Ein Schwarz-Weiß-Foto von einer jungen Frau
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Schließen wir unsere Augen oder: Sympathie ist eine Bitch

Eigentlich bin ich ein ziemliches Fangirl. Manchmal, da tagträume ich, dass ich Keira Knightley auf dem Spielplatz treffe. Und während unsere Kinder gemeinsam im Sand buddeln, werden wir beste Freundinnen.
War ich beruflich in Stavanger  unterwegs, explodierte ich tagelang beinahe vor Hoffnung, jemanden meiner Lieblingsband Kaizers Orchestra zu sehen. Und ehrlich gesagt saß ich am Nachmittag vor einem Konzert auch schon mal neben der Halle in der Sonne, lauschte dem Soundcheck und stellte mir vor, wie Geir Zahl zufällig vorbei kommt, wir ins Plaudern geraten und danach dicke Kumpels sind. Als er dann tatsächlich nach dem Gig im Publikum auftauchte, konnte ich es mir nicht verkneifen, Hallo zu sagen und ihm die Hand zu schütteln … und ich schäme mich noch heute dafür, dass ich nur Blödsinn erzählt habe.
Ich finde schon ziemlich viele Leute gut. Ich bin da leicht zu entflammen. Trotzdem weiß ich natürlich, dass Prominenz eine Illusion ist, dass ich mir Menschen erträume, die es so nicht gibt. Klar. Manche Leute, die ich prima finde, möchte ich gar nicht kennenlernen, weil ich schon irgendwie ahne, dass wir uns nicht so gut verstehen könnten – Simon Pegg zum Beispiel.  Oder der großartige Christoph Waltz, der dafür bekannt ist, dass er keine Lust hat, mit Leuten zu sprechen, die ihn nicht interessieren.
Bei vielen blende ich aber auch einfach aus, dass sie vielleicht doch nicht so gut sind, wie ich mir das vorstelle. Wenn ich in einem Facebook-Kommentar lese, dass der sonst so sympathische Frank Turner arschig zu einem Fan war, dann lösche ich das gerne wieder aus meinem Kopf. Obwohl mir natürlich klar ist, dass auch so wunderbare Leute wie Benedict Cumberbatch mal schlechte Tage haben. Dass er im Streit vielleicht unfair gegenüber seiner Frau wird, dass er möglicherweise ab und an seinen kleinen Sohn anpampt oder nach einer durchwachten Nacht vielleicht zickig zu einem Film-Assistenten ist. Das ist natürlich nicht nett. Aber ich bin ja auch nicht immer nett.
Andererseits gibt’s da auch Leute, die ich nicht leiden kann. Einfach so. Nur weil eine Kollegin vielleicht nach einem Interview mit einer Schauspielerin nichts Gutes über sie zu sagen hatte. Tja. Sympathie ist eine Bitch.
Aber was machen wir, wenn Sympathie auf echte moralische Bedenken stößt?
Es war nur eine Bierdusche.
Aber für viele Fans hat es gereicht. 2012 goss Kaizers-Orchestra-Gitarrist Terje Winterstø Røthing dem Plumbo-Sänger Lars Erik Blokkhus hinter den Kulissen vom Spellemann-Preis vor laufender Kamera ein Glas Bier über den Kopf (zusammen mit Erfolgsautor Tore Renberg (wer Norwegisch kann: lest seinen Roman „Mannen som elsket Yngve“!)). Das Prekäre daran: Blokkhus entschuldigte sich gerade für den rassistischen Witz den er vorher auf der Bühne gemacht hatte.

Für viele Fans war das ein No-Go und sie empörten sich öffentlich über die Band, was zu einer demütigen Entschuldigung Winterstø Røthings führte. Und ich? Ich fand die Aktion eher amüsant. Kindisch, klar, aber trotzdem … War das okay von mir? Oder war das Fan-Cleanwashing?
Die Bierdusche war natürlich ein harmloser Streich. Aber wie sieht es mit illegalen Aktivitäten aus?
Erst kürzlich wurde bekannt, dass Emma Watson in den Panama Papers auftaucht.
Die wunderbare Emma Watson, die sich so sozial engagiert und eine UN-Sonderbotschafterin für Frauenrechte ist. Kann nicht stimmen, ist mein erster Gedanke, und ich lese die entsprechenden Artikel gar nicht erst. Mein Bild will gewahrt bleiben. Schließlich informiere ich mich doch: Watson hat über eine Briefkastenfirma eine Immobilie gekauft, damit ihre Anonymität und somit ihre Sicherheit gewahrt bleibt. Das ist legal in Großbritannien, sofern dadurch keine Steuern hinterzogen werden. Hat sie oder hat sie nicht? Ach was, Emma ist so süß, sie hat nicht. Bestimmt nicht.

