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Warum ich mich keine Feministin nennen möchte

Nein, ich kann euch beruhigen, natürlich bin ich Feministin. Ich bin ja nicht blöd. Doch immer öfter überkommt mich das Gefühl, dass der Feminismus ins unserer Gesellschaft zu einer Einbahnstraße geworden ist.

So wie neulich, als ich den Artikel „Gute Mädchen kommen in den Himmel” aus der aktuellen ELTERN, Ausgabe 09/17, las, einem Generationengespräch zwischen Xenia Frenkel, 60, und Leonie Schulte, 31, mit anschließenden „Fünf Punkte[n], die feministischen Müttern am Herzen liegen”. An sich ein spannendes Thema mit vielen wichtigen Punkten von Wahlfreiheit über finanziellen Ausgleich und Vergütung von Care-Arbeit bis zur „Kampfzone Körper” werden alle wichtigen Themen aufgegriffen und diskutiert. Grundsätzlich gibt es da wenig zu widersprechen, einiges für lange Debatten, wie sie schon seit Jahren, ach, Jahrzehnten, laufen.

Doch der Artikel ist eine Einbahnstraße. Ich zählte nach: Fünfundsiebzigmal fallen weibliche Zuordnungen wie „Frau”, „Mutter”, „Mädchen” oder „weiblicher Körper”. Begriffe wie „Mann”, „Vater”, „Jungen” oder „männlich” fallen genau fünfundzwanzigmal. „Natürlich”, mögt ihr sagen, „es ist ja auch ein Artikel über den Feminismus!” Doch der Teufel liegt im Detail: Auf der einen Seite werden Frauen hier als „stark” betitelt, werden zum Selbstbewusstsein motiviert und im Kampf für Wahlfreiheit und gegen Körperkult bestärkt. Frauen sind die Heldinnen, die nicht nur besser gebildet sind, sondern nebenbei auch noch Arbeit und Familie wuppen. Nicht unbedingt mit links. Aber sie wuppen es. Natürlich unter dem enormen Druck, „gute Mütter und Partnerinnen sein [zu müssen] und selbstverständlich auch beruflich aktiv und erfolgreich”.

Bei den Männern sieht das ganz anders aus. Im Zusammenhang mit unseren XY-Mitmenschen fallen Aussagen wie: „In meinem Umfeld sehe ich, dass sich die Männer zwar verantwortlich fühlen, aber viele immer noch weit entfernt sind, verantwortlich zu sein.” oder „Frenkel: Dabei wünschen sich vor allem auch Väter mehr Zeit für die Familie. Schulte: Aber sie nehmen sie sich nicht.” oder „Für Männer ist es hingegen kaum ein Problem, auch erst mit 50, 60 oder 70 ein Kind zu zeugen und Vater zu sein.” Männer sind also nicht nur weniger gebildet, sie sind auch verantwortungslose Chauvinisten, die sich keine Zeit für die Familie nehmen und generell überhaupt keine Probleme haben im Vergleich zu uns armen Frauen.

Und an dieser Stelle möchte ich klar widersprechen.

Businessman

Punkt 1: Mütter sind Halbgöttinnen, Väter sind lahme Würste

Es ist sicherlich wahr, dass Mütter unserer Generation einem enormen Druck ausgesetzt sind. War eine Mutter zu „alten Zeiten” noch in erster Linie für Haus und Hof zuständig, so haben wir heute den Anspruch an uns, beruflich erfolgreich zu sein, gleichzeitig reflektieren wir stark darüber, was es braucht, damit wir gute Mütter sind, und Haus und Hof halten wir auch in Ordnung. Irgendwann nebenher. Die Sache ist nur: Vätern geht es doch genauso. Während ein Don Draper noch nach getaner Arbeit seinen Hut an den Haken hing, sich an den gemachten Tisch setzte und anschließend nur noch den Kindern Gute Nacht sagte, bevor die Frau ihm ein Bier brachte, sind Männer durch die moderne Rollenverteilung heute prinzipiell den gleichen Ansprüchen wie Frauen ausgesetzt: Sie wollen beruflich erfolgreich sein, Zeit mit ihren Kindern verbringen und übernehmen selbstverständlich ihren Teil im Haushalt. Das ist prozentual vielleicht nicht immer gleich verteilt – die Aufteilung muss Familie für Familie selbst für sich entscheiden – dennoch sind beide Partner oft genug zu 100 Prozent ausgelastet.

