Leuchtreklame: The same for everyone

Prototyp: Frau 2.1

Ich bin ein Prototyp. Die Frau 2.1. Und du bist es auch. Oder vielleicht der Mann 2.1. Auch der ist neu.

Aber gehen wir erstmal ein Stück zurück. Also ein ziemlich großes Stück. Bis zur Entstehung des Lebens. Da war sie nun die Welt, und plötzlich, so sieht es jedenfalls aus, ohne Sinn und Verstand poppt etwas Neues auf: Leben. Und das Leben lebt so viel sich hin, Und irgendwann fällt der Evolution wieder etwas tolles Neues ein: Geschlechter! Und nun, ein paar Millionen Jahre später und wir haben den Salat!
Aber ich eile zu schnell voran. Wir sind immer noch ziemlich am Anfang der Geschichte. Die Natur erfindet und erfindet und irgendwann keucht und fleucht es auf dem Erdboden. Darunter befindet sich das Reich der Animalia, besser bekannt als: Tiere. Innerhalb der Tiere kommt irgendwann eine neue Gattung auf: Homo. Und jetzt kommen wir zum Hauptteil der Geschichte. Auf der Erde erscheint der Homo sapiens.

Der Homo sapiens, auch bekannt als: Mensch, ein Menschenaffe der Unterordnung Trockennasenprimaten, ist erstmal ein Tier wie jedes andere. Er lebt in größeren Gruppen zusammen, die durch eine soziale Ordnung bestimmt werden. Der Mensch teilt sich (wie viele andere Lebewesen auch) vorwiegend in zwei biologische (plus juristische und psychologische) Geschlechter auf. Innerhalb seiner sozialen Gruppe ist ihm das von Vorteil. So besteht ein Teil der Gruppe aus eher muskulöseren und gelegentlich auch aggressiveren Vertreter, daneben gibt es die schwächeren, aber sozialeren Individuen, die die körperlichen Merkmale einer Gebärmutter aufweisen, daher in der Lage sind, Kinder zur Welt zu bringen. Die Aufzucht des Nachwuchses lässt sich in der Gruppe gut aufteilen: Der erste Teil der Gruppe (weiter genannt: Männer) waren gut geeignet, um weitere Strecken zu laufen, Nahrung zu beschaffen und Feinde zu bekämpfen. Der zweite Teil (oder: Frauen) bekamen die Kinder und kümmerten sich um das Interna. Noch effizienter wurde die Aufzucht des Nachwuchses dabei, wenn Mann und Frau sich langfristig zu einem Team verbündeten. Dabei war es weiter hilfreich, wenn Mann und Frau sich halbwegs gut leiden und riechen konnten.

Lichtinstallation Mann/Frau

Und daran änderte sich lange Zeit erstmal nichts. Der Homo sapiens wandelte die Welt um ihn herum. Er erfand die Kultur und Werkzeuge. Er fand Heilpflanzen und Wundversorgung. Er wurde immer mehr, aber er selbst blieb eigentlich, wer er war. Es wurden so viele, dass er die Politik erfand und anfing, Fragen zu stellen. Und mit der Politik und den Fragen kam etwas, das er „Religion“ nannte. Der Homo sapiens war noch, wer er war. Das Leben war hart, die Arbeit schwer, der Feinde viele. Kinder wurden gezeugt und unter Schmerzen geboren, und hatten eine kleine Chance, zu überleben, wenn die Welt es gut mit ihnen meinte und die Gruppe gut zusammenarbeitete. Aber der Mensch mit seinen Fragen, seiner Politik und seiner Religion begann aus dem biologischen Teamwork eine Institution zu machen, einen Befehl oder auch ein gottgegebenes Gesetz.

Aber die Welt blieb nicht stehen und der Mensch wollte mehr. Er wurde romantisch. Sich halbwegs leiden und riechen zu können war nicht mehr genug. Er wollte Sehnsucht, Leidenschaft und Liebe, Liebe, Liebe. Er wollte ewiges Leben und große Erfindungen und er wollte so viel mehr. Er wollte so viel, dass die Welt beinahe aus den Angeln fiel. Es krachte und bummte und alles brach auseinander. Und da stand er nun, der Mensch. Immer noch der gute alte Homo sapiens, aber er saß nicht mehr in seiner Höhle, sondern in einer neuen Welt. In einer Welt mit einer neuen Ordnung, mit Freiheit, Nahrung im Überfluss (wenn er Glück hatte), medizinischem Fortschritt und langen Tagen im Büro. Gerade mal ein paar Tausend Jahre waren vergangen, ein Wimpernschlag der Zeit. Und jetzt stehen wir hier.