Manchmal gibt es aber auch keine Zweifel über das „stimmt’s oder stimmt’s nicht“. Und was dann? Augen schließen und weiter mögen? Oder ordentlich Sympathie-Punkte abziehen oder sogar auf die Arschloch-Liste setzen? In meinem nächsten Fall gibt es kein „kann nicht sein“:
Dave Grohl, der tolle Dave Grohl, und seine Foo Fighters, sind AIDS-Leugner!
Alles nur böse Gerüchte? Nope. Fakt. Die Foo Fighters unterstützten die Alive & Well AIDS Alternatives und gaben sogar ein Benefiz-Konzert.

Was machen wir mit dieser Information? Stecken wir sie als bloße Dummheit weg? Als „Na ja, jeder Mensch kann mal ziemlich blöd sein, aber Dave Grohl ist trotzdem ’ne coole Socke“? Kann man. Aber auf der anderen Seite haben Prominente eine laute Stimme, finden schneller Gehör. Wie viele Foo-Fighters-Fans mögen sich mittlerweile mit HIV infiziert haben oder sind gar an AIDS gestorben, weil sie sich beeinflussen ließen? Die Band nahm den Support-Banner zwar mittlerweile von ihrer Webseite, distanzierte sich aber nicht öffentlich von ihren früheren Aktivitäten. Reicht das als Absolution?
No-so-funny-Fact: Alive-&-Well-AIDS-Alternatives-Gründerin Christine Maggiore ist inzwischen an AIDS verstorben, ebenso ihre dreijährige Tochter, nachdem Maggiore sich weigerte, Medikamente gegen eine Übertragung des HI-Virus zu nehmen und ihr Kind trotz aller Risiken stillte.

Und zum Schluss gibt es da noch die Rubrik, die sich mit purer Dummheit nicht mehr erklären lässt: der sexuelle Missbrauch. Da gab es gerade in letzter Zeit ja wieder einige prominente Täter: Bill Cosby zum Beispiel. Ich bin kein Fan von Cosby, also sperrt ihn weg, mir doch egal!
Aber was ist mit Woody Allen? Ist der großartige Regisseur ein Vergewaltiger?
Der kleine alte Mann mit der großen Brille, der immer etwas intellektuell-linkisch rüberkommt und dabei doch irgendwie süß ist. Der große Regisseur, der seit Jahrzehnten gerade dafür berühmt ist, Frauen stark und sexy in Szene zu setzen. Unvergessen ist seine Annie Hall (die ich allerdings nicht besonders leiden konnte) oder seine Zusammenarbeit mit Scarlett Johansson (knutscht in Vicky Cristina Barcelona mit Penelope Cruz) – seine „Blue Jasmine“ Cate Blanchett erhielt für ihre atemberaubende Darstellung erst 2014 einen Oscar. Ja, mit heißen Frauen hat’s der Allen.

Ein Schwarz-Weiß-Foto von einer jungen Frau

Foto: Pexels.com

Aber vielleicht ist Allen auch nicht nur ein lustiger verschrobener Intellektueller mit Hang zur Erotik – vielleicht ist er auch einfach ein ekliger, geiler Bock. 2014, als Blue Jasmine gerade gefeiert wurde, veröffentlichte die New York Times einen offenen Brief von Allens Adoptivtochter Dylan Farrow. Darin beschrieb die junge Frau wie sie vor zwanzig Jahren, im Alter von sieben, von Woody Allen sexuell missbraucht wurde. Besonders groß war der Aufschrei auf diese Offenbarung nicht – denn die Anschuldigungen waren nicht neu. Allen musste sich bereits 1993 vor Gericht verteidigen. Damals wie heute warf er seiner Ex-Lebensgefährtin Mia Farrow vor, dem Mädchen Lügen eingeredet zu haben. Aus Rache, weil Allen ein Verhältnis mit seiner jetzigen Ehefrau begann, die junge Soon-Yi Previn, – und jetzt kommt’s – Farrows Adoptivtochter. Moses Farrow, der gemeinsame Adoptiv-Sohn, stärkte seinem Vater den Rücken gegen die Schwester: „Natürlich hat Woody meine Schwester nie belästigt.“  Schließlich kehrte wieder Ruhe ein.
Bis sich kürzlich Ronan Farrow, nun wiederum der leibliche Sohn Farrows und Allens (oder möglicherweise auch Frank Sinatras), zu Wort meldete: „‚Es stehen zu viele Beziehungen auf dem Spiel‘, argumentiert Farrow. Viele Schauspielerkollegen und Verleger arbeiteten eng mit Allen zusammenarbeiten und profitierten finanziell von der Beziehung zu dem Regisseur.“
Trotz aller Vorwürfe bleibt Allen Hollywoods Lieblings und Liebling des Publikums. Die Stars stehen weiter Schlange, um bei ihm zu spielen, wir rennen weiter ins Kino, um seine Filme zu sehen. Ist das gerecht? Sollten wir, die Verbraucher, uns gegen ihn stellen? Oder ist die Kunst befreit von privaten Aktivitäten? Wie viele moralische Verantwortung haben wir?

