Frauen bei einer Demonstration

„Haltet die Klappe, ihr Jammermamas!“ oder: Über Mütter-Bashing in den Medien

Ach, uns Müttern geht es heute doch wahnsinnig gut. Wirklich, wir leben schließlich nicht mehr in den Fünfzigern! Alles ist wunderbar, ja, es ist alles so wunderbar, dass uns schon richtig langweilig wird. Ach, so langweilig! So langweilig, dass wir uns unmögliche Erziehungsmethoden suchen, um ja richtig auf Trapp zu bleiben. Und dann richtig doll darüber jammern zu können.

Wer sagt das? Ich bestimmt nicht. Nein, das ist eine schnelle Zusammenfassung des Artikels „Die Jammermamas“ von Wenke Husmann, die Die Zeit gestern noch schnell für Facebook aus dem Archiv geholt hat, während der Artikel „Väter: Warum wir keine Elternzeit genommen haben“ jede Frau, die ihn gelesen hat, so richtig schön auf die Palme gebracht hat. Aber wir wollen ja nicht jammern.

Aber noch mal von vorne: Frau Husmann behauptet, dass Mütter sich heute gerne leidenschaftlich dem sogenannten Attachment Parenting hingeben, was einer Aufopferung der Mutter gleichkommt, in der Mütter alles und wirklich alles für ihre Kinder geben. Und diese verzogenen Blagen dann jeden Mittag Kekse statt Brokkoli-Auflauf bekommen, weil sie es laut genug verlangt haben. Als Grund dafür sieht Frau Husmann die Langeweile der Hausfrauen-Mutti, während die berufstätige Frau sich zurecht zwischen Beruf und Familie und den Erwartungen der Gesellschaft aufreibt. Diese jammert allerdings nicht, weil sie keine Zeit hat, sich über bescheuerte Erziehungsmethoden Gedanken zu machen. Und überhaupt gäbe es sowieso ja nur ganz wenige Familien, wo es tatsächlich Schwierigkeiten gäbe und die kämen ja in der Regel aus sozialen Schichten, wo die Frau sich weder Gedanken um ihre Karriere machen müsse, noch intellektuelle Erziehungsratgeber lese.
Frau Husmann wirft dabei jedes erdenkliche Mama-Thema in einen Topf, rührt einmal kräftig um und am Ende kommt eine Suppe heraus, bei der man sich nur wundern kann, aus welcher Realität sie stammen soll.

Bücherwerfende Frau

Attachment Parenting

Das Attachment Parenting, oder auch: bedürfnisorientierte Erziehung, ist unter belesenen Müttern heute in aller Munde. Ganz oben steht dabei hierzulande das Buch „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“ von den Autorinnen des gleichnamigen Blogs, und verschiedene weitere Blogger. Für Außenstehende erscheint diese Philosophie schnell als eine Neu-Benennung des Laissez-Faire, also des „Kind darf machen, was es will“. Andere sehen es als Aufopferung, dem Kind alles, aber wirklich alles zu geben (siehe oben). Das ist es aber ausdrücklich nicht, weder das eine, noch das andere. Wie Frau Husmann schon richtig in ihrem Artikel anmerkt, geht es dabei darum, ein Kind mit Respekt zu behandeln und seine Bedürfnisse ernst zu nehmen – genauso wie die Bedürfnisse aller anderen Familienmitglieder und dabei für die ganze Familie gleichermaßen die größtmögliche Zufriedenheit zu erhalten. Ja, das bedeutet auch, dass das Kind mal zurückstecken muss und es Brokkoli-Auflauf zum Mittagessen gibt statt Kekse. Das bedeutet aber auch, dass Mama vielleicht doch lieber Spaghetti Bolognese macht, statt  Brokkoli, weil dieser dem Kind dermaßen zuwider sind, dass es wirklich keinen davon runter bekommt.
Woher Frau Husmann die Idee bekommt, gelangweilte Hausfrauen würden sich bedürfnisorientiert aufopfern und der Rest hätte mit dem Quatsch nichts am Hut, ist mir ein Rätsel. In meinem persönlichen Umkreis ist Attachment Parenting immer wieder ein Thema, auch wenn nicht jede Mutter sich gleichermaßen mit der Theorie auseinandersetzt, sondern eher intuitiv dazu greift. Jede Mutter in meinem Umfeld arbeitet oder wird zumindest nach der aktuellen Elternzeit wieder arbeiten gehen. Keine opfert sich auf. Ich persönlich kann an allen Eltern, die an der Trotzphase ihres Sprösslings verzweifeln, das oben genannte Buch empfehlen. Aber wir wollen ja hier nicht jammern.

Wütende Frau

Das Gejammer der Mütter

Also, worüber jammern wir Mütter denn also? Es wird nicht genau erklärt, ob sich hier über ein allgemeines, also öffentliches Jammern mokiert wird oder ein privates. Schauen wir uns erstmal die Klagerufe der Mütter in der Öffentlichkeit an. Worüber jammern Mütter? Da hätten wir:

