Stillen ist Liebe

Stillen ist, was es ist … und in mancher Hinsicht auch überbewertet

Ich habe meinen Sohn rund 15 Monate lang gestillt. Damit liege ich weit über dem deutschen Durchschnitt. Man könnte also meinen, dass ich eine Hardcore-Stillverfechterin-Supermama bin. Stimmt aber nicht. Überhaupt nicht.

Gerade war die Weltstillwoche und damit verbunden, teilten Frauen unter #stillenistliebe ihre Erfahrungen. Ich muss zugeben, dass ich das Thema nicht wirklich verfolgt habe, bis ich auf den Artikel „Stillen ist Liebe? Stillen ist Stillen!“ von Mareice gestoßen bin. Darin spricht sie viele Punkte an, die mir auch persönlich nahe gehen: Dass Stillen nicht unbedingt immer Liebe ist. Sondern eben auch einfach Nahrungsaufnahme. Und dass es auch im feministischen Sinn sein kann, dass Papa mal übernimmt. Doch der Artikel schlägt Wellen. Viele stören sich an der feministischen Sicht. Doch für mich ist es genau der richtige Punkt: Stillen ist, was es ist … und manchmal ist es eben auch überbewertet.

Bin ich eine Stillverfechterin? Ja, unbedingt! Ich halte Stillen für sehr wichtig und bin absolut dafür, dass jede Mutter es wenigstens versucht. Genau wie eine natürliche Geburt übrigens. Wozu ich hinzufügen muss: Ich glaube, ich kenne keine einzige Frau, auf die das nicht zutrifft. Keine Frau, die ich kenne, die einen Kaiserschnitt hatte oder nicht stillen konnte/früh abgestillt hat, tat dies aus Bequemlichkeit, sondern weil es einfach nicht ging und/oder sie keine adäquate Hilfe erhalten hat. Das ist schon mal ein Punkt, warum diese Diskussion leidig ist. Warum prangern wir Frauen an, die ihren Kindern so etwas elementar Wichtiges „vorenthalten“ haben? In den seltensten Fällen sind die Mütter schuld, sondern das medizinische Personal, dass sie ihn Stich gelassen und schlecht beraten hat oder einfach aus Personalmangel nicht verfügbar war.

Got love? Ist Stillen Liebe?

Hier nun also die „liebevolle“ Geschichte einer Supermama

Bevor ich Mutter wurde, war mir Stillen suspekt. Ich fand die Vorstellung, dass ein Baby ständig an meinen Brüsten nuckelt, wenig attraktiv. Nicht zu stillen war trotzdem keine Option, als der Nachwuchs dann aus mir rausgezogen wurde. Ob attraktiv oder nicht – es gehört eben zum Muttersein dazu (außer halt … siehe oben) und Muttersein ist ziemlich oft nicht attraktiv. Aber nach einer schweren, körperlich wie psychisch stark belastenden Geburt war ein ein einfacher Stillstart wohl von vornherein utopisch. Und so kämpfte ich mit einem Kind, das schlecht getrunken hat, schmerzenden Brustwarzen, einer richtig fiesen Brustentzündung und Klinikpersonal/Nachsorgehebammen, die mit veralteten Vorstellungen Druck auf mich ausübten und mich verunsicherten. Schon in der Klinik wurde uns typischerweise die Flasche zur „Unterstützung“ gereicht. Zu Hause ging es dann unentspannt weiter. Ich saß Stunden um Stunden da, versuchte mein Kind dazu zu bringen, die geforderten fünfzehn Minuten an jeder Brust zu trinken, nur um eine Stunde später wieder von vorne anzufangen, um den Alle-drei-Stunden-Rhythmus einzuhalten (ab wann zählt man die drei Stunden, wenn einmal Stillen schon anderthalb dauert?). Immer wieder kamen wir zu dem Punkt, an dem wir sagten: Das macht so keinen Sinn. Und während ich mit dem schreienden Neugeborenen kämpfte, ging mein Mann in die Küche und kämpfte mit Milchpulver und heißem Wasser. Jedes Mal mit dem gleichen Ergebnis: Bis die Fertigmilch endlich abgekühlt war, hat es entweder sowieso schon geklappt oder das Kind zog bei dem „Androhung“ der Flasche doch lieber die Brust vor. So schütteten wir fast jede fertige Flasche Fertigmilch weg. Waren ihrer dennoch dankbar, denn sie hat uns trotzdem gute Dienste erwiesen. Irgendwann war ich fast an dem Punkt, es einfach aufzugeben. Und dann klappte es plötzlich. Und so wenig Euphorie das Stillen mir weiterhin brachte: Es war mir immer noch lieber als Flaschen kochen, was mich einfach tierisch genervt hat.

