Frau im Wasser
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Trolle. Mit Gift und Galle durchs Internet

Frau im Wasser

Foto: Unsplash/Christopher Campbell

Neben der Badewanne steht ein Glas Rotwein. Es läuft ruhige Musik, Kerzen brennen am Wannenrand und trotzdem sitze ich heulend im immer kälter werdenden Wasser. Vor wenigen Stunden habe ich meine Social-Media-Profile deaktiviert und teilweise gelöscht, mein Blog ist bis auf einen Eintrag leer. Die Augen brennen und die Seele schmerzt. Am liebsten würde ich die Zeit zurück kurbeln.

Vielleicht sollte ich ein wenig zu meiner Person verraten: Ich bin eine Frau, die in einem männlichen Körper aufwuchs und nun mit ihrer Familie als Frau und Papa lebt. Und über diese Leben schreibe ich in meinem Blog. Die meisten Menschen begegnen mir mit viel Verständnis, aber immer wieder stoße ich auch auf Unverständnis und heftige Ablehnung.
Vor wenigen Wochen hatte ich einen großen Fehler gemacht, ich habe im Netz etwas gepostet, das mir wichtig war, das mir am Herzen lag. Ich habe etwas geschrieben, das mich verletzlich machte. Und darauf haben sie gewartet, die Geier des Internets, die Schreiber von Hasskommentaren, die Trolle. Sie können förmlich riechen, wenn jemand verwundbar ist.

Ich weiß, in einem Magazin schreibt man nicht in der Ich-Form, man wahrt Distanz und bleibt um jeden Preis sachlich. Einen gemeinsamen Nenner mit vielen Lesern zu finden und dabei schön objektiv bleiben ist die Devise, aber das kann ich bei diesem Thema nicht. Dieser Text ist nicht der erste Anlauf – und wahrscheinlich nicht der letzte – zu diesem Thema. Als ich gefragt wurde, ob ich zum Thema Trolle, hatespeech, stalking, usw. etwas zu schreiben hätte, habe ich Ja gesagt. Immerhin habe ich seit Jahren mit diesem Thema zu tun. Aber nun sitze ich hier und ringe mit den Worten.
Meine Verletzlichkeit hat mich zum Ziel der Trolle gemacht, jetzt bin ich dabei, genau diese nochmal zu zeigen, und ja, ich habe Angst davor.

Seit Jahren setze ich mich für verschiedene Themen ein. Menschenrechte, Gleichberechtigung, Inklusion, Feminismus und LGBT* Themen sind nur einige meiner Schwerpunkte. Jedes dieser Themen zieht immer wieder Menschen an, die sich auf die eine oder andere Art profilieren wollen. Spott, Hass und Drohungen kommen da regelmäßig vor. Mein Aktivismus begann nicht mit den sozialen Netzwerken und Drohungen habe ich schon erlebt, als sie noch schriftlich im Briefkasten abgegeben wurden. Irgendwann gewöhnt man sich an das „Wir wissen wo du wohnst“ oder „Mach nur so weiter, dann wirst du was erleben …“ und sogar an die Drohungen gegen meine Familie. Irgendwann weiß man, wann man die Polizei einschalten muss und wie man eine Anzeige erstattet. Die Abläufe werden routinierter, aber ein mieses Gefühl bleibt.

In den letzten Jahren veränderte sich die Form von Aggression deutlich. Man nennt diese Menschen fast scherzhaft Trolle – und wenn ich mich an die Märchen erinnere, waren Trolle immer furchterregende Gestalten, die oft Menschen fraßen und eigentlich nur wenige wesentliche Eigenschaften hatten: Sie waren aggressiv, gefährlich, streitsüchtig und nicht besonders intelligent. Im Netz nennt man viele Leute Troll, die über Kommentare eine Diskussion vom eigentlichen Thema wegführen, es auf geschickte oder plumpe Art lenken und somit entkräften. Geschickte Trolle wirken dabei ziemlich unschuldig, manchmal sogar unbeholfen. Aber die Mühe, raffiniert zu sein, machen sich nur wenige.

Hass ist keine Meinung. Der Slogan der no-hate-speech-Kampagne ist derzeit oft zu lesen. Die Kampagne ist nicht unumstritten. Wie sollte auch etwas, das sich gezielt gegen Trolle und Hasskommentare wendet, unumstritten sein? Nur wenige Menschen und Organisationen stellen sich bewusst gegen Hass im Netz. Hass wird trotzdem nicht zur Meinung, egal wie laut, egal wie oft er wiederholt wird.

