Geisterhand
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Und wenn das jetzt die Falschen lesen?

Das Internet ist wirklich kein Neuland für mich. Mein ganzes Leben ist doch irgendwie online. Ich spreche mit meinen Freunden über What’s App, verfolge über Facebook, was in der Welt so vor sich geht, teile meine Gedanken über diese Webseite. Ich bewege mich schon so lange aktiv im Netz, dass ich mich kaum an eine Zeit ohne erinnern kann. Das No Robots Magazine gibt es schon seit fast zwei Jahren, davor gab es colin. the happy robot, davor meinen Auslandsblog während des ERASMUS-Semesters, davor irgendwann einen privaten Blog, hauptsächlich wohl für meinen damaligen Freund. Und auch beruflich bin ich es seit dem ersten Arbeitstag gewohnt, dass meine Texte online erscheinen.
Trotzdem bleibe ich ein Digital Immigrant.
Und oft muss ich mich doch noch mal in den Arm kneifen und mir sagen: Das ist das Internet. Das große weite Internet. Ich stehe hier mit meinem Namen. Und wenn das jetzt die Falschen lesen?

Magazin oder doch nur exhibitionistisches Tagebuch?

Aber da muss man das natürlich erstmal definieren. Wer sind denn „die Falschen“? Und wer sind „die Richtigen“?
Als Redakteurin und Bloggerin möchte ich natürlich gelesen werden. Ich teile meine Beiträge auf Facebook und auf Twitter, ich freue mich über Shares und eine große Reichweite. Zwar gehe ich mit meiner Seite im privaten Umfeld nicht unbedingt hausieren, aber das liegt eher daran, dass ich nicht aufmerksamkeitsgeil wirken möchte. Im beruflichen Rahmen jedoch gebe ich den Blog sogar explizit als Referenz an.
Ja, jetzt, Moment! Als Blog war das No Robots Magazine ja eigentlich gar nicht gedacht! Geplant war ein Magazin mit vielen Mitschreibern. Draus ist (bisher) nichts geworden. Also am Ende doch nur ein schnödes digitales Tagebuch, ein exhibitionistischer Seelenstrip, ein aufmerksamkeitsgeiles Herausposaunen meiner Meinung? Ich gebe mir zwar Mühe, neutral zu schreiben, aber am Ende ist man als Autor nie hunderprozentig objektiv, als Blogger schon gar nicht. Persönliche Infos über mich waren zwar nie geplant, landeten am Ende aber doch online. Wo ist die Schere, wo wird die Grenze überschritten?
Ganz klar bei allem, was mir peinlich wäre, wenn es fremde Menschen über mich wüssten. Dinge, die mir zu intim sind. Aber auch diese Grenze ist dünn. Gefühlt das ganze Internet kennt mittlerweile meine jugendlichen Probleme mit meinem Körper, ich habe auf Grund dieses Artikels sogar schon Aufträge bekommen. Was ist das nun? Ein intimes Detail? Oder ein Beitrag zur öffentlichen Diskussion?
Ganz klar Schluss ist bei meiner Familie. Ich habe einen Mann und ich habe ein Kind. Mehr Infos über diese beiden Menschen sind für die Öffentlichkeit nicht notwendig. Und immer, wenn ich über Mutti-Kram schreibe, kommt der Innere Korrektor: „Gibt dieser Text Details über dein Kind preis?“ Ich hoffe, er arbeitet korrekt.

Unheimlicher Mensch mit Kutte - Geister

Die Geister, die ich rief …

Fast zwei Jahre sind es nun also schon, die ich mich mit dem No Robots Magazine im Netz „bewege“. Am Anfang war hier wenig los. Mein Mann schrieb ein paar Gedichte, ich teilte Infos praktisch für’s nichts, weil mich ja eh keiner kannte.
Aber langsam wuchs die Leserschaft, ich bekam Kommentare von Fremden, besuchte selbst regelmäßig andere Blogs. Und man fing an, sich zu kennen. Die meisten Kommentare, die ich heute bekomme, stammen von Menschen, die ich über das Schreiben kennengelernt habe. Es fühlt sich heimelig an. Wie ein Gespräch unter Freunden.
Aber die paar Kommentatoren sind nur die Spitze des Eisberges. Das hübsche kleine Cottage sozusagen. Und unten drunter, da ist ein großer, tiefer, tiefer Keller. Anfangs ist er noch hell und freundlich. Ein Sour-Terrain-Geschoss, eigentlich auch noch recht gemütlich, aber man besucht es eben nicht so oft. Aber desto weiter man geht, desto tiefer kommt man, desto dunkler wird es. Was lauert da unten? Welche Geister spuken dort?
Das Internet ist kein netter, harmonischer Mädchen-Lesekreis. Das Internet ist fies und gemein, ein schmieriger Ort des Hasses. Und damit meine ich nicht unbedingt nur Trolle,die mit der Keule um sich schlagen. Damit können sie einen natürlich treffen. Es kann weh tun. Aber am Ende sind sie eben doch nur Trolle: Dumme Klöpse, die nicht anders können.
Angst machen mir die Dämonen, die im Dunkel der Ecke lauern und nur darauf warten, zuzubeißen. Wer ist da draußen? Welcher Pädophile sitzt da und wartet nur darauf, dass ich ein entscheidendes Detail über mein Kind verrate? Welcher Nazi kommt demnächst mal zu Besuch, weil ich ihm zu viel #refugeewelcome-Geklatsche betreibe? Welche Irren stehen vielleicht irgendwann im Gebüsch gegenüber und stalken mich?
Manchmal, in dunklen Momenten, da bereue ich das Bloggen. Manchmal, da möchte ich alles hinwerfen. Manchmal werde ich beinahe paranoid und setze alle „kritischen“ Beiträge auf „privat“, nur um sie später doch wieder zu veröffentlichen. Das Internet ist Neuland für mich. Ich denke, ich habe die Regeln gelernt. Aber am Ende bin ich vielleicht doch nur ein armer Tourist, verdammt dazu, auf der Dschungel-Wanderung von der Giftschlange gebissen zu werden.

Was denkt ihr dazu? Wann wird euch das Bloggen unheimlich?

„Regretting Bloggerhood? Warum ich das Bloggen manchmal fast bereue…“ ist eine Blogparade von Noch ne Muddi

Fotos: Pixabay

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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3 Kommentare

  1. Sehr gut geschrieben, die Gedanken kann ich absolut nachvollziehen. Auch das was Fadenvogel schreibt, dass plötzlich Leute persönlich auf einen zukommen und sagen „Voll gut, was du letztens auf deinem Blog geschrieben hast“. Einmal hat mich auch ein Nachbar gegoogelt und angeschrieben, der ein Päkchen für mich angenommen hat (Warum?? – Das kam mir schon ein wenig stalkermäßig vor). Es ist wirklich manchmal schwierig, aber auf den Blog verzichten möchte ich doch nicht =/

  2. Guter Text, Larissa. Kann ich nachvollziehen. Manchmal sind es aber nicht die großen Trolle, die einem Angst machen können. Es sind die kleinen Details. Die Erzieherin, der du im Scherz sagst, dass du ja gerne mal was nähst und sie sagt lächelnd: Weiß ich. Steht ja im Fadenvogel. Und du denkst dir: Oh, Notiz an mich. Die liest des also auch.

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