Die Füße eines Babys
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Weil „natürlich“ nicht „einfach“ bedeutet oder: danke, La Leche Liga

Was haben Welpen und Fohlen gemeinsam? Kurz nach der Geburt stehen sie schon auf ihren wackeligen Beinchen und machen sich auf die Suche nach Mamas Brust. Was kann ein Menschenbaby nicht? Eben.

Obwohl – so ganz stimmt das nicht. Unsere Spezies wäre längst ausgestorben, wenn unser Nachwuchs nicht genau wie der jedes anderen Säugetieres mehr oder weniger von alleine die Nahrungsquelle finden würde. Tatsächlich beginnt ein gesundes Kind etwa eine halbe Stunde nach der Geburt das sogenannte Brustkriechen, wenn es direkt nach dem Zur-Welt-kommen auf Mutters Brustkorb gelegt wird. Die Klinikrealität sieht leider meistens anders aus. Es bleibt keine Zeit, Mutter und Kind einen ruhigen Stillstart zu ermöglichen: Das Kind soll gewaschen, gewogen, vermessen werden, der Anästesist wartet, um die PDA zu ziehen, ein Kaiserschnitt muss genäht werden, der Kreißsaal geräumt werden, etc. etc.
Stillen? Wie funktioniert das? Kind an die Brust legen, Kind trinkt – fertig? Stillen ist das Natürlichste der Welt für die Wirbeltierklasse Säugetier. Aber „natürlich“ heißt leider nicht „einfach“. Eine Statistik: Fast jede Mutter möchte ihr Kind stillen, nach zwei Monaten tun es aber nur noch 70 Prozent. Woran liegt das? Ganz einfach: „natürlich“ heißt auch nicht „kann ich von alleine“. Sowohl Mutter als auch Kind müssen das Stillen erst lernen. Und dieser Vorgang ist sehr störanfällig. Stress ist wie immer ein äußerst ungünstiger Faktor, doch Ruhe hat man nach einer Geburt eher nicht, vor allem nicht in den ersten Tagen in der Klinik: ständig steht die Visite im Zimmer, die Essensausgabe oder die Putzfrau oder man wird zu Vorsorgeuntersuchungen gerufen und schlimmstenfalls bekommt man (oder noch schlimmer: die Zimmermitbewohnerinnen) noch Besuch – und obendrauf hat man mehrere verunsicherte, schreiende Neugeborene auf dem Zimmer. Und das ist nur die normale Ausgangslage, wenn es keine weiteren Komplikationen gab.

Aber auch zu Hause wird es erstmal nicht unbedingt einfacher. Nach der Faustregel dauert es gute sechs Wochen, bis das Stillen funktioniert: bis dahin kämpft man mit einem unruhigen oder schläfrigen Kind, sitzt alle drei Stunden für ein bis zwei Stunden da und ist genervt, während häufig die  Brustwarzen höllisch schmerzen. Die gute Nachricht: Nach diesen sechs Wochen (plus/minus) wird meistens auf wundersame Weise alles ganz einfach. Die schlechte Nachricht: 30 Prozent der Mütter halten diese Zeit nicht durch (siehe oben).
Helfen sollte die Nachsorgehebamme. Allerdings kann man sich heutzutage schon glücklich schätzen, wenn man überhaupt eine bekommt – mit Tendenz nach „alles wird immer schlimmer“.