„Klappte“ ist dabei aber trotzdem noch übertrieben. Die ersten Wochen fühlte ich mich wie eine Kuh. Während Papa mit dem Kind spielte und schäkerte, war ich nur zur Nahrungsaufnahme gut. Beim Stillen (wie gesagt, Stunden um Stunden) starrte ich fanatisch mein Kind an. Denn Stillen ist doch schließlich Liebe und so wichtig fürs Bonding! Es wird einem eingebläut, dass man sich mit dem Kind beschäftigen soll und auf keinen Fall etwas anderes dabei machen darf, vor allem nicht – werkannesnurwagen! – dabei aufs Handy gucken! Doch ich fühlte kein Bonding, keine besondere Beziehung durch mein intensives Starren. Ich bekam nur Nackenschmerzen und ein schlechtes Gewissen. Schließlich hörte ich damit auf und las stattdessen laut ein Buch nebenbei. Mein Sohn bekam in dieser Zeit viel vorgelesen. Ich erinnere ich an Paul Auster und viel „Game Of Thrones“. Wer weiß, vielleicht hat dieser frühkindliche Sprachinput dafür gesorgt, dass mein Kind nicht nur von Anfang an ein begeisterter Buchfreund war, sondern auch schon früh gut gesprochen hat (und das obwohl Jungs darin doch angeblich dringend Förderung benötigen …). Und das Bonding? Das kam irgendwann ganz von alleine.

Und so las ich und stillte und las und stillte. Und konnte kaum erwarten, dass endlich die Breizeit begann. Denn während mein Kind trank und trank und trank, aß ich kaum etwas. Dafür hatte ich gar keine Zeit und ich wusste auch gar nicht, wie ich mit einem unruhigen Kind im Arm hätte kochen sollen. Man warf mir vor, dass ich aussähe wie ein Skelett. Anerkennung dafür, dass ich den kleinen Vampir am Leben hielt, gab mir natürlich niemand. Glücklicherweise nahm mein Kind den Brei dankbar an, sodass wir schon sehr früh tagsüber gar nicht mehr stillten. Soweit war ich also eine Durchschnittsmutter, die mit der Beikosteinführung abstillte. Abends und in der Nacht funktionierte es aber weiterhin gut für uns, sodass ich am Ende trotzdem zur Langzeitstillerin wurde.

Stillen ist Melken
So habe ich mich die ersten Wochen als Mutter gefühlt.

Stillen ist – und Punkt

Aus meiner Sicht ist Stillen also nicht gleich Liebe. Im Gegenteil, finde ich diesen Ausdruck und den damit verbundenen Anspruch als belastend. Denn gerade Mütter, die aus einer traumatischen Geburtserfahrung hervorgehen, haben häufig einen emotional schwierigen Start. Ihnen einzureden, dass man einzig und allein durch striktes Befolgen bestimmter Punkte automatisch eine gute Bindung aufbaue, verstärkt die ohnehin vorhandene Belastung nur zusätzlich. Und da kommt auch der feministische Gedanken ins Spiel: Es sollte Frauen zugestanden werden, ein Stück Belastung abgeben zu können. Denn sehen wir es mal ganz nüchtern: Elternsein kann sehr belastend sein. Gerade am Anfang liegt die Belastung fast ausschließlich bei den Müttern. Väter können uns nicht die möglicherweise schwierige Schwangerschaft abnehmen. Auch unter der Geburt können sie höchstens Händchenhalten und Sauerstoffmaske reichen. Der Schmerz, die Anstrengung, die Angst liegen fast ausschließlich bei der Mutter. Gerade für solche Frauen ist es also nur gut und richtig, wenn sie endlich an einen Punkt kommen, wo sie ein Teil der Belastung abgeben können – und die Nahrungsaufnahme an den Vater delegieren. Und sei es nur für eine Mahlzeit am Tag.

Mutterliebe mag eine Frau zur Löwin machen. Aber manchmal braucht dieser Prozess eben einfach ein wenig länger.

Fotos: Unsplash

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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