Gender: no surprise
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Überraschungen waren früher

„Hallo, Mama! Der Arzt sagt, es wird ein Junge!“ – „Och, nö, ich wollte mich doch überraschen lassen!“
Ich weiß noch, früher, da waren wir uns alle ganz sicher, dass wir nicht nach dem Geschlecht fragen würden. Haben unsere Mütter nämlich auch nicht gemacht. Meine Mutter war sich vor dreißig Jahren aber auch ganz sicher, dass ich auf jeden Fall ein Mädchen werde. Heute ist das für die meisten Frauen anders. Denn: Überraschungen, das war früher.

„Es wird ein Bub, oder? Das sagt mir mein Gefühl!“, riet die Praxishelferin ins Blaue hinein, während sie mir den Blutdruck maß.
„Ich weiß noch nicht“, stammelte ich, dachte aber gleichzeitig: „Ja, mein Gefühl sagt mir das auch.“
Irgendwann ist der Tag gekommen. Der kleine weiße Fleck auf dem Ultraschallbildschirm ist zu etwas herangewachsen, das tatsächlich aussieht wie ein Mensch. Und dann kommt die Frage vom Arzt: „Wollen Sie das Geschlecht wissen?“, wenn man nicht selbst vorher schon ungeduldig danach gefragt hat.
Wollen wir das Geschlecht wissen? Und ist das überhaupt wichtig?
Ja, das ist ja auch eine ziemlich aktuelle Gender-Debatte. Wie wichtig ist das Geschlecht eines Menschen? Deines Kindes? Überhaupt nicht wichtig, würde ich jetzt erstmal so sagen. Jedenfalls nicht für mich. Oder doch?
Fakt ist, das Geschlecht ist im Grunde das erste Handfeste, das wir über unser Kind wissen. Bevor es eine Augenfarbe hat oder richtige Haare. Bevor es uns wirklich etwas über seinen Charakter oder gar seine sexuellen Vorzüge erzählen kann. Und es sind lange Monate, in denen wir nichts über unser Kind erfahren, außer dass es wächst. Ein Kind. Mein Kind! Was für ein Mensch wird es wohl werden? Nachts, wenn wir wach liegen, weil das Baby strampelt und der Bauch drückt, stellen wir uns vor, wie unsere Familie in ein paar Wochen aussehen wird. In ein paar Monaten. Oder Jahren.
„Ja, ich bin mir ziemlich sicher, das wird ein Junge“, sagt die Hebamme beim Ultraschall. „Das ist keine Nabelschnur.“ Hm, ein Junge. Einen Mädchennamen hatte ich schon. Da war ich mir ganz sicher. Jetzt also ein Junge. Auch gut. Fußball statt Pferde. Piraten statt Prinzessin. Vielleicht. Oder auch nicht. Wer weiß? Es ist mein Kind, egal ob mit XY- oder XX-Chromosom. Dann eben kein Mädchen. Obwohl, ein bisschen wehmütig werde ich schon, wenn ich rosa Kleidchen und Puppen-Bastel-Sets sehe. Ich freue mich auf meinen Sohn. Doch in dem Moment, in dem die Hebamme sich ganz klar für einen männlichen Bauchbewohner aussprach, starb das Mädchen, das er auch hätte werden können. Darf man dem heimlich ein klein wenig hinterhertrauern? Man darf, finde ich.

Gender: no surprise
Okay, ein Junge. Jetzt kann man anfangen, Klamotten zu kaufen. Da hat die Welt ja klare Meinungen: Blau für Jungs. Rosa für Mädchen. Obwohl ich einer Tochter vermutlich genau die gleichen Sachen gekauft hätte, wie nun dem Sohn. Rosa ist nicht so mein Ding. Und noch kann ich entscheiden. Blau für Mädchen? So what? Oder Gelb. Oder Grau. Oder Rot. Es sind doch bloß Farben. Trotzdem ist im Bekleidungsgeschäft sowie auf dem Flohmarkt erstmal alles Rosa. Mädchen zu bekleiden macht offenbar mehr Spaß. Aber muss das Neugeborene wirklich schon aussehen wie eine rosa Püppchen-Prinzessin?
Andere Mütter haben da klarere Meinungen. Macht man den Fehler und versucht sich in einer lokalen Mami-Gruppe (urgs, ich hasse das Wort) auf Facebook zu beteiligen, wird man gleich mit Angeboten von gebrauchter Kleidung überhäuft. Vorausgesetzt, der Nachwuchs hat das passende Geschlecht: „Was bekommst du denn?“ – „Einen Jungen. (Spielt das eine Rolle?)“ – „Ah, das ist gut. Ich dachte, ich bekomme einen Jungen, aber dann war es doch ein Mädchen. Deswegen musste ich alles neu kaufen.“ Oder: „Wir haben Kinderwagen XY zweimal gekauft. Jetzt bekommen wir nämlich ein Mädchen, also brauchten wir den Kinderwagen dieses Mal in Rosa.“ Neugeborenes ist also scheinbar doch nicht gleich Neugeborenes. Und wo kämen wir denn da hin, wenn Mädchen, Jungssachen trügen? Die würden doch dann gleich alle lesbische Kampfboxer. Oder noch schlimmer: Jungs in Mädchensachen! Alle schwul vom ersten Tag an. Ja, ja, das muss man natürlich bedenken …
Nein, Überraschungen sind schlecht. Und wir wollen jetzt gar nicht erst auf die Debatte um pränatale Gentests eingehen. Obwohl es natürlich schon eine interessante Debatte ist. Am besten ist, man ist auf alles gefasst und weiß voll Bescheid.
„So, schalten wir doch mal auf 3D. Komm schon, Kleiner, zeig Mami doch mal dein Gesicht!“, sagt der Arzt einige Wochen später.
Und ich denke: „Eigentlich wollte ich mich doch ein bisschen überraschen lassen.“

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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2 Kommentare

  1. Oh, da erkenne ich vieles so gut wieder!
    Ich habe Kinderkleidung einfach danach gekauft, dass ich sie hübsch finde. Nur kein Pink und Rosa, da ich damit gerechnet habe, dass wir bestimmt ausreichend Sachen in den Farben geschenkt bekommen. Für mich war klar, auch ein Mädchen bekommt einen blaugestreiften Strampler mit einem Auto drauf an und ein Junge ein grünes T-Shirt mit rosa Bonbons…
    Wenn ich jetzt beim Blick in den Kinderwagen von fremden Leuten angesprochen, werde: Ist es ein Junge? Ist es ein Mädchen? dann liegt es mir immer auf der Zunge zu sagen: Es ist ein Kind.
    Grrr…

    • Ja, total richtig! Obwohl ich immer eher antworten will: „Ja, das sieht man doch, dass das ein Junge ist!“ Aber dann wird mir doch wieder klar, dass das für Menschen, die nicht jeden Tag ein Baby vor der Nase haben, vielleicht nicht so ersichtlich ist. 😉

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