Hypochondrie
Kommentare 1

„Das bildest du dir nur ein!“ Oder: Warum plötzlich alle Ärzte sind

Den Menschen zeichnet ja angeblich sein Mitgefühl aus. Und, ja, er fühlt mit. Mensch fühlt nämlich sehr gerne, dass andere sich ihr Leiden nur ausdenken.

Herzogin Kate ist ja bekanntlich zum zweiten Mal schwanger. Schon beim ersten Kind war ihr so schlecht, dass sie ins Krankenhaus musste. Damit erweckt sie bei ihren Fans vielleicht besonderes Mitleid. Andere sagen bestimmt: „Ach, diese Royals. Kaum kotzen sie mal ein bisschen, schon sind sie schwerstkrank.“ Herzogin Kate leidet unter Hyperemesis gravidarum. Genau wie Katrin, die diesen ehrlichen Beitrag verfasst hat. Worin sie davon erzählt, wie sehr sie zwei Schwangerschaften lang unter extremer Übelkeit und totaler Erschöpfung gelitten hat. Die Reaktion ihrer Umgebung: So ist das nun mal, wenn man schwanger ist. Trink Ingwertee. Zwischen den Zeilen: Stell dich nicht so an!
Medikamente
Nun leiden Kate und Katrin unter einer Krankheit, die nur sehr wenige betrifft und die sicherlich auf viele befremdlich wirken kann. Aber was ist mit den Volksleiden? Dank moderner Massenmedien wissen wir ja heute sehr gut Bescheid, was die Menschen quält. Und natürlich haben alle eine Meinung dazu.
Sehr beliebt sind da natürlich die Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Diese mysteriösen neuen Krankheiten, die neuerdings jeder haben will. Und die in vieler Manns Augen natürlich  nur eingebildet sind.
So? Stellen wir mal klar, dass gerade die Laktoseintoleranz keine Krankheit, sondern der Naturzustand eines Säugetiers ist. Das erwachsene Säugetier, darunter auch der Mensch, ist naturgegeben nicht in der Lage, Milch zu verdauen. Nennt mir auch mal ein erwachsenes Säugetier, das Zugang zu Muttermilch hat! Nun haben einige Menschen eine erstaunliche Mutation durchgemacht und sind heute in der Lage, das Milch-Enzym Lactase zu bilden. Schön für sie.
Und völlig egal, ob das Kind nun einen Namen hat oder nicht: Menschen mit Nahrungsmittelintoleranzen leiden unter ständigen Bauchschmerzen und Übelkeit. Die Histaminunverträglichkeit kann sogar zu Atembeschwerden und Depressionen führen.
Aber gut, dass dein Nachbar dir sagt, dass du dir alles nur einbildest …
Jeder Körper ist anders. Jeder Körper hat andere Probleme, jeder hat ein anderes Schmerzempfinden. Du kannst fünf Menschen mit der gleichen Kraft auf den Arm boxen: Der eine spürt vielleicht gar nichts, der andere hat nachher einen blauen Fleck. So ist es zum Beispiel nach einer Studie erwiesen , dass Rothaarige eine niedrigere Schmerzgrenze haben.
Wer hat das Recht, sich darüber ein Urteil zu bilden?

Du bist nicht krank, das bildest du dir nur ein!

„Die Krankenhäuser/Wartezimmer sind voller Hypochonder! Die wollen alle einfach  nur mit jemandem quatschen!“ Hand hoch, wer solche Aussagen schon mal gehört hat!
Ja, in manchen Fällen stimmt das sogar. Manche Menschen bilden sich ihre Krankheiten nur ein. Manche Menschen denken bei jedem Spannungsschmerz, sie haben einen Hirntumor. Sind bei jeder Erkältung überzeugt, dass sie an Lungenkrebs leiden. Diese Menschen sind teils tagtäglich davon überzeugt, dass sie sterben müssen.
Ja, der Hypochonder bildet sich seine Krankheiten ein. Dennoch ist der Hypochonder krank und leidet. Doch die Umgebung reagiert mit Unverständnis und Spott. Die Ärzte nur mit: „Ihnen fehlt nichts, gehen Sie nach Hause“, anstatt den Patienten an einen psychiatrischen Kollegen weiterzuleiten, wo er endlich Heilung finden könnte.
Es ist so einfach, sich über den lächerlichen Hypochonder lustig zu machen. Völlig ignorierend, wie sehr dieser leidet. Vielleicht sogar bis zu dem Punkt, an dem er seinem Leid selbst ein Ende setzen will, weil er keine Linderung findet.
Und was ist mit denen „die nur quatschen wollen“? Den Alten, die so dreist sind und die Wartezimmer verstopfen, wo wir doch dringend zurück zur Arbeit müssen? Sicherlich, die können nerven. Aber, jetzt mal ehrlich: Wie einsam muss ein Mensch sein, dass er sich eine Krankheit ausdenkt, nur um wenigstens mal mit dem Arzt sprechen zu können?
Wenn wir das nächste Mal mit einer lästigen, aber heilbaren Erkältung im Wartezimmer sitzen und uns über die eingebildeten Kranken aufregen, sollten wir vielleicht mal denken: Möglicherweise geht’s denen viel schlechter als uns.

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

Letzte Artikel von Larissa//No Robots Magazine (Alle anzeigen)

1 Kommentar

  1. Danke für den tollen Beitrag. Ich war schon fast froh, als man bei mir endlich (!) eine heftige Laktoseintoleranz festgestellt hat. Noch sind wir nicht am Ende der Suche. Aber selbst im Gespräch mit Ärzten merkt man oft, dass man nicht für voll genommen wird.
    Manchmal wünschte ich, ich wäre mein Hund 🙂 Die Tierärztin, die Tierklinik, die Tier-Physiotherapeuten gingen nie von einer Einbildung von Beschwerden aus und waren in Diagnose, Behandlung und Ansprache weitaus professioneller und – humaner… Und wenn man einem anderen Hundebesitzer oder -freund über die Beschwerden des Vierbeiners berichtet, trifft man immer auf Verständnis und Mitgefühl….
    Manchmal ist es gar nicht so schlecht, mal eine solche Erfahrung gemacht zu haben. Dann lässt man so dumme Kommentare nämlich bleiben.
    Liebe Grüße
    Andrea

Schreibe eine Antwort