  • Sie jammern über den Hebammen-Mangel und den katastrophalen Umstand, dass Frauen sich heute mit positiven Schwangerschaftstest auf die Suche nach einer Hebamme machen müssen und auch da nicht unbedingt mit Erfolg rechnen können. Dass immer mehr Geburtsstationen schließen müssen und als Folge dessen viele Frauen unter der Geburt in der Klinik abgewiesen werden oder Gewalt unter der Geburt erfahren.
  • Viele jammern darüber, dass sie in ein traditionelles Rollenmuster zurückfallen, wenn das Kind auf der Welt ist, sich in Elternzeit, Haushalt und Kindererziehung gefangen sehen, während der Mann sich auf der Arbeit verschanzt, weil es der Familie ja am besten gehe, wenn es ihm gut geht (siehe Artikel oben).
  • Sie jammern, dass es gerade in großen Städten praktisch unmöglich ist, einen Kita-Platz zu finden, vor allem, wenn man auch noch wenigsten ein bisschen Wert auf Qualität legt.
  • Sie jammern, dass es vielerorts aussichtslos ist, eine familientaugliche, bezahlbare Wohnung zu finden (viele Grüße aus München!).
  • Sie jammern, dass sie in ihrer Karriere ausgebremst werden, keine vernünftige Arbeit mehr angeboten bekommen und in die Teilzeitfalle geraten.
  • Oder sie jammern, dass es ihnen fast unmöglich gemacht wird, Teilzeit zu arbeiten, weil alle Kitas nur Plätze für Vollzeit-Arbeitende anbeiten.
  • Egal wie, sie jammern, dass sie gegenüber ihren männlichen Kollegen ungerecht bezahlt werden.
  • Sie jammern, dass sie von Altersarmut bedroht werden, weil sie in der Teilzeitfalle gefangen sind (siehe oben) oder sich voll auf die Familienarbeit konzentriert haben und ihre Rente damit flöten gegangen ist.
  • Oder sie jammern, weil sie als Alleinerziehende vom Staat vollkommen im Stich gelassen wurden.

Ich persönlich nenne das nicht jammern. Ich nenne das beschweren. Und zwar zurecht.

Frau trinkt Bier

Also noch mal zum Jammern

Wir jammern also nicht. Na ja, zumindest nicht öffentlich. Denn, okay, wir jammern schon ganz schön viel. Im Privaten, mit Freundinnen. Vielleicht gehört das zur deutschen Jammer-Kultur, aber ich sehe darin nichts Ungewöhnliches, dass Frauen, wenn sie unter sich sind, ein wenig Dampf ablassen. Denn mal ganz ehrlich: Bevor wir Kinder hatten, haben wir auch gejammert. Über unsere Männer, die zu viel zockten, über doofe Kollegen oder einfach nur über die Verspätungen der U-Bahn. Vielleicht ist das einfach ein häufig zutreffendes Genderklischee: Männer gehen Bier trinken und Fußball gucken, wenn alles nervt, Frauen treffen sich und beschweren sich eine Runde über alles, was sie ankotzt. Jetzt sind wir also im Familienmodus. Und da gibt es eine Menge, worüber man reden kann: Dass der Nachwuchs im Supermarkt lautstark Kekse verlangt hat, während man Brokkoli sucht. Dass man so furchtbar müde ist, wenn man jeden Tag direkt nach der Arbeit noch Stunden auf dem Spielplatz rumsitzen muss. Dass man jeden Abend auf dem Boden vor dem Kinderbett einschläft. Oder dass das Kind partout nicht aus dem Elternbett ausziehen will. Dass so viel Haushalt liegen bleibt, weil man keine Zeit dafür findet. Oder oder oder. Wir wollen es gar nicht weiter ausführen, denn das sind keine Themen, über die man sich öffentlich aufregen muss. Deswegen diskutieren wir sie ja auch nicht in der Öffentlichkeit, sondern im Privaten. Und wenn jemand kein Verständnis dafür hat, weil bei ihm zu Hause alles tippitoppi super in Ordnung ist, dann kann ich nur sagen: Herzlichen Glückwunsch! Bei uns anderen ist das nicht so. Denn Kinder sind nun mal keine Maschinen, die perfekt rund laufen, wenn man nur intuitiv die richtigen Knöpfe drückt.
Und in manchen Fällen ist es sogar ganz und gar nicht so. In manchen Fällen, in gut situierten, gebildeten, liebenden Familien kann es passieren, dass es einfach nicht rund läuft, dass man sich in einer Spirale von Alltagsproblemen bewegt, die einen zur Verzweifelung treiben. Nicht umsonst bietet wohl jede große Stadt, sowie soziale Organisationen wie die Caritas Schreiambulanzen und Familienberatungsstellen an. Dabei sind es nicht nur die offensichtlichen Gruppen, die sozial Benachteiligten oder die Alleinerziehenden, die diese Hilfen in Anspruch nehmen. Oft, vielleicht sogar am häufigsten, sind es Familien, denen man von außen keine Probleme ansieht. Denn Probleme lassen sich nicht in Schubladen stecken. Eine alleinerziehende Mutter mit geringem Einkommen kann glücklich und zufrieden leben, weil sie vielleicht mit einem „Anfängerbaby“ gesegnet ist und sich auf einen großen Rückhalt in der Familie verlassen kann. Auf der anderen Seite kann es sein, dass eine Akademikermutter am Rande des Nervenzusammenbruchs ist, weil sie mit einem Schreibaby allein in einer fremden Stadt sitzt, während der Mann zumindest werktags kaum eine Hilfe darstellt und sonst keiner da ist. Wer sind wir, darüber zu urteilen, wer Hilfe in Anspruch nehmen darf und wer nicht? Die Belastungsgrenze von Menschen ist unterschiedlich und wir sollten stolz auf diejenigen sein, die es schaffen zu sagen: „Es reicht, ich schaffe das nicht. Ich brauche Hilfe.“

So ist das also mit uns Jammermamas, wir haben immer etwas zu beschweren. Manchmal einfach nur die Tatsache, dass wir öffentlich als Jammermamas denunziert werden. Aber darüber wollen wir jetzt aufhören zu jammern.

Fotos: Unsplash

 

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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