Erinnerungen an die verlorene Heimat
Kommentare 0

„Psst, seid leise!“

Erinnerungen an die verlorene Heimat

Foto: Unsplash/Roman Kraft

„Wenn man meine Mutter spontan oder angekündigt besucht, ist es eines sicher: Wäre es nötig, könnte man dort vom Boden essen. Es liegt wenig bis nichts herum, vielleicht hängt mal eine gebügelte Bluse am Schrank. Trotzdem ist meine Mutter der Meinung, dass es in ihrer kleinen Zweizimmerwohnung vollkommen chaotisch aussieht und sie Stunden braucht, um dort aufzuräumen. Unangekündigter Besuch von Fremden wäre für sie eine Katastrophe.

Bei mir kann man nicht vom Boden essen, weder wenn gerade geputzt wurde, noch an den anderen vielen Tagen, an denen nicht geputzt wurde. Ich habe einen Mann, drei Söhne, wir sind zu fünft und hinterlassen Dreck, Krümel und Flecken. Und Chaos ohne Ende. Das Hobby des Jüngsten ist es momentan, Dinge irgendwo rauszuziehen und sie dann an einem anderen Ort fallen zu lassen. Meine Mutter ist der Meinung, dass ich erst einmal in die komplette Wohnung „Grund reinbringen“ müsste, wenn ich denn tatsächlich eine Putzfrau engagieren würde.

Wenn meine beiden ältesten Söhne sich in der Öffentlichkeit streiten, erstarrt meine Mutter vor Peinlichkeit. Vor lauter „Die Leute gucken schon!“ und „Was denken die wohl!“ ist sie nicht mehr in der Lage, die beiden Streithähne zu trennen.

Ich bin daran gewöhnt, dass meine Söhne streiten. Die beiden trennt lediglich ein Altersunterschied von anderthalb Jahren, sie haben dasselbe Geschlecht – in jedem Erziehungsratgeber kann man nachlesen, dass da Streit vorprogrammiert ist. Dass ich das weiß, führt zwar (leider) nicht dazu, dass es mich nicht nervt – aber peinlich ist es mir nicht.

Nun könnte man denken, dass das einfach ein Generationenkonflikt ist, meine Mutter ist dreiundsiebzig, ich bin fünfunddreißig. Natürlich legt die ältere Generation mehr Wert auf Ordnung, Sauberkeit und Ruhe. Doch der Konflikt, der in unserer Familie seit Jahren mal mehr, mal weniger offen ausgetragen wird, ist von ganz anderer Natur.

Meine Mutter ist 1943 geboren, kurz vor Kriegsende floh sie mit ihrer Familie von Pommern nach Schleswig-Holstein. Ihr Vater war in Kriegsgefangenschaft, meine Großmutter kam mit ihren beiden Töchtern bei einem Melker und dessen Familie unter, die dazu gezwungen worden waren, ein acht Quadratmeter großes Zimmer an die Flüchtlingsfamilie abzugeben. Als mein Großvater aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, lebte die Familie also zu viert auf diesen acht Quadratmetern in einem schleswig-holsteinischen Dorf, von dessen Bewohnern kritisch beäugt, vom Melker und seiner Familie so gehasst, dass dieser irgendwann vor Wut über den verlorenen Wohnraum mit einem Stein die Fensterscheiben des Zimmers einwarf, das er hatte abgeben müssen – während meine Mutter und ihre drei Jahre ältere Schwester im Raum waren.

Dieses Gefühl, weniger als nicht erwünscht zu sein, gar gehasst zu werden, fremd zu sein, hat sich bei meiner Mutter manifestiert. Wer fremd und unerwünscht ist, darf nichts – schon gar nicht auffallen. Wer zu viert in einem acht Quadratmeter großen Zimmer lebt, lebt vor allem in einem: im Chaos. Wie so viele hat meine Mutter es nicht geschafft, dieses Gefühl loszuwerden. Und so räumt und putzt sie gegen das vermeintliche Chaos an, mahnt ihre Enkel zum Leisesein und macht meiner Schwester und mir Vorwürfe, wenn auch wir laut sind und uns gegen Ungerechtigkeiten wehren. Im Zweifelsfall denkt meine Mutter, dass es unsere Schuld war.