Still, still, still – auch wenn’s Kindlein nicht mehr essen will

ein Baby wird gestilltMein Sohn war gerade einen Monat alt, als meine Hebamme mich in Tränen aufgelöst zurück ließ.
„Dein Kind nimmt nicht genug zu. Du musst öfter stillen!“
„Aber ich stille doch schon alle drei Stunden für über eine Stunde! Noch öfter geht nicht! Er will auch gar nicht mehr!“
„Es muss gehen. Oder du musst mit der Flasche zufüttern.“
„Aber es geht ihm doch gut. Und er ist auch nicht zu leicht!“
„Nein! Die Kinderärztin wird nicht zufrieden sein! Stell dir einen Wecker, auch nachts! Alle drei Stunden und obendrauf noch eine Flasche!“
Was nun? Die Expertin ignorieren und auf den eigenen Mutterinstinkt hören? Wäre ratsam. Aber nur wenige Neu-Mütter haben das Selbstbewusstsein.
Was also tun, wenn man nicht weiter weiß?
Ich habe erstmal in meinem Freundes- und Familienkreis rumgefragt. Meine Schwägerin hat mir geholfen, und auch Sabine von Fadenvogel (danke!) hat mir Mut gemacht, auf mein Bauchgefühl zu hören. Aber ganz sicher war ich mir immer noch nicht.
Überzeugt hat mich schließlich die Stillberaterin von La Leche Liga (kurz: LLL). Eine E-Mail, die meine Situation erklärt hat, und schon kurze Zeit später hatte ich eine nette Antwort im Postfach, die mir noch mal das gesagt hat, was ich eigentlich schon wusste: „Dein Kind entwickelt sich gut? Hör auf dein Gefühl und still nach Bedarf!“ Und siehe da: Alles war gut! Ich war glücklich, mein Kind war glücklich und auch die Kinderärztin war glücklich – obwohl der Junior nicht das von der Hebamme geforderte Gewicht zugelegt hat. Danke, La Leche Liga!
Auch später hat mir „meine“ Stillberaterin noch mehrmals Fragen beantwortet und sich erkundigt, wie es dem Kind geht. Sie hat mir ohne lange Wartezeit ausführliche Mails geschrieben und angeboten, zu telefonieren. Ich wurde wertfrei beraten, auch wenn ich mich nicht an die offizielle WHO-Empfehlung (sechs Monate ausschließlich stillen) gehalten habe, sondern das Kind und ich mit großer Freude nach dem vierten Monat zur Beikost übergegangen sind (ärztliche Empfehlung für Deutschland, je nach individueller Entwicklung) und sich die Stillmahlzeiten rasch reduzierten. Sicherlich vertritt LLL konsequenteres Stillen als es die durchschnittliche deutsche Mutter tut (bis zu zwei Jahre und länger), doch sie sagen klar: Solange wie Mutter und Kind es möchten. Und genauso so sollte es sein.

LLL ist eine gemeinnützige, überkonfessionelle, unpolitische Non-Profit-Organisation, die es sich zur Aufgabe gesetzt hat, Schwangere und Mütter beim Stillen zu unterstützen. Gegründet wurde sie 1956 in den USA als La Leche League, seit 1974 gibt es sie in der Schweiz, 1977 in Deutschland, 1979 in Österreich. Heute gibt es LLL in achtundsiebzig Ländern, publiziert in dreißig Sprachen und arbeitet mit der Weltgesundheitsorganisation zusammen.
Ratschläge bekommt man über die Webpräsenz – zum Beispiel diese PDF, die mit Mythen rund ums Stillen, aber auch die „Babyerziehung“ aufräumt. Aber natürlich kann man sich auch persönlich beraten lassen: Es gibt die Möglichkeit gezielt Stillberaterinnen in seiner Umgebung zu kontaktieren – man findet sie hier. Wer, wie ich, eher telefonscheu ist, kann die E-Mail-Beratung nutzen oder sich einer Stillgruppe anschließen.

Und in diesem Sinne wünsche ich allen Neu-Mamas einen angenehmen Stillstart!

Dies ist keine Kooperation, sondern ein Dankeschön!

Foto: Pixabay

 

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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2 Kommentare

  1. Eva

    Endlich mal wieder hier vorbei gestöbert und sehr interessiert deine Gedanken zum Leben mit Kind gelesen. Vor allem den Artikel über geschlechtstypische Farben und Verhaltensweisen. Ich habe das Gefühl, Mädchen, die mit „Jungssachen“ spielen, werden ja noch akzeptiert. Aber wenn Jungs dann mit Puppen spielen oder Ballett tanzen wollen…
    Es hört sich auf jeden Fall an, als hättet ihr euch gut eingegroovet als Familie. Und das ist schön. 🙂
    Liebste Grüße
    Eva

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