Beitrag zur Dikussion um die Anti-Baby-Pille

Wenn Charlotte Roche über die Pille spricht

Wo Charlotte Roche drauf steht, kann man ganz persé unabhängig vom Thema mit viel Häme rechnen. Nun hat Frau Roche eine Kolumne in der SZ übernommen und legt in gewohnt provokanter Weise ihre Meinung dar. Kann man grundsätzlich mögen oder nicht. Dabei stößt Roche jedoch gerne unbequeme Themen an, bei denen ein Überdenken gesellschaftlich nicht erwünscht ist (Stichwort: Kinderwunsch bei alleinstehenden Frauen, bei denen die Menopause naht). Das Traurige daran: Wo „Roche“ drauf steht, wird ein Denkanstoß weitläufig abgelehnt (siehe oben).
Diese Woche nimmt sich Charlotte Roche die Pille vor. Ein heikles Thema, das schon länger medial diskutiert wird. Ungeachtet dessen, ob man Roches Argumentationskette vertritt oder nicht, betritt sie unwegsames Land: die Selbstbestimmung der Frau.
Dabei ist die Krux mit der Pille, dass sie sowohl als Symbol für die Emanzipation stehen kann als auch für das genaue Gegenteil. War sie doch ein wichtiger Meilenstein in der sexuellen Befreiung eines jeden Individuums mit einer funktionierenden Gebärmutter, fällt es heute jedoch oft schwer, sich von diesem Bild zu lösen und die Medaille von der anderen Seite zu betrachten.

Von damals bis heute

Die Pille begann ihren Erfolgsweg in einer Zeit, in der eine ungewollte Schwangerschaft für so ziemlich jede Frau eine absolute Katastrophe darstellte. Unverheiratete wurden plötzlich zur „Gefallenen“ und standen im schlimmsten Fall ohne jede gesellschaftliche, soziale oder finanzielle Hilfe da. Und auch Frauen im „sicheren Hafen der Ehe“ fanden sich zumeist in der Küche wieder, auch wenn sie ihr Leben anders geplant hatten. Heute hat sich diese Situation jedoch entschärft. Natürlich sind nicht alle Probleme aus der Welt geräumt, aber ein Kind bedeutet längst nicht mehr automatisch gesellschaftliche Isolation und Armut oder vollkommene Abhängigkeit vom Ehemann. Natürlich kann eine ungewollte Schwangerschaft weiterhin im individuellen Fall eine Katastrophe bedeuten, die Konsequenzen haben sich jedoch innerhalb der letzten fünfzig Jahren gewandelt. Zudem hat die Industrie mit der Erfindung der Pille nicht jede Forschung in Sachen Verhütung eingestellt und andere Methoden ausreichend verbessert oder neu eingeführt, die in Sachen Sicherheit mit der Pille mithalten können.

Anti-Baby-Pille

Selbsterkenntnis Körpergefühl

Betrachten wir die Thematik mal von der anderen Seite und stellen folgende These auf: Im Jahr 2018 ist die Pille ein schwerer Brocken im selbst bestimmten Weg der Frau.
Nein, die Pille ist in vielen, vielleicht sogar den meisten Fällen keine bewusste Entscheidung mehr für ein sexuell befreites Leben. Es ist ein „Lifestyle-Produkt,“, etwas das man eben nimmt oder vielleicht sogar eine Pflicht für sexuell aktive Damen im gebärfähigen Alter ohne konkreten Kinderwunsch. Dabei nimmt sie vielen Frauen jedoch schon in jungen Jahren die Chance, sich in ihrem Körper zu erfahren, ihn kennenzulernen, zu erleben, ihm zu vertrauen und respektvoll mit ihm umzugehen. Wie vielen jungen Mädchen wird heute unbedarft, wenn nicht sogar leichtsinnig, bereits mit Beginn der Menstruation ohne konkreten Grund, ja buchstäblich jungfräulich, die Pille verschrieben? In den sowieso schon komplexen hormonellen Prozess der Pubertät mit zusätzlichen, meist unnötigen Hormonen von außen einzugreifen, halte ich persönlich für fatal (die Pille verändert Studien zufolge das Gehirn, möglicherweise sogar unumkehrbar; das Risiko, nach Beginn der ersten Einnahme, an einer Depression zu erkranken steigt bei Jugendlichen um bis zu 80 Prozent). (Junge) Frauen sollten lernen (oder wiederentdecken), wie ihr Körper funktioniert, wie er sich im Laufe des Zyklus verändert, welche Signale er sendet. Sie sollten die erstaunliche Erkenntnis erhalten, dass ein Zyklus, der sich natürlich eingependelt hat (weil die Körperreife soweit ist oder weil der Körper sich von der Pille erholt hat – was mitunter Jahre dauern kann), nicht auf mysteriöse Weise irgendetwas tut, sondern dass sich fruchtbare Tage oder sogar der Eisprung praktisch ohne oder nur mit minimalen Hilfsmitteln erkennen lassen. Oder nach jahrelanger Unlust ihre Libido neu- oder wiederentdecken. (Was selbstverständlich kein Freischein ist, die Verhütung blindlings der Natur zu überlassen.)
Jungen Menschen wird von Gesellschaft und Medien nicht zuletzt auch dank kleiner bunter Pillen etwas Wichtiges aberzogen: der Respekt vor dem sexuellen Prozess. Menschen, und es scheint desto mehr, desto jünger sie sind, halten Sexualität für ein lustiges Spiel, das die Natur zu ihrem Zeitvertreib erfunden hat. Es tut mir leid, euch enttäuschen zu müssen, aber die Natur hat sich etwas anderes dabei gedacht. Sexualität bedeutet eben auch, sich wortwörtlich zu entblößen und in die Hände eines anderen zu begeben, sie bedeutet, mit den Risiken von sexuell übertragbaren Krankheiten umzugehen, und sie bedeutet, denn das war nun mal die Intention der Natur, für alle fruchtbaren Menschen auch immer das Risiko einer Schwangerschaft. Wer sexuell aktiv ist, sollte grundsätzlich immer die Reife besitzen, mit diesen Punkten verantwortungsvoll umzugehen. Besonders mit der Pille gegen Punkt 3 (und auch das ohne hundertprozentige Sicherheit) wird jedoch medial und gesellschaftlich das Gedankengut produziert, der Fortpflanzungsprozess sei eine für Jedermann/-frau lebenswichtige Party ohne Konsequenzen.