Eine Bekannte erzählte mir, dass ihre Mutter – ebenfalls ein Flüchtlingskind – jedes Mal, wenn die Familie zusammen kommt, Unmengen an Essen kauft, die nicht einmal von drei Geschwistern inklusive Partnern und acht Enkelkindern aufgegessen werden können und regelmäßig im Müll landen.

Und neulich machte ich Bekanntschaft mit der Autorin Nicki Pawlow, die 1977 als Dreizehnjährige mit ihren Eltern aus der ehemaligen DDR floh, was bei ihr eine jahrelange Suchterkrankung zur Folge hatte.

Ich begegne auch Menschen, die im Hier und Jetzt geflohen sind. Viele treffe ich durch meine Arbeit, aber auch in meinem Privatleben: In der Nähe des Sportfeldes, auf dem meine Söhne Fußballtraining haben, wurden Anfang diesen Jahres Wohncontainer für Flüchtlinge aufgebaut. Und so traf ich, als meine Jungs in den Osterferien an einem Fußballcamp teilnahmen, täglich die dort untergebrachten Familien auf meinem Weg – die meisten wie wir, mit zwei oder drei Kindern. Sie gingen regelmäßig die große und vielbefahrene Straße entlang, die ich so hasse, wenn wir alle mit den Fahrrädern unterwegs sind. Manche hatten ihren Kindern im nahen Supermarkt ein Eis gekauft. Eine Familie saß mit ihren beiden Kindern an einer der vielen Kreuzungen, die ich so hasse, im Gras und veranstaltete eine Art Picknick. Sie alle trauten sich nicht, diese für Familien wirklich unwirtliche Gegend zu verlassen – und sie alle versuchten aber, ihren Kindern eines zu vermitteln: Normalität. Die an der Kreuzung picknickende Familie jagt mir jetzt noch die Tränen in die Augen.

Normalität ist alles andere, aber nicht das. Und das meist verdrängte Trauma des Heimatverlustes und der Fremdheitserfahrung bricht irgendwann bei jedem Bahn, äußert sich vielfältig und vererbt sich an die nachfolgenden Generationen. Denn meine Schwester und ich und unsere Kinder mögen laut und fordernd sein, und unsere Wohnungen unordentlich – aber die kleine Stimme im Kopf, die mal mehr oder weniger laut ruft: „Du hast nicht das Recht dazu!“ oder „Wie asozial!“ ist allgegenwärtig. Diese Stimme bekamen wir direkt mit der Muttermilch eingeflößt und wenn wir Pech haben, geben wir sie ebenfalls weiter.

Deshalb wünsche ich mir, dass bei allen „Wir schaffen das!“- und vor allem bei allen „Wir schaffen das nicht!“-Rufen eines nicht vergessen wird: Die „Flüchtlingskrise“ mit ihrer „Flüchtlingswelle“, die an eine „Flüchtlingsobergrenze“ stößt, bringt vor allem eines zu uns: Geflüchtete Menschen, die ihre Heimat verloren haben und die dieses Gefühl an ihre Kinder und Kindeskinder weitergeben werden. Generationen von Menschen werden mit der Fluchterfahrung ihrer Eltern und Großeltern leben müssen und sie brauchen tatsächlich mehr als Sprache, Bildung und Arbeit. Diese Menschen brauchen es, als Menschen behandelt zu werden – und das kann doch verdammt nochmal nicht so schwer sein, in einem Land wie Deutschland und einer Zeit, in der niemand gezwungen ist, seinen Wohnraum zu teilen.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#3 Heimat“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Julia

Julia, *1980, schreibt sonst fröhlich-subjektiv auf juliliest.net, dem Blogazine für Familien, die gerne lesen. Im wahren Leben Literaturwissenschaftlerin - also alles und nichts. 

Schreibe eine Antwort