Trolle im Internet

Foto: Unsplash/Christopher Campbell

Mein schlimmster Troll begann ziemlich harmlos. In meinem Blog schrieb ich einen Eintrag und er kommentierte. Es war bei dem Eintrag nicht die einzige negative, aggressive Reaktion, aber als der Troll anfing, mich persönlich anzugreifen und mir Dinge zu unterstellen, habe ich aufgehört seine Kommentare zu freizuschalten. Ja, ich moderiere jeden Kommentar in meinem Blog und ich lasse auch Meinungen zu, die von meiner abweichen. Was ich nicht zulasse ist Hass. Mein Troll reagierte prompt, er legte ein Profil bei Twitter an und als ich ihn dort blockierte, legte er einen eigenen Blog an, um seine Beleidigungen dort loszuwerden.

Zugegeben, solch hartnäckige Menschen treffe selbst ich selten. Die meisten verstehen, wenn sie blockiert werden. An diesem einen Tag lag ich in der Wanne und heulte. Das Level von Aggression war mir neu, diese Hartnäckigkeit und das zwingende Bedürfnis nach meiner Aufmerksamkeit wirkte bedrohlich. In der Badewanne hatte ich Zeit nachzudenken und auch, mich mit anderen Menschen auszutauschen. Ich schrieb mit anderen Betroffenen und Trollopfern, führte lange Gespräche, bis ich mich entschied, die deaktivierten Profile nicht zu löschen. Es entstand eine Strategie, die ich seitdem einsetze.

Ich habe versucht, die Motive zu verstehen. Ich habe versucht, herauszufinden, was einen Menschen antreibt, mit so viel Hass auf andere los zu gehen. Was bewegt Menschen dazu, sich in das Leben Wildfremder einzumischen? Ehrlich gesagt kann ich es nicht verstehen. Aber ich konnte auch in meiner Kindheit nicht verstehen, worin der Reiz besteht, am Schulhof auf Schwächere los zu gehen. Vor einiger Zeit las ich, dass es Trollen darum geht, andere schwächer zu machen, um sich stärker zu fühlen und das klingt ziemlich genau nach den Halbstarken am Schulhof.

Vor wenigen Wochen trieb ein Mensch mich absichtlich und bewusst zur Verzweiflung. Warum dieser Mensch so aggressiv war, werde ich nicht verstehen. Es ist auch nicht wichtig. Ich habe daraus gelernt, habe mein Verhalten geändert und ich habe mir eines geschworen: Ich werde nicht deswegen aufhören, mich öffentlich für die Themen einzusetzen, die mir wichtig sind.

Was tun, wenn ein Troll sich breit macht:

  • Was tun gegen Trolle?

    Foto: Unsplash/Jeremy Bishop

    Idealerweise reagiert man möglichst nicht auf Hasskommentare. Jede Reaktion, die emotional getroffen wird, zeigt dem Schreiber des Hasskommentars, dass er einen wunden Punkt getroffen hat. Hat man einen Troll, der sich von eher harmlosen Kommentaren steigert, dann das Gespräch mit einem neutralen und klaren Satz beenden. „Hass ist keine Meinung“ oder ein Link zu einer no-hate-speech-Organisation funktioniert da gut.

  • Wenn jemand Texte oder Bilder verwendet, die du veröffentlicht hast/an denen du die Rechte hast, kannst du rechtlich dagegen vorgehen.
  • Blockieren. Und auch nicht zurück blicken. Ja, das ist leicht gesagt, denn irgendwie will man ja schon wissen, ob die Person nach dem Block Ruhe gibt. Das wird sie nur, wenn sie merkt, dass man nicht zurück schaut, dass man wirklich die Türe geschlossen hat und verschlossen hält. Und auch neue Profile immer wieder blockieren.
  • Sprich mit anderen Followern/Usern/Lesern. Das Problem mit Trollen kennen inzwischen die meisten Menschen auf die eine oder andere Weise. Nicht unbedingt alle in der gleichen Heftigkeit, aber alle haben schon mal erlebt, dass jemand nur Gift und Galle spuckt. Sprich dein Problem an. Auch wenn keine direkte Hilfe kommt, du wirst Zuspruch erleben.
  • Lösch nicht dein Profil. Der Weg ein Profil zu löschen und ein neues anzulegen, klingt vernünftig, aber es gibt viele Spuren und manche Trolle sind hervorragende Fährtenleser. Ein gelöschtes Profil ist wie eine Neonbeleuchtung auf die verletzlichen Stellen.
  • Bleib möglichst cool. Es ist verdammt schwer, die Ruhe zu bewahren, aber lass dir nicht anmerken, wenn dir eine Person zusetzt – zumindest nicht, bis du weißt, welche Schritte du unternehmen kannst.
  • Ignoriere den Troll. Wenn der Troll nicht weggeht, dann nicht mehr antworten, kein Wort, keine Reaktion, kein like, kein „geht weg“, kein einziges Wort zum Troll. (Rede mit anderen darüber aber nicht mit dem Troll.)

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#2 Früchte des Zorns“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Nina M.

Nina, *1972, neugierige Bloggerin auf fraupapa.wordpress.com schreibt nicht nur über ihre Regenbogenfamilie.

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