Jetzt stehe ich hier als Frau 2.1. Ich muss keine Kinder mehr bekommen, wenn ich nicht möchte. Ich kann Sex haben, ohne mir allzu viel Gedanken über mögliche Konsequenzen zu machen. Ich muss nicht bei jedem Geschlechtsverkehr fürchten, mit dem nächsten Kind schwanger zu werden. Ich muss die Geburt nicht mehr fürchten und auch nicht, die möglichen Überlebenschancen des Kindes. Ich muss nicht in meiner Höhle sitzen und auf die Jäger warten. Ich muss mein Kind nicht mehr auf dem Rücken tragen, um Beeren zu sammeln, oder es mehr oder weniger beaufsichtigt beim Stamm zurück lassen. Ich kann es in (mehr oder weniger) gute Betreuung geben oder vielleicht muss ich auch gar keine Beeren mehr selbst sammeln, sondern habe Zeit und Raum und Möglichkeiten, mir Gedanken zu machen, wie ich das Leben des Nachwuchses noch besser machen könnte.

Und da sitzt er, der Mann 2.1. Gefahren gibt es noch genug in dieser Welt, aber welche Feinde kann er schon noch mit seinen Fäusten vertreiben? Er muss nicht mehr weit und schnell laufen können, um das Abendessen nach Hause zu bringen. Er fährt mit dem Auto und bekommt einen Bierbauch.

Männlich weiblich whatever

Vielleicht brauche ich ihn noch, den Mann 2.1, und er mich. Wenn wir unsere Spezies mit neuem Nachwuchs bereichern wollen, zum Beispiel. Vielleicht wollen wir auch nur zusammen sein, weil wir uns ganz gut leiden und riechen können. Aber unsere Arbeitsaufteilung, mit der wir gut 160.000 Jahre gut gelebt haben, ist hinfällig geworden. Ich brauche ihn nicht mehr zwingend als Partner, um den Nachwuchs groß zu ziehen. Ich kann mit einem Mann ein Kind bekommen und mit einem anderen eine Familie sein. Oder mit einer Frau. Oder vielleicht auch mit dem Kind alleine. Oder ich bekomme keine Kinder. Auch gut. Ich brauche keine zusätzlichen Muskeln mehr, um die schwere körperliche Arbeit des Alltags zu erledigen. Ich hole mir im Büro die gleichen Rückenschmerzen wie der Mann am Schreibtisch nebenan. Ich kann sie suchen, die große romantische Liebe. Denn ich bin immer noch ein soziales Wesen und mir fehlt mein Stamm. Vielleicht habe ich Glück und finde sie. Vielleicht verzweifle ich daran. Vielleicht bin ich irgendwo ganz zufrieden. Vielleicht findet ich auch einen neuen Stamm, einen guten Freund oder eine Freundin oder eine Katze, die mit mir die Einsamkeit vertreibt. So gehe ich als Frau 2.1 durch mein luxuriöses, mitteleuropäisches Leben. Und der Mann 2.1 ebenso, vielleicht an meiner Seite, vielleicht kommt er mir entgehen oder biegt vorher ab. Er hat seinen Weg und ich habe meinen.

Da sind wir nun, die neue Frau und der neue Mann. Körperlich sind wir noch die alten, die gleichen Homo sapiens, die wir immer waren. Doch nachdem die Welt in Flammen aufging und wie Phönix aus der Asche stieg, sind wir nun die erste oder zweite Generation, die vor einem freien Feld steht, wo vormals ein Weg war. Von hieraus blind und querfeldein. Wir wissen noch nicht, wo es hingeht. Manchen von uns fällt das schwer. Sie klammern sich an den Weg, der einmal da war. Oder rennen voran, kopfüber ins Ungewisse. Wir wissen nicht, was uns erwartet. Wir werden stolpern und zweifeln, wieder aufstehen und uns neu orientieren müssen. Wir werden uns im Gestrüpp verheddern und über umgestürzte Bäume klettern. Der alte Weg ist weg, aber wir können neue Wege schlagen. Und das wird eine spannende Aufgabe.

Fotos: Unsplash

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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