That torment was made worse by Hollywood. All but a precious few (my heroes) turned a blind eye. Most found it easier to accept the ambiguity, to say, “who can say what happened,” to pretend that nothing was wrong. Actors praised him at awards shows. Networks put him on TV. Critics put him in magazines. Each time I saw my abuser’s face – on a poster, on a t-shirt, on television – I could only hide my panic until I found a place to be alone and fall apart.
– Dylan Farrow

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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6 Kommentare

  1. Toller Artikel! Da sind ja noch ein paar Beispiele dabei, von denen ich noch gar nichts gehört hatte, wie z. B. von den AIDS-Leugnern. :-/ Oder auch von Emma Watson.

    Ob ein Boykott wirklich etwas bringt, insofern als dann den Vorwürfen gegen Woody Allen z. B. nachgegangen würde, ist allerdings die Frage. Ich glaube, ehrlich gesagt, nicht, dass das im ERGEBNIS etwas bringt. Tom Cruise wird es nicht gespürt haben, dass ich ihn nicht als Graf Stauffenberg sehen wollte, weil er meiner Meinung nach einer totalitäten Organisation angehört, was für mich nicht mit der Darstellung eines Widerstandskämpfers zusammengepasst hat. Aber vielleicht ist man mit sich selbst dann etwas mehr im Reinen.

    Und zuletzt sollte man natürlich auch niemanden vorverurteilen, so lange nicht wirklich sicher ist, was passiert ist. Ich erinnere an die Kindesmissbrauchsvorwürfe gegen Michael Jackson, die dann durch das Gericht entkräftet wurden.

    PS: Ah, du bist auch aus München! 🙂

  2. Ein sehr interessanter Beitrag, in dem ich mich durchaus wiederfinde. Das mit Emma Watson und den Panama Papers zB wusste ich noch gar nicht. Ja, das hat schon einen komischen Beigeschmack. Und auch bei Woody Allen gehts mir ähnlich. Ich weiß da nicht, was ich denken soll. Bei Bill Cosby und Roman Polanski fällt mir das negative Urteil nicht so schwer.
    Aktuell wird ja auch über Johnny Depp diskutiert: ist das wirklich möglich, dass der allseits beliebte Johnny Depp seine Freundin geschlagen hat? Man will das ja nicht wahr haben.

    Die Singende Lehrerin hat da auch mal (ähnlich) drüber geschrieben: Inwiefern kann man die Kunst vom Künstler trennen? https://singendelehrerin.wordpress.com/2016/03/18/die-freitagsfrage-15-koennt-ihr-die-kunst-vom-kuenstler-trennen/

    • Ich denke halt, es geht nicht nur um Kunst und Künstler, sondern auch unsere Verantwortung als Verbraucher. Wenn Woody Allen aus finanziellen Gründen nicht angeklagt wird, dann ist das auch mit unsere Schuld.

  3. Uli

    Ich glaube, wir finden manche Menschen einfach gut, weil wir ihre Musik, Bücher, Aussehen, Filme… was auch immer geil finden. Dann personifizieren wir einfach ihr Talent und schwupps ist der Mensch sympathisch, obwohl er in „Echt“ ein Arsch ist. Aber glaub mir: wir Fans dürfen das 🙂 Mutter Theresa soll ja auch eine ganz garstige Frau gewesen sein, aber ich mag sie trotzdem, glg Uli

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