Punkt 2: Frauen haben’s schwer, Männer haben Bierbäuche

Aber gut, der Druck auf Frauen bleibt ja nicht nur bei Kind und Karriere, das dritte K kommt ja auch noch dazu: Körper. Aber jetzt seien wir mal ehrlich: Es hat seinen Grund, dass Thor von Chris Hemsworth gespielt wird und nicht von Seth Rogen. Dass nicht jeder Fritz und Heinz vom Nachbarhaus es in die Cola-Light-Werbung geschafft haben. Schönheitsideal und Körperkult betreffen Männer in ähnlichen Maßen wie Frauen. Sie sollen keine kurzen Hosen tragen, weil „niemand haarige Männerbeine sehen will”. Macht ein George Clooney einer Frau ein unbeholfenes Kompliment über ihre Brüste, mag sie davon angetan sein, kommt das Kompliment von einem Rainer Brüderle, wird ein nationaler Aufschrei los getreten. Und ein Wahlplakat Christian Lindners vor meiner Haustür wurde mit den Worten verziert: „Ich bin nur eine hübsche Vorzeige-Marionette.” Offensichtlich ist es einfacher, Lindner damit anzugreifen, dass er für einen Politiker überdurchschnittlich attraktiv ist, als sich mit dem Wahlprogramm der FDP auseinander zu setzen.

Sicherlich wirkt der Körperkult und Inszenierungswahn stärker auf Frauen ein, vielleicht auch, weil wir bereitwilliger mitspielen. Aber dass Männer frei davon sind, ist schlichtweg falsch.

Vater und Sohn

Punkt 3: Gib mir dein Sperma, mehr brauch ich nicht!

„Für Männer ist es hingegen kaum ein Problem, auch erst mit 50, 60 oder 70 ein Kind zu zeugen und Vater zu sein.” An dieser Aussage ist einfach alles falsch. Da reicht es fast schon das alte Sprichwort auf den Tisch zu packen: „Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr.” Sicherlich haben Männer gegenüber Frauen den biologischen Vorteil, dass ihre Fruchtbarkeit nicht zeitlich beschränkt ist. Aber in unseren modernen Familiengerüsten langt es doch schon längst nicht mehr, sein Sperma abzugeben, um Vater zu sein. Vater zu sein bedeutet eben auch: Das Baby stundenlang zu wiegen, das Kleinkind durch die Lüfte fliegen zu lassen und mit dem Stöpsel Fußball zu spielen und die Rutschen runter zu sausen – neben dem Arbeitsalltag am Schreibtisch und Klo putzen in den freien Minuten, die noch bleiben. Und das fällt auch Männern mit fünfundzwanzig leichter als mit fünfzig oder gar siebzig.

Punkt 4: Männer machen Dreck, Frauen machen ihn weg

Schwieriger wird es, die Sache mit der Hausarbeit zu diskutieren. Ja, es ist ein Fakt, dass Frauen weiterhin zeitlich mehr Hausarbeit erledigen. Vielleicht liegt es tatsächlich auch ein wenig daran, dass Frauen sich gerne schneller verantwortlich fühlen, dass Frauen einen chaotischen Haushalt schlechter aushalten, während es Männern leichter fällt, sich vor unliebsamen Aufgaben zu drücken. Mag sein. Der wichtigste Grund ist dennoch, dass Mütter eben deutlich häufiger in Teilzeit gehen als Väter. Und ich unterstelle hier, dass die meisten von ihnen es freiwillig tun. Bleibt anzukreiden, dass Care-Arbeit weiterhin, nicht fair entlohnt wird. Seien wir objektiv: Dies ist ein politisches Versäumnis und kein direkt männliches. Politik wird von Männern gemacht? Dann wird es vielleicht Zeit, dass Frauen sich mehr politisch engagieren.

Darüber hinaus hängt es auch an unserem Männerbild, dass öffentliche Care-Arbeit hauptsächlich von (gerne ausländischen, weil billigeren) Frauen ausgeführt wird. Eine männliche Krankenschwester? Ein Weichling. Ein männlicher Erzieher? Pädophil! So wird Männern in den sozialen Berufen außerhalb der Arzt-Tätigkeit höchstens noch zugetraut, den Rettungswagen zu fahren. Alles andere ist unmännlich. Somit ist es möglicherweise kein rein weibliches Problem, dass Care-Berufe zu schlecht entlohnt werden. Sondern auch ein männliches, dass Männern der Einstieg in diese Arbeiten schwer gemacht wird.

Seifenblasen-Mann

Punkt 5: Ach, habe ich es schon erwähnt? Wir Frauen sind doch arme Säue!

