einen kurzen Moment nicht mal, ob ich das Buch meine oder vielleicht doch mich selbst.
Denn: Zwanzig Mütter werden portraitiert. Und mit keiner einzigen kann ich mich identifizieren. Ich sitze hier nicht mit Stil, sondern mit einer alten Jogginghose, an der mein Kind mit Sicherheit in den letzten vierundzwanzig Stunden mehrmals seine Nase abgewischt hat, und ungekämmten Haaren. Neulich habe ich mir zum ersten Mal seit zwei Jahren ernsthaft neue Kleidung gekauft – für den Berufsstart wollte ich wieder aussehen wie eine Frau.

„Ich dachte ja früher tatsächlich, ich könnte während der Elternzeit meine Doktorarbeit schreiben!”
„Ja, solche Vorstellungen hatte ich auch mal!”
Beide jungen Mütter brechen in schallendes Gelächter aus.

„Erobere das Cello, lerne Spanisch, gründe ein Start-Up!”

Das schlägt der Evening Standard vor. Anstatt sich von dem Kind ausbremsen zu lassen, solle man die Off-Zeit lieber für einen „power maternity leave” nutzen. Freilich, so räumt der Artikel ein, es gibt Mütter, denen fehlt die Gelegenheit. Ma, zum Beispiel, fand nicht die Zeit für mehr Power: „Otto war ein Albtraum. Von allen Kindern in meinem NCT-Kurs schreit er am meisten und wachts nachts viermal auf.”
Klar, manche Frauen haben eben Pech. Bad luck. Vielleicht beim nächsten Kind.
Für alle anderen heißt es: Raus ins Leben! Ab mit dem Kleinen ins Café! Wann, wenn nicht jetzt? Gründe ein Start-up! Werde selbstständig! NOW!
Wie das geht, das erklärt zum Beispiel „Mama muss die Welt retten – Wie Mütter vom Wickeltisch aus Karriere machen” von Caroline Rosales (Stadt Land Mama) und Isa Grütering (Hauptstadtmutti): „Dieses Buch ist für Mütter, die für ihre persönliche Erfüllung nicht alleine ihr Baby verantwortlich machen wollen, sondern denen in ihrer Elternzeit zwischen Krabbelgruppe und Gläschen-Shopping auch mal richtig die (Schnuffel-)Decke aufd en Kopf fällt. Und die sich fragen, was sie selbst tun können. Die Antwort lautet: ALLES!” [1]
Und wieder findet man tolle Mütter, inspirierende, starke, wunderbare Frauen mit großartigen Geschichten.
Nur ich, ich finde das irgendwie doof, höre mittendrin auf zu lesen, lege das Buch in den Ikea-Korb neben dem Sofa und denke: Später mal, wenn ich mehr Kraft habe.

Nein, seien wir mal ehrlich.

Bei mir kommt keiner vorbei und sagt: „Hey, Larissa, du hast echt Power! Dürfen wir dich für ein Buch portraitieren?” Ich habe in meiner Elternzeit kein Start-up gegründet, sitze nirgends im Vorstand, leite kein Unternehmen, habe nicht mit einundzwanzig mein eigenes Label aufgebaut oder bin berühmte Bloggerin. Ich wohne nicht in einem chicken Berliner Altbau mit hohen Decken und Design-Möbeln, habe in meinem ganzen Leben noch nie eine Seidenbluse besessen und meine einzigen High Heels sind von H&M und stehen seit Jahren unbenutzt im Keller. Aber, und jetzt mal ganz ehrlich, ich bin auch nicht wirklich reich, ja, habe nicht mal reich geheiratet. Als durchschnittlich erfolgreiche junge Redakteurin habe ich eher mäßig verdient, damals, vor meiner Elternzeit. Was bedeutet: In der Elternzeit hatte ich nur noch 60 % eines mäßigen Gehalts. Was auch bedeutet: Kein Latte Macchiato fünf Tage die Woche im In-Café, kein PEKiP plus Babyschwimmen und plus Mama-Kind-Yoga, und vor allem: kein Babysitter (und auch keine Großeltern, Verwandte oder Freunde, die regelmäßig helfen). Und: kein sogenanntes „Anfängerbaby”, das es überhaupt mitgemacht hätte, fünf Tage die Woche im Café zu sitzen. Genau genommen scheiterte ich schon oft genug am Kaffee zu Hause. Oft genug scheiterte es schon beim „sitzen”.

Ich will nicht jammern.

Denn das meint ihr jetzt ganz sicher: „Diese Mütter, die jammern viel zu oft. So schlimm kann das doch gar nicht sein.” Doch, es ist so schlimm. Aber am Ende geht es vielen so. Denn, liebe oben zitierte Ma, dein Otto ist (zum Glück) kein „Albtraum”, sondern ein ganz normales Baby. Viermal die Nacht geweckt werden? Für viele Mütter ein Luxus.
Und so lese ich in meiner Jogginghose mit ungekämmten Haaren von den tollen Powermüttern und denke daran, dass ich gerade meine Facebook-Page vernachlässige, dass ich dringend neue Artikel schreiben müsste, dass das neue Layout noch nicht steht und ich noch nicht mal den Abwasch gemacht habe. Und fühle mich schlecht.
Diese Powermütter, die sind doch so etwas wie die Royals für die junge Generation. Während unsere Mütter und Omas Geschichten von Catherine und Victoria in „ihrem Blatt” lesen und von einem Schloss träumen, so träumt meine Generation von Karriere, gutem Stil plus glücklichem Familienleben mit hübschen, sauberen Kindern in stylishen Bio-Baumwoll-Seide-Bodys.

Und am Ende übersehen wir sie, die Powermütter direkt vor unserer Nase. Wie meine Freundin, die eine gute Stelle hat und „trotzdem” gerade mit dem dritten Kind schwanger ist – und das „obwohl” das erste eine Behinderung hat. Oder meine Freundin, die auch mit Baby noch regelmäßig Ballett macht. Oder meine Studienfreundin, die mit Baby in einer WG wohnte, der Kindsvater damals im Ausland. Oder all die anderen Frauen, die jeden Tag aufstehen und ihren Alltag stemmen, obwohl sie nachts acht-, neun-, zehnmal geweckt wurden, wieder einmal, und keine Hilfe zu erwarten haben.
Und so eine Mutter bin ich. Und so sitze ich hier, in einem kurzen Moment ohne Kind, und schreibe einen Artikel für das Magazin, das ich innerhalb meiner Elternzeit aufgebaut habe – jeden Mittag in den paar Minuten Pause, jeden Abend, während ich mit einem Ohr dem Babyfon lauschte.
Sagt doch, was ihr wollt, aber ich bin mir Powermutter genug.

Quellen

[1] Grütering, Isa, Rosales, Caroline: Mama muss die Welt retten, atb, 2013, S. 2

Dieser Artikel war Teil des No Robots Magazine #6 Rausch.

 

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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