Identität
Kommentare 0

Wer bist du?

Worüber identifizieren wir uns?

Viele Menschen im Laufe der Menschheitsgeschichte identifizierten sich – und tun es noch – über ihre Religion. Wenn der Islam „nicht zu Deutschland gehört” und damit deutsche Muslime im Umkehrschluss wohl auch nicht – und heimatlos zurückgelassen werden. Oder einfach nur wenn Katholiken und Protestanten sich mit Hass in den Augen gegenüberstehen, vorrangig, weil die Vorfahren von dem einem sich von einem Herrn Luther leiten ließen und von dem anderen nicht – oder auch nur, weil das Landesoberhaupt das vor Jahrhunderten für besagte Vorfahren entschieden hat. Dann wird „Gott” groß auf die Fahne geschrieben, als Kriegsbanner tragen sie sie vor sich her, sie flattert vor sich hin und schreit nach „Zusammenhalt” und „gemeinsamen Werten” … während es eigentlich doch um etwas ganz anderes geht.

Worüber identifizieren sich Menschen?

Foto: Unsplash/Davide Ragusa

Sie identifizieren sich über ihre Herkunft, über den Ort, an dem sie geboren wurden. Während dieser Ort selbst noch mit mit seiner Identifikation ringt, gerade erst geboren aus der Asche seines vorherigen Selbst seines vorherigen Selbst seines vorherigen Selbst; und wie Phoenix immer wieder neu erscheint, aber doch nie der gleiche ist. Sie pochen auf ihre Herkunft und doch zerstreut sich diese wie Asche im Wind in alle Richtungen, wenn sie nur zwei, drei Generationen zurückblicken, ja, vielleicht sogar nur eine einzige. Sie besinnen sich auf Vaterland und Muttersprache, während der eine „Moin” sagt und der andere „Griaßdi”, während sie die Heimat sezieren und zerkleinern, wenn „Dunkekdeutschland” nicht dazu gehört und die „Saupreißen” schon gar nicht oder eben die Bayern sowieso nur Österreicher sind – oder die Österreicher verloren gegangene Deutsche, ob sie wollen oder nicht. Wenn sie Nachkommen sind, von vor langer langer Zeit Vertriebenen, und von der Rückkehr in die Heimat träumen , die sie nie gesehen haben.

Sie identifizieren sich über ihr Geschlecht, wollen ihren „Mann stehen” oder „Frau genug” sein, identifizieren sich über eine Fifty-Fifty-Chance, dieses Chromosom bekommen zu haben oder jenes, identifizieren sich über Geschlechtsmerkmale, die die Welt herunter gebrochen gerade mal in zwei jämmerliche Gruppen aufteilt.

Sie sind stolz auf ihren Wohlstand, auf ihre Bildung, zumeist auf der Grundlage dessen, was ihre Vorfahren erreicht haben – und sei es nur, dass sie vor langer, langer Zeit ein Stückchen weiter gewandert sind als andere.

Aber sag mir wann, wann identifizieren wir uns eigentlich mal einfach darüber, wer wir sind?

Dieser Artikel war Teil des No Robots Magazine #6 Rausch.

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

Letzte Artikel von Larissa//No Robots Magazine (Alle anzeigen)

Schreibe eine Antwort