Grenze
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Über die Grenze

Wir alle sind mal neu. Neu in der Klasse, neu im Büro, neu in einer Stadt. Ein wenig seltener passiert es, dass man neu in einem Land ist.
Ich erinnere mich noch an unsere Zeit der Ausreise aus Rumänien. Nicht deutlich, aber dafür aus dem Blickwinkel einer Sechsjährigen.

Das erste an das ich mich erinnern kann ist, dass meine Oma dauerhaft verschwunden ist. Sie war Banater Schwäbin, gehörte also zu einer deutschen Minderheit in Rumänien und konnte somit über deutsche Verwandte relativ einfach aus dem kommunistischen Rumänien nach Deutschland reisen und die Staatsangehörigkeit bekommen, um dann die Familie nachzuholen.
Alles musste geheim sein, niemand durfte von unseren Ausreiseplänen erfahren. Da erzählte man insbesondere einer vierjährigen Quasselstrippe nichts. Meine Familie behauptete, meine Oma wäre jetzt längere Zeit auf Kur in Herculane. Ja ja, die Oma kommt bald wieder. Ja, ganz bald. Ich vermisste sie schrecklich. Zwei Jahre war sie fort.

Grenze

Foto: Pixabay/Roxana Schwind

Und wenn sie uns an der Grenze anhalten?

Ich erinnere mich kaum an die Vorbereitungszeit. Ich habe keine Ahnung, ob wir Kisten gepackt haben. Aber ich weiß noch, dass die Erwachsenen viel davon sprachen irgendwelche Sachen verkaufen zu müssen. Und über noch etwas wurde sehr viel gesprochen: etwas, das sich “Grenze” nannte. Es schien die Erwachsenen sehr umzutreiben. Irgendwie klang es nach Gefahr. Ob sie uns wohl an der Grenze anhalten? Ich wollte endlich meine Oma wiedersehen.
Von der Zugfahrt weiß ich noch folgendes: Ich wachte auf und ich glaube, dass es spät nachts war.
Wann sind wir denn endlich an dieser Grenze?
Ich wollte sie sehen, wollte wissen wie so eine Grenze denn nun aussieht. So viel wie die Erwachsenen darüber gesprochen haben, muss das ja etwas sehr spektakuläres sein. Ein richtiges Abenteuer!
Da sind wir schon vorbei, mein Schatz.
Was? Wie kann das denn möglich sein? Wie kann man denn nur eine Grenze verschlafen? Da muss doch irgendwas passieren! Ich wusste zwar nicht was, aber es wäre doch auf jeden Fall spannend und womöglich auch mit Lärm verbunden, also kann man das doch unmöglich verschlafen!

Stockbetten statt Einhörnern

Wir kamen in Burgkirchen an – glaube ich zumindest – im östlichsten Oberbayern. Unser erstes Heim im neuen Deutschland, dem Land der Verheißungen, Feen und Einhörner, war eine Asylunterkunft. Ein Zimmer voller Stockbetten, das wir uns mit einem fremden Ehepaar teilten. Meine Mama, mein Papa, mein Opa und ich. Und dieser neue Onkel und die neue Tante. Und das große Bad auf dem Flur, in das ich nur mit meiner Mama zusammen hin durfte. Anfangs war das Ganze ein großes und schönes Abenteuer. Wir mussten immer irgendwelche Behördengänge machen, aber dank meiner hinreißenden blauen Kulleraugen bekam ich von den strengen Männern hinter den Schreibtischen ein Lächeln und kleine Spielsachen oder ein Bonbon. Und außerdem hatte ich endlich meine Oma wieder. Als es langsam anstrengend wurde, mit den fremden Leuten immer im gleichen Zimmer zu wohnen, konnten wir erst mal alle in der Zwei-Zimmer-Wohnung meiner Oma in Waldkraiburg unterkommen.

Eine Klopapierrolle namens Kerze

Und ich kam in den Kindergarten. Mit meinen sechs Jahren war ich dafür zwar schon zu groß, aber da ich kaum deutsch sprach, wurde ich erst ein Jahr später eingeschult und durfte währenddessen im europäischen Kindergarten mit vielen anderen Ausländerkindern zusammen sein.
Was ich damals nicht verstand: Obwohl ich eine rumänische Kindergärtnerin hatte, durfte ich mit ihr nicht rumänisch sprechen. Und man nannte die Kindergärtnerinnen auch nicht mehr “Genossin”, sondern beim Vornamen und duzte sie. Eine ganz neue Erfahrung!
Was ich damals schnell verstand: deutsch. Mein erstes Wort war “Kerze”. Es war eine aus Tonpapier und einer Klopapierrolle gebastelte Kerze. Ich hatte keine Ahnung, was das sein sollte. Kerze? Papier, das um eine Klopapierrolle geklebt ist, nennt man Kerze? Irgendwann kam ich dann drauf …

Ich hörte auf, überall rumänische Fahnen zu malen. Keine Kindergärtnerin erwartete mehr von mir ein gutes Kommunistenkind zu sein. Erst waren es Häuser und Boote mit beiden Flaggen, dann nur die deutsche, dann irgendwann verschwanden die Flaggen ganz. Stattdessen hatten wir nun einen Videorecorder und ich durfte in Endlosschleife „Arielle“ schauen.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#1 Neu“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

 

Roxy

Roxy, *1983, kam als Sechsjährige mit ihrer Familie aus Rumänien. Heute bloggt sie unter early-birdy.de und beweist. dass auch aus einem rumänischen Flüchtlingskind eine Architektin werden kann.

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In Kategorie: Beiträge, Leben & Familie

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Roxy, *1983, kam als Sechsjährige mit ihrer Familie aus Rumänien. Heute bloggt sie unter early-birdy.de und beweist. dass auch aus einem rumänischen Flüchtlingskind eine Architektin werden kann.

2 Kommentare

  1. Mascha Beate

    Liebe Roxy!
    am 03.September 1989 (bis heute als Feiertag in meinem Kalender eingetragen und gefeiert) kam dann auch ich nach Altötting an – und so traff ich Dich und Deine Eltern in dem Sprachkurs in Altötting am 28.01.1990 (das Datum weiss ich ganz genau!!). Vorne an dem Pult stand Eberhard J. und begann so:
    „Ich heisse Eberhard J. und wie heisst Du ?“….
    Und dies war „der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ – mich Euch und mit Eb.

    Ich danke Dir, ich danke Euch!

    Liebe Grüße an Deine Leute (Du weisst schon wen 🙂

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