Aber, ach, so viel zu den Männern, dabei haben wir Frauen es doch so schwer! Überall werden wir benachteiligt! Wollen wir nichts beschönigen: Ja, Frauen werden an vielen Stellen benachteiligt. Das ist zweifelsohne wahr. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass Frauen die armen Opfer der brutalen Bestie Mann sind. Es gibt durchaus genügend Punkte, in denen uns die Männer mal leid tun könnten, denn sie ziehen hier regelmäßig den Kürzeren:

  • Jungs mutieren zu den Verlierern unseren Bildungssystems.
  • Die Degradierung von „weiblichen” Eigenschaften fällt vor allem den Jungen zur Last. Wird es gemeinhin akzeptiert, wenn Mädchen sich in vermeintlichen männlichen Sphären aufhalten – sei es, dass sie blau tragen, wild über den Fußballplatz pesen oder ein Ingenieurstudium beginnen – werden Jungen mit vermeintlich „weiblichen” Eigenschaften immer noch als „schwach” und womöglich sogar „förderungsbedürftig” betrachtet. Für viele ist es immer noch schwer vorstellbar, einem Jungen eine Puppe zu schenken, ein weinerlicher Zwerg ist schnell ein bemitleidenswertes Opfer, geschweige denn, dass wir unseren Söhnen rosa Rüchschen kaufen würden. Und einen „weiblichen” Beruf sollen sie bestenfalls auch nicht ausüben – siehe oben.
  • Frauen sehen sich immer noch überwiegend aus die Hauptverantwortlichen in den Familien. Und auch bei einer gleichberechtigten Verteilung fallen der Frau am Ende doch oft 51 Prozent der Entscheidungsgewalt über die Kinder zu – und dem Mann eben nur 49 Prozent. Frauen nehmen die volle Elternzeit, Frauen entscheiden über Bildung und medizinische Versorgung der Kinder, die Kinder bleiben im Falle einer Trennung üblicherweise bei der Mutter – auch wenn ein Mann es sich möglicherweise ganz anders wünschen würde.
  • Und nicht zu vergessen: die Dunkelziffer an Jungen, die von Frauen sexuell missbraucht werden. All diese Fälle, die verschwiegen oder verharmlost werden oder sogar zum „heißen Abenteuer” umgewertet werden.

Wir Frauen sind vielleicht arme Säue. Aber Männer sind es eben auch.

So bleibe ich zurück und betrachte diese Einbahnstraße und möchte fast sagen: „Nein, ich kann mich keine Feministin nennen.” Wie weit soll der Feminismus kommen, wenn er sich auf das Feminine beschränkt? Wie weit sollen wir kommen, wenn wir immer wieder unseren Opferstatus hervorheben, ohne auf die vermeintlich „anderen” ebenbürtig einzugehen?

Ich kämpfe für Gleichberechtigung. Und die ist nun mal nicht auf Frauen beschränkt.  Und ich erhoffe mir eine Welt, in der wir Individuen betrachten – und keine Geschlechtschromosomen.

Fotos: Unsplash

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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1 Kommentar

  1. Seneca

    Das ist mal nett. Immerhin sind einige Punkte angesprochen, auch wenn das für mich und viele andere zu spät kommt.
    Ich glaube nicht mehr daran, dass es irgendeine Form von Gerechtigkeit geben wird.
    Letztlich sogar für niemanden. Frauen nehmen sich Rechte und Privillegien, rächen sich an ihren Söhnen oder Schülern für die vergangenen Jahrhunderte und genießen ein oder zwei gute Generationen. Doch was dann ? Es werden doch im Grunde nur einige Posten und Positionen umverteilt, die immer begrenzt und gnadenlos überbezahlt waren. Niemand kloppt sich um die miesen Jobs. Mit einem Mindestlohn von 8 Euro/Std. kann weder er noch sie eine Familie ernähren und halbwegs geschützt durchs Leben bringen. Und warum sollte irgendein Junge das in Zukunft auch noch wollen ? Die Chancen eine Familie auf Dauer zu behalten sind für Heteromänner bereits gering und schwinden dauernd, zumindest im alt-europäischen Kulturkreis.
    Im kleinen Westeuropa leben vielleicht noch 300 Mio. autochtone Bewohner, die dieses pro-feministische, homophile und anti-maskuline Umfeld stützen. Die Welt besteht aber aus wenigstens 7,2 Mrd. weiteren Bewohnern, die dieses System nicht alle so schön finden. Ich für meinen Teil werde niemanden verteidigen, der mich dahin getreten hat, wo ich jetzt bin. Ich kann auch niemandem empfehlen das zu tun. Familien sind die kleinsten Zellen eines Staates, sagt man. Ich frage mich, ob umgegenderte Jungs aus einer Regenbogenfamilie bereit wären, das alles hier mit Gewalt zu verteidigen oder gegen Gewalt zu erhalten. Oder macht das dann die stetig wachsende Zahl maskulinisierter oder lesbischer Frauen ? Sie werden wohl müssen. Und da hatte ich, vor drei Jahrzehnten noch, geglaubt, die Zukunft wäre utopisch, angstfrei und einfach lebenswerter.
    Besser verschwinden und seine Zeit genießen, solange es geht.

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