ein alter Wecker
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Und so halten wir einen Moment inne

Eigentlich fühle ich mich ja noch gar nicht so alt. Ehrlich gesagt fand ich es sogar ganz okay, dreißig zu werden. Die drei vorne erschien mir irgendwie erwachsener. Obwohl, so richtig erwachsen fühle ich mich gar nicht. Manchmal wundere ich mich sogar, dass ich überhaupt genug Reife besitze, um mein Kind vernünftig aufzuziehen, wundere mich, wo die Jahre hingegangen sind. Eben war ich noch Student, eben war ich noch Teenager. Das ist doch noch nicht so lange her, oder?

Smartwatch

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2015. Die Zahl in den Unterlagen meines Kindes finde ich manchmal lächerlich bizarr. Aber er ist nun mal ein Baby. Er weiß noch nicht viel von der Welt. Er weiß nicht, dass sie anderswo anders ist. Er weiß nicht, dass sie mal anders war. Er wird vieles nicht mehr kennen, womit wir natürlicherweise aufgewachsen sind. Kassettenrekorder zum Beispiel. Filme auf Video aufnehmen. Pixelige Videospiele. Das Testbild im Fernseher. Spitzenränge für Helmut Schmidt in Sympathieumfragen. Loriot. Mit einer Mark zum Bäcker, um eine Tüte Süßes zu holen. Dass Brad Pitt und Jennifer Aniston mal verheiratet waren. Wer? Achso, dieser uralte Knacker aus diesen staubigen Filmen.

Armbanduhr

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1985, das klingt doch gar nicht so alt.

Ich meine, ich denke, ich habe mich doch ganz gut an die moderne Welt angepasst. Hey, ich bin ohne Smartphone groß geworden! Ohne Internet, sogar ohne Computer. Können wir uns das heute wirklich noch vorstellen, wie das war, als wir noch jung waren? „So was brauchen wir nicht“, sagte meine Mutter, als mein Vater so einen PC haben wollte. Wir haben trotzdem einen bekommen, und, boah, da konnte man plötzlich Brettspiele am Bildschirm spielen! Und dann hatten wir irgendwann auch noch das Internet – vor allen meinen Freunden! Die mussten damals immer noch eine Stunde mit dem Bus fahren, um viel Geld bei Karstadt im Internet Café auszugeben, damit sie chatten konnten. Irgendwann gab es dann plötzlich ICQ – erinnert ihr euch noch an dieses nervige „Ah-Oh“, wenn man eine neue Nachricht bekommen hat? Da werde ich gleich ganz nostalgisch. Als ich klein war, da fuhren wir noch in das „andere Deutschland“, um unsere Verwandten zu besuchen, die nicht zu uns kommen durften. 1998 saß ich, dreizehnjährig, ganz erschrocken vor dem Fernseher. Helmut Kohl war zum ersten Mal in meinem Leben nicht mehr Bundeskanzler!

ein alter Wecker

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1958. Wow, ne fünf vorne. Krass.

So alt ist meine Mutter schon. Die Fünfziger! Irre, oder? Ich finde ja meine Mutter auch noch nicht sonderlich alt, aber … die Fünfziger!! Wirtschaftswunder, Baby-Boom, Petticoats, Rock’n’Roll, Elvis. Das war ja noch bevor die Beatles ihr erstes Studioalbum veröffentlicht haben! Und die Beatles sind ja für viele aus meinem Jahrgang schon piefige Altherren-Musik. Das kann doch kaum sein, dass meine eigene Mutter in einer Zeit geboren wurde, als Frauen ihre Männer noch um Erlaubnis bitten mussten, arbeiten gehen zu dürfen. Nur wenige Jahre vor der Geburt meiner Mutter wurden Fernsehsendungen des NWDR-Fernsehens (heute: Das Erste) testweise dreimal täglich ausgestrahlt! Wenn man es überhaupt empfangen konnte, denn Fernsehgeräte kosteten ein Vermögen – erst 1957 fielen die Preise erstmals unter 1000 DM. Zum Vergleich: Ein Kilo Brot kostete damals 84 Pfennig (aktuell sind es gute 3 Euro – aber wer kann schon noch von Euro in DM umrechnen?). Ein Liter Normalbenzin war in den Fünfzigern schon für rund 30 Cent zu bekommen. Aber mehr noch, mehr noch: Auch ein ordentliches Badezimmer war ja schon Luxus! Als meine Mutter klein war, hatte sie noch nicht mal eins im Haus. Als meine Mutter geboren wurde war Konrad Adenauer immer noch deutscher Kanzler – in Bonn, was damals deutsche Hauptstadt war und es noch lange bleiben sollte.

alter Reisewecker

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1920. Das ist jetzt schon wirklich schon echt lange her.