Ich wünsche mir, dass Frauen und ihre Sexual-Partner bewusst abwägen, welches Verhütungsmittel in diesem Punkt ihres Lebens das richtige ist – und Frauen sich nicht von der Gesellschaft dazu zwingen lassen, automatisch zu einem Präparat zu greifen, dass ihnen mit hoher Wahrscheinlichkeit Nebenwirkungen wie Stimmungsschwankungen oder eine verminderte Libido, womöglich aber auch Depressionen bis hin zu lebensbedrohlichen Erkrankungen beschert. Sicher wird es auch weiterhin Frauen geben, die bewusst zur Pille greifen. Vielleicht weil sich mit ihr Symptome bekämpfen lassen, bei denen bislang jedes andere Medikament versagt hat. Oder weil frau ein sexuell sehr aktives Leben führt und unter keinen Umständen schwanger werden möchte (nur besteht dann natürlich das nicht geringe Risiko, dass mit der Pille die Libido und damit die sexuelle Aktivität flöten geht).
Ich wünsche mir, dass Frauen die Pille nehmen, weil sie die beste Wahl für sie ist – aber nicht „weil man das einfach so macht“ oder aus dem falschen Glauben heraus, es gäbe keine Alternative.

Fotos: Unsplash

 

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

2 Kommentare

  1. Als ich etwa 15 war, hat mein Frauenarzt mir das erste Mal die Pille verschrieben. Jedoch nicht als Verhütungsmittel (an Sex habe ich in dem Alter nämlich noch gar nicht gedacht!), sondern weil ich 1. meine Periode immer unregelmäßig (wenn ich mich richtig erinnere, dauerte es meistens 40 Tage, bis ich wieder die Periode hatte) und stark bekam und 2. während der Zeit, wenn ich sie dann mal hatte, mich starke Bauchschmerzen quälten. Die Pille habe ich allerdings nicht nehmen wollen. Ich fand, dass ich zu jung dafür war. Mit 15 ist man doch irgendwie noch ein Kind! Also habe ich die Schmerzen und Unregelmäßigkeit meiner Periode in Kauf genommen.

    Mit 20 habe ich dann noch mal über die Pille nachgedacht und seitdem nehme ich sie auch. Ich gehe einmal im Jahr zur Routineuntersuchung, spüre keine Nebenwirkungen und habe vor Kurzem sogar begonnen, die Pille durchzunehmen, weil ich nämlich mittlerweile fast jeden Monat starke Kopfschmerzen/Migräne in der Pillenpause bekomme (durch das Durchnehmen sind die Kopfschmerzen verschwunden – zum Glück! Da halfen nämlich auch keine Ibu 600 gegen). Ich könnte die Pille auch absetzen und gucken, was dann passiert. Da ich aber ein Antidepressivum nehme (nicht, weil ich durch die Pilleneinnahme depressiv geworden bin, sondern weil ich seit 18 Jahren unter einer Angststörung leide), sollte ich besser nicht schwanger werden (ganz davon abgesehen: ich werde im Herbst zwar 33, doch der Kinderwunsch hält sich doch noch sehr in Grenzen. Es ist aber nicht so, dass ich eine Schwangerschaft komplett ausschließe. Ich kann es mir momentan nur gar nicht vorstellen.) – und was ist sicherer als die Pille?

    1. Du hast dir Gedanken gemacht und triftige Gründe, das ist doch gut. 🙂
      Sicherer als die Pille ist erstmal nichts, wenn man vom reinen Verhütungsstand ausgeht. Vor allem ist sie natürlich einfach zu handhaben. Wenn man allerdings genau weiß, wann seine fruchtbaren Tage sind und an diesen Tagen entsprechend vorsichtig ist, dann sind andere Verhütungsmethoden ganz ähnlich sicher.
      Was übrigens interessant ist, ist dass der Kinderwunsch bei Frauen, die die Pille nehmen nach meiner Beobachtung tatsächlich geringer ist. Was nicht zuletzt natürlich auch daran liegt, dass Kinderwunsch häufig auch hormonell bedingt ist und durch die Pille gehemmt wird. Bei mir selbst habe ich beobachtet (und auch von Freundinnen zu hören bekommen, die die Pille abgesetzt haben), dass der Kinderwunsch innerhalb von einem Zyklus rapide rauf und runter gehen kann (furchbare Tage: Ooohhhhh, ein Baby! Periode: Urgs, Babys, nee, keinen Bock!) 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.