Kommentare 0

Tabu oder Notwendigkeit? Hitler in der Belletristik

War Hitler der Satan in Person? Oder doch nur ein Mensch? Heute stelle ich euch drei Romane vor, die sich auf ihre ganz einge Art mit diesem Thema beschäftigen.

Man sagt den Deutschen nach, dass sie sich schwer damit tun, den Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Wahrscheinlich stimmt das. In den Fünfzigern fühlte man sich im Paradies des Wirtschaftswunders zu wohl, um sich an die Traumata des Krieges zurückzuerinnern. Verständlich. (Ich freue mich auf den Film Im Labyrinth des Schweigens, der am 6. November startet.) Dann hat man langsam angefangen, sich mit den Verbrechen und den Schrecken auseinanderzusetzen. Heute weiß man halbwegs Bescheid über die Zeit. Man lernt es in der Schule – von Machtübernahme bis Kriegsende. Besucht vielleicht sogar ein Konzentrationslager. Und es gibt massenhaft Fachbücher und Romane über die Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs.
Ein Gefühl bleibt aber weiterhin: Ursache für den Krieg war die plötzliche Menschwerdung des Satans, der die Welt ins Unheil stürzte.
Das ist natürlich Quatsch. Ein Mensch bekommt immer nur so viel Macht, wie die Masse ihm gibt. Und Hitler stieß auf eine verunsicherte, von Existenzängsten geplagte und teils einfach ungebildete Masse.
Darf man Hitler als ein menschliches Wesen betrachten? Als jemanden von uns?
Joachim C. Fest brach mit seiner großen Hitler-Biographie bereits 1973 dieses Tabu (ich habe sie leider noch nicht gelesen, aber es steht irgendwo auf der Liste der Wissenslücken, die ich noch füllen möchte). Doch auch in der Belletristik gibt es einige interessante Denkansätze. Drei davon möchte ich euch heute vorstellen.

Stephen Fry – Geschichte machen

Stephen Frys „Geschichte machen“* ist das frühste, mir bekannte Werk, das sich getraut hat, mit der Monster-Theorie zu brechen. In dem Roman (erschienen 1996) geht Fry dem Gedanken einer alternativen Geschichtsschreibung (eine kleine, aber äußerst spannende Wissenschaft) nach. Sein Protagonist, der englische Student Michael Young, reist mit Hilfe seines jüdischen Professors in die Zeit zurück und vergiftet einen Brunnen in Braunau, sodass Hitler gar nicht erst geboren wird.
Alles gut? Fehlanzeige. Auch ohne diese charakteristische Zeitfigur hat sich die Dynamik des frühen 19. Jahrhunderts auf ähnliche Weise entwickelt. Und im Endeffekt hat sich die Welt sogar zum Schlechteren gewandelt!
Hitler war nicht schuld am Niedergang der Welt? Eine gewagte, aber sicher nicht ganz irreale These. Stellt euch mal vor, ein Deutscher hätte dieses Buch geschrieben! Unvorstellbar.

Eric-Emmanuell Schmitt - Adolf H Zwei Leben Tabu oder Notwendigkeit? Hitler in der Belletristik

Éric-Emmanuel Schmitt – Adolf H. Zwei Leben

Auch der Franzose Éric-Emmanuel Schmitt setzt auf die alternative Geschichtsschreibung, allerdings mit dem Fokus einer virtuellen Realität. In „Adolf H. Zwei Leben“* (erschienen 2001) stellt Schmitt die Frage: Was wäre passiert, wenn Hitler damals an der Kunstakademie angenommen worden wäre? Er stellt zwei  Biographien gegenüber – grob umrissen die reale Hitler-Biographie, in Abwechslung mit der alternativen. Durch die Aufnahme an der Akademie und das neue Umfeld, das der junge Adolf erlebt, wird dem Burschen nach und nach der Kopf gerade gerückt. Als schließlich die Nationalsozialisten nach wie vor die Macht ergreifen, könnten die beiden Protagonisten gar nicht mehr gegensätzlicher sein.
Schmitts Roman ist ein Tabubruch und wäre wieder mal ein Skandal, hätte ihn ein Deutscher geschrieben. Er beruft sich auf die philosophische Grundtheorie, dass kein Mensch von Natur aus schlecht ist. Nicht mal Hitler. Schlecht ist die Dynamik der Gruppe, der Masse, die Verbrechern die Tür öffnen können.

Tabu oder Notwendigkeit? Hitler in der Belletristik Timur Vermes - Er ist wieder da

Timur Vermes – Er ist wieder da

Wie neulich schon berichtet, war Timur Vermes „Er ist wieder da“* eines der wenigen Romane, die ich in letzter Zeit zur Hand genommen habe. Er ist ziemlich aktuell, gerade erst 2012 erschienen. Und er unterscheidet sich in einer Sache stark von „Geschichte machen“ oder „Adolf H. Zwei Leben“: Er wurde von einem Deutschen geschrieben.
In „Er ist wieder da“ passiert genau das: Hitler ist wieder da. Urplötzlich wacht er im Berlin von 2011 auf. Schnell findet sich der Zeitreisende in seiner neuen Umgebung zurecht und bekommt sogar bald Zugang zu den Medien, wo er als „Imitator“ in eine Comedy-Show aufgenommen wird.
Vermes Buch ist eine bitterböse Satire, die einem als „lustig“ verkauft wird. Lustig fand ich das Buch allerdings gar nicht, sondern viel mehr äußerst erschreckend. Obwohl Hitler ist, wie er ist, aussieht, wie er aussieht und sagt, was er eben denkt, wird er von niemandem wirklich als seine Person wahrgenommen. Im Gegenteil: Die Masse springt wiedermal auf ihn an. Das ist umso beängstigender, weil es so realistisch ist. Im Grunde teilt er nur die Meinung von vielen: Politiker heute? Alles Deppen. Die Hetzreden und Lobpreisungen der „deutschen Rasse“ werten die Menschen im Buch als Comedy, die nur noch einmal unterstreicht, was alle denken: Einer muss hier mal für Ordnung sorgen! Da bleibt die Frage, wie viele Leser – wie ich – aufschreien: „Das ist ja furchtbar! Bitte, tut doch was!“ Oder ob es nicht auch genug gibt, die sich sagen: „Ja, richtig so! Recht hat er!“
Und Romane haben ja auch eine ganz fiese Eigenschaft: Man versucht sich automatisch irgendwie mit dem Protagonisten zu identifizieren. Man wünscht ihm Gutes. Und in diesem Buch muss man sich immer wieder daran erinnern: „Moment mal! DEM wünsche ich überhaupt nichts Gutes! Verschwinde zurück in deinen Bunker, wo du hergekommen bist!“
Schlussendlich könnte das Buch dazu dienen, die Leute wachzurütteln. Es könnte sagen: „Pass auf, wem du da folgst! Es könnte ein echter Hitler sein!“
Vermutlich lachen die meisten Leute aber nur über dieses „witzige“ Buch. Leider lachen die Leute ja heute über alles.
(Bleibt auch die Frage, wie Vermes es geschafft hat, sich einen ganzen Roman lang in Hitlers Kopf einzudenken. Bewundernswert oder unheimlich?)

Was sagt ihr zu dem Thema? Ist es ein Tabu, Hitler als Menschen zu behandeln? Oder ist es wichtig, um Menschen gegen zukünftige Verblendungen zu wappnen? Und was haltet ihr von Vermes Roman? Ich freue mich auf eure Kommentare!

*Affiliate-Link

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

Letzte Artikel von Larissa//No Robots Magazine (Alle anzeigen)

Schreibe eine Antwort