Die zwanzig kommt uns ja schon fast vertraut vor, ist ja nicht mehr lange hin bis 2020. Aber echt mal, Oma, du bist wirklich steinalt. Was hast du schon alles gesehen? Als du ein Kind warst, da sprach man nicht von I oder II, da hieß es nur „der Krieg“. Und der alte Schmidt, den mein Sohn kaum noch kennen wird, mit dem hättest du zur Schule gehen können, wenn du ein bisschen weiter nördlich geboren worden wärst. Als meine Oma geboren wurde, da gab es noch nicht mal Eis am Stiel. Sie bist älter als Langnese und Schöller. Was haben die Kinder damals eigentlich im Sommer genascht? Oma, du bist so alt, ich kann mir kaum ausmalen, wie das war, als du mal jung warst. Selbst, als ich geboren wurde, warst du schon in Rente. Was gab es damals alles, was es heute nicht mehr gibt? Oma, erinnerst du dich vielleicht noch an die Zeit, als es in Deutschland noch keine Ampeln gab? Als du klein warst, gab es noch keine Kugelschreiber, keine Nylonstrümpfe, kein IKEA, kein Scrabble, nicht mal die BILD. Dafür mussten deine Eltern 105 Milliarden Reichsmark für ein Brot bezahlen. Meine Oma wurde in Cottbus geboren – für mich ist das eine Stadt in der Nähe der polnischen Grenze. Damals nur eine Stadt in der Nähe von Schlesien, nur weniger Jahre zuvor war die Reichsgrenze sogar noch weiter weg gewesen. Einen Bundeskanzler gab es nicht, und auch keine Bundesrepublik Deutschland. Im September 1920 war Constantin Fehrenbach von Zentrum Reichskanzler. Bis meine Oma dreizehn wurde, hat sie neun Reichskanzler kommen und gehen sehen – bis Hitler die Macht übernahm.

alte Uhr

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All das zog an Emma Morano vorbei.

1899. Seit kurzem ist die Italienerin die älteste Frau der Welt. Sie ist der einzige noch lebende Mensch, der im 19. Jahrhundert geboren wurde. Vor dem technischen Zeitalter, vor der Weimarer Republik, vor den großen Kriegen, mitten in den modernen Umwälzungen Europas. Sie hätte in ihrer Jugend noch mit Greta Garbo und Josephine Baker rumhängen können – obwohl beide noch ein paar Jahre jünger waren als sie.
Wie muss sich das anfühlen, als ältester Mensch? Als letzte eines weit vergangenen Jahrhunderts? Als letzte ihrer Art? Wenn alles, was man gekannt hat, schon lange vergangen ist. Wenn nichts mehr da ist von der Welt, in die man hinein geboren wurde? Wie fühlt sich das an, Emma Morano, wenn jeder Mensch, der vor dir geboren wurde, längt tot ist?

Warum schreibe ich diesen Text? Vielleicht um kurz inne zu halten, die Zeit für eine Sekunde anzuhalten, das Vertraute kurz festzuhalten – bevor es wieder vergeht.

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Fernsehen#Fernsehen_in_Deutschland
https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Erste
http://www.was-war-wann.de/historische_werte/brotpreise.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Speiseeis
http://www.welt-des-wissens.com/wissen/erfindungen.htm
http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/emma-morano-ist-mit-116-jahren-die-aelteste-frau-der-welt-14240121.html

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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5 Kommentare

  1. Manchmal denke ich, ich sollte mit meinem Vater und meinen Großeltern öfter über ihre noch gar nicht so lange zurück liegende Kindheit und Jugend reden. Manchmal kommt mir meine eigene Kindheit fremd vor, wenn ich mit meinem Sohn darüber rede. Das ist schon zwanzig Jahr her. 20.

    Danke für den Text!

  2. Ich mag diesen Text auch. Obwohl ich es manchmal anders herum finde. Große Teile unserer staatlichen Verwaltung existieren seit dem Kaiserreich. Sie haben nur mal die Fahnen vorne ausgewechselt. Wie auch die Namen der großen Krankenkassen uns erinnern an längst vergangene Tage. Oder Wörter, Redewendungen: Auf die Folter spannen….tja, woher das wohl kommt. Besonders schlimme finde ich unbemerkte Nachwirkungen. Wie diese hier:http://www.welt.de/kultur/article152336171/Wir-buchstabieren-immer-noch-wie-die-Nazis.html

    • Oh, wow, das ist interessant! Wirklich sehr faszinierend! Und mal wieder ein Beispiel für die Willkür des Volkes: „die lebhafte Anteilnahme des Publikums an einer Änderung“ erinnert mich sehr an die Beschwerdebriefe bein Lindt und Co über „muslimisch“ Schoko-Nikoläuse. Sollten wir dem Beispiel Österreichs folgen und die AfD bekommt bestimmt bald eine breite Forderung danach, nicht mehr in arabischen Zahlen zu rechnen …

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