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Wenn Deutsche Flagge zeigen

Gerade sieht man sie wieder überall: in jedem Laden, an Autos, in Gesichtern – alle zwei Jahre ist es für zwei Wochen total okay, als Deutscher Flagge zu zeigen. Patriotisch sind die Deutschen nur im Fußball. Gedanken über ein schwieriges Nationalgefühl.

Schwarz-Rot-Gold. Ihren Ursprung haben diese Farben in den Befreiungskriegen der Deutschen gegen die französische Besatzung 1813-1815. Sie standen, wie es in unserer Nationalhymne so schön heißt, für Einigkeit, Recht und Freiheit. Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland besann man sich auf diese Werte und wählte die alten Farben erneut zur Nationalflagge. SPD-Abgeordneter Ludwig Bergsträsser erklärte dazu: „Die Tradition von Schwarz-Rot-Gold ist Einheit und Freiheit. Diese Flagge soll uns als Symbol gelten, dass die Freiheitsidee, die Idee der persönlichen Freiheit, eine der Grundlagen unseres zukünftigen Staates sein soll.“ (Quelle: Wikipedia)
In den meisten Ländern wird mit der Nationalflagge freundschaftlich bis leidenschaftlich umgegangen: In Schweden sind sogar die Straßenschilder blau-gelb, die Franzosen feiern ihre Trikolore und sowohl die amerikanische als auch die britische Flagge werden inflationär als Allgemeingut verwendet. Nur wir Deutschen tun uns mit unserer Flagge schwer. Wir holen sie zum Fußball heraus. Dann sind wir stolz auf „unsere Jungs“. Aber abseits dessen assoziieren wir die Flagge mit Leuten, die sich mit ihrem Nationalstolz brüsten. Leute, für die die Begriffe „Recht“ und „Freiheit“ nur für sie selbst zu gelten scheinen. Sprich: Leute, mit denen die meisten von uns nicht in Verbindung gebracht werden wollen.
Nationalstolz. Was für ein ekliges Wort. Bin ich stolz, Deutsche zu sein? Was habe ich schon dazu begeigetragen, dass ich gerade diese Nationalität trage? Ich bin zufällig hier geboren, könnte genauso gut Polin oder Marokkanerin oder was auch immer sein. Stolz bin ich nur auf Dinge, die ich auch tatsächlich geleistet habe.

Wenn Deutsche Flagge zeigen
Und es gibt ja auch genug, was an diesem Land nervt. Der unteschwellige Alltagsrassismus, der immer noch in vielen Menschen brodelt. Dass Frauen sich immer noch verteidigen müssen, wenn sie Kinder und Berufsleben haben wollen. Dass Deutschen ihre Freiheit oft über alles steht, auch wenn sie damit die Freiheit anderer verletzten. Dass in Deutschland mehr YouTube-Videos gesperrt sind als in jedem anderen Land. Ja, auch das. Und wir wollen nicht vergessen, dass Deutschland eines der miesesten Arschlöcher der jüngsten Weltgeschichte war.
Dennoch: Ich wurde gute 40 Jahre nachdem Hitler sich eine Kugel ins Hirn gejagt hat geboren. Was habe ich mit dieser Zeit der deutschen Geschichte zu tun? Rein gar nichts. Und auch wenn wir Deutschen so gerne meckern, man muss sich auch mal vor Augen führen: Ich lebe in einem Land, in dem ich keine Angst habe, alleine (als Frau!) das Haus zu verlassen. Mir wurde (als unehelich geborene Tochter einer Mittelstands-Patchwork-Familie) ohne großes Theater eine gute Schulbildung plus Studium geboten. Wenn ich krank bin, werde ich ohne großes Drama behandelt (ja, auch als Kassenpatient). Unsere Luft ist halbwegs sauber, das Wasser schmeckt gut, und uns geht es so gut, dass wir für den Umweltschutz einsetzen können. Homosexuelle dürfen heiraten, und hoffentlich wird bald auch nicht mehr darüber diskutiert, ob sie Kinder großziehen dürfen. Und den meisten von uns sind ausländische Freunde (hoffentlich) willkommen. Dafür bin ich dankbar. Und auch ein bisschen stolz. Stolz auf dieses kleine Land, das es geschafft hat, innerhalb von 70 Jahren vom Albtraum auf Erden zu einem Ort zu werden, wo es sich gut leben lässt.
Und auch wenn ich jetzt nicht gleich einen Fahnenmast auf dem Balkon aufstellen werde, fände ich es doch schön, wenn wir ab und zu mal sagen würden: Deutschland, du bist schon in Ordnung.

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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2 Kommentare

  1. Das hast du sehr schön geschrieben! Ich beobachte an mir auch, je mehr ich von der Welt sehe (sehen darf, das ist ja auch schöner Punkt der Freiheit in diesem Land), desto dankbarer bin ich, genau hier leben zu dürfen. Das ewige nörgeln und kritisieren geht mir genauso auf den Keks, wie „Stolz“ auf eine Nationalität zu sein. Was ich lustig finde an mir zu beobachten, wie sich die Dimensionen und das Zugehörigkeitsgefühl ändern. Bin ich in Hamburg, komme ich aus Bayern, bin ich in München hört man die Fränkin, bin ich in Spanien komme ich aus Deutschland und in Asien oder Amerika entdeckt man auf Reisen doch die ein oder andere Gemeinsamkeit unter Europäern. liebe Grüße *thea

    • Larissa

      Das mit dem Zugehörigkeitsgefühl ist ja sowieso ein ganz lustiges Ding. Mir war es immer relativ wurscht, was ich genau bin, aber seit ich in Bayern lebe, sehe ich mich viel mehr als Westfälin als früher. 😉 Das hat vielleicht auch was mit der deutschen Eigenheit zu tun, sich über die Sprache zu identifizieren (weil Deutsche ja so lange kein gemeinsames Land hatten und sich daher nur über die Sprache als ein Volk identifizieren konnten). Die Bayern sprechen anders als ich (obwohl eigentlich gar keinen richtigen Dialekt habe (glaube ich zumindest)), also gehöre ich nicht hierher. Im Ausland ist es dann wieder egal. Da ist alles deutsch, was deutsch spricht. (Als ich in Schweden war, waren die Österreicher immer ziemlich beleidigt, wenn wir sie mit den Deutschen in einen Topf geworfen haben. ;)) Und wenn gar keine Deutschen mehr in der Nähe sind, dann ist man eben Europäer. Man sucht sich wahrscheinlich immer den kleinsten gemeinsamen Nenner. 🙂

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