Gott in der Natur
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Ich glaube an Gott. Nicht an den Menschen.

„Dieser Harry Potter ist ein Diener des Teufels.“
Die Hälfte der Menschen im Raum hörte kaum zu. Sie waren nur hier, weil Freitagabend war. Und freitagabends ging man eben in den Jugendkreis – man hatte eine Fifty-Fifty-Chance, dass man etwas Lustiges unternehmen würde. Wenn man Pech hatte, dann war Bibelstunde. So wie an diesem Abend. Die andere Hälfte nickte dem Gastredner beipflichtend zu.
Nur ich saß da, mit geballten Fäusten und meinem Bauch zog sich ein kleines hartes Knäuel an Wut zusammen. Wer war dieser Typ? Wer gab ihm die Erlaubnis, hier von Dingen zu sprechen, von denen er keine Ahnung hatte? Wenn Jesus über Wasser laufen konnte, wer weiß denn dann so sicher, dass Gott nicht auch anderen Menschen Zauberkräfte gibt?
Das war der letzte Freitagabend, den ich mit dem CVJM verbracht habe.
Das war der Abend, an dem ich mit der Kirche gebrochen habe.

Ich bin nicht wirklich christlich erzogen worden – wahrscheinlich bin ich sogar religiöser als der Rest meiner Familie. Aber manches gehört auf dem Land eben dazu: kirchliche Trauung, Taufe, Jungschar, Konfirmation. So lange man nur den Hauch einen spirituellen Bewusstseins hat, geht man diesen Weg einfach.
Doch irgendwann stellte ich fest: Ich glaube nicht an das, was die christliche Kirche mich lehrt. Ich glaube nicht an den Menschen als „Krönung der Schöpfung“, dem alles andere untertan sein soll. Ich glaube nicht, dass ein Buch mir sagen kann, wer oder was Gott ist. Ich glaube nicht mal, dass wir Gott überhaupt begreifen können. Nein, ich bin sogar überzeugt: Kein Mensch hat das Recht, mir Gott zu erklären.
Meinen religiösen Weg wies mir ausgerechnet ein anderer Zauberer. Der berühmte Merlin fragt sich im Roman „Die Nebel von Avalon“ von Marion Zimmer Bradley:

Wie kann Gott in einem von Menschen gebauten Steinhaus sein?

Gibt es Gott überhaupt? Ich weiß es nicht, genauso wenig wie jeder andere Mensch auf der Welt. In diesem Nicht-Wissen sind wir alle gleich. Doch ich möchte es glauben, denn die Suche nach Gott ist, wenn nicht vor allem eines: der Wunsch nach Trost und Halt im Angesicht des endlichen Daseins.
Und wenn dem so sein sollte, was ist Gott? Ein liebevoller Vater? Eine ganze Reihe von überirdischen Wesen, die um uns pokern? Ein Alien? Eine Energie? Das Leben an sich? Oder vielleicht auch einfach nur der pure Zufall? Egal, wie oder was er/sie/es ist, es ist etwas, das der Mensch nicht erfassen kann oder vielleicht auch gar nicht erfassen soll.

Gott in der Natur

Foto: Unsplash/Atanas Tsvetkov

Wir werden Gott nicht finden.

Aber wenn es ihn gibt, wenn es ein Wesen, eine Macht, eine Energie gibt, die Einfluss nimmt, dann können wir zumindest eins: sein Wirken sehen.
Wir sind sein Wirken. Das Gras ist sein Wirken, die Wolken, die Ameisen, der Fluss, die Apfelbäume und die Maden in den Äpfeln. Die Evolution, die Quantenphysik und die Relativitätstheorie. Neid, Zank, Freundschaft, Liebe, Demut und Sexualität. Die Christen sprechen von der „Schöpfung“. Was sehen wir von Gott, wenn nicht ebendiese?
Warum hauen wir Felsen klein, um aus den Steinen Häuser zu bauen, um Gott darin zu suchen?
Warum schlagen wir Bäume, um aus dem Holz Papier zu machen, es mit menschlichen Geschichten zu beschriften und Gott darin zu suchen?

Wo ist Gott, wenn nicht in dem, was er geschaffen hat?

Und wenn Gott ein Bewusstsein hat, etwas, das uns Menschen gleicht, was möchte er?
Vielleicht möchte er gar nichts. Vielleicht sind wir ein Experiment, ein Schachspiel oder nur Laborratten.
Ich weiß es nicht.
Aber ich glaube an etwas. Ich glaube daran, dass – sollte Gott das Leben, das Universum und den ganzen Rest geschaffen haben – dann möchte er meiner Meinung nach folgendes: einen respektvollen Umgang mit seiner Schöpfung. (Aber wer bin ich kleiner Mensch schon, um darüber etwas zu wissen?)
Ich weiß nicht, wie man meinen Glauben nennen mag. Naturreligion? Alte Öko-Tussi? Ekelhafter Gutmensch? Ich glaube daran, dass ich Gott nicht in von Menschen erbauten Steinhäusern ehren kann oder dass ich dafür Geschichten von Menschen über Menschen brauche – sondern indem ich das Licht ausschalte, wenn ich es nicht mehr nutze. Indem ich zu Fuß gehe, statt das Auto zu nehmen. Indem ich keine Schweine esse, die als Nahrungsprodukt in enge Käfige gesperrt werden. Indem ich der Welt mit Respekt begegne – egal, ob es die Supermarktkassiererin ist oder der Flüchtling, die christliche Oma oder das indische Kind aus der Kita. Egal, ob es dein Hund ist, oder die Katze der Nachbarn, die Taube auf dem Dach oder die Fliege, die mich nachts so nervt.

Ja, wenn man so will, dann glaube ich an die Liebe.

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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