Lieber Flüchtling, willkommen in Deutschland
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Willkommen in Deutschland

Lieber besorgter deutscher Bürger,

ja, du bist echt eine arme Sau.
Arbeit nervt. Da malocht man, und was bleibt am Ende übrig? Nüschte! Geht alles für diese „Sozialleistungen“ drauf. Ja, was machen „die da oben“ denn damit? Schieben es dem ganzen Pack in den Hintern! Das geht alles nach Griechenland! Du weißt gar nicht, was die haben. Da scheint doch immer die Sonne. Du warst mal auf Rhodos. Ist schön da. Da kann man Bananen-Boot fahren. Am besten bleibst du morgen einfach zu Hause und meldest dich krank …
Schule hat auch schon so genervt. War tierisch öde. Deswegen bist du ja irgendwann auch einfach nicht mehr hingegangen.
Aber zurück zur Kohle. Hast ja keine. Der schöne deutsche Euro. Alles weg! Es ist schon so schlimm, dass du dich gerade echt einschränken musst. Neues Smartphone, neues Notebook, neues Tablet und ein neuer Fernseher müssen her. Die alten sind nämlich schon ein ganzes Jahr alt! Aber die Moneten reichen einfach nicht für alles. Kann man sich das vorstellen?! Nee, oder?
Und eine neue Wohnung bräuchtest du eigentlich auch. Gerade hast du nur eine Drei-Zimmer-Wohnung für dich und deine Schnitte. Das ist wirklich zu klein. So beengt kann man nicht leben.
Und du kannst dich einfach nicht entscheiden: Sommerurlaub auf Malle oder diesmal doch mal Thailand? Im Winter geht’s wieder zum Skifahren in die Berge. Ist ja klar. Machste jedes Jahr so. Aber verdammt, die Entscheidung für den Sommer wird auch jedes Jahr schwieriger. Die Flüge werden aber auch immer teurer! Eine Frechheit!
Aber die allergrößte Frechheit ist doch immer noch das: Es kommt immer noch kein Wasser mit Kohlensäurse aus der Leitung! Was machen „die da oben“ eigentlich den lieben langen Tag? Dabei weiß doch jeder, dass nur Sprudelwasser „natürliches Wasser“ ist! Jetzt musst du immer noch ständig mit dem BMW zum Supermarkt fahren und den Sixpack Plastikflaschen kaufen. Ja, denkt denn mal jemand an dich? Mensch, das Auto nutzt sich so doch total ab!
Ja, wirklich, guter deutscher Bürger. Du bist tatsächlich ein ganz armes Schwein. Ich weiß gar nicht, was ich dazu noch sagen soll. Da fällt mir echt nichts mehr ein.

Lieber Flüchtling,

du bist wirklich eine arme Sau. Aber was hilft dir mein Mitleid?
Du wolltest nicht weg von deinem Zuhause. Es ging dir einmal gut. Du hattest eine gute Arbeit, alles lief prima.
Aber jetzt ist Krieg. Das Krankenhaus, in dem du gearbeitet hast, gibt es nicht mehr. Auch nicht die Schule deiner Nichten und Neffen.
Also hat deine Familie ihr ganzes Geld zusammengekratzt. Europa, sie hieß es, ist wundervoll. Reich. Und friedlich. Aber das Geld reichte nur für einen. Du warst der Jüngste und der Stärkste. Also musstest du gehen. Auch wenn du große Angst hattest.
Du hast dein Land verlassen. Das war gefährlich. Danach hast du eine Wüste durchquert, bis du zum Meer kamst. Dort hast du alles, was du noch hattest, für einen Platz in einem Boot gegeben. Obwohl „Platz“ nicht das richtige Wort war. Ihr wart viel zu viele. Die kleine Nussschale war viel zu voll und hat gefährlich geschwankt. Du hast von den Toten gehört. Du hattest große Angst.
Aber es ist alles gut gegangen. Du hast es nach Europa geschafft und gegen alle Widerstände hast du dich nach Deutschland durchgeschlagen. Hier sollte alles gut werden. Hier ist ja auch alles gut, hat man in deiner Heimat gesagt. Es ist friedlich und hat genug Platz und Essen für alle.
Du kannst das nicht beurteilen. Du sitzt seit Monaten in einer schäbigen Unterkunft, die du dir mit drei fremden Männern teilst. Du weißt nicht so genau, wo sie herkommen. Du verstehst ihre Sprache nicht. Hier sitzt du nun und wartest, dass jemand darüber entscheidet, was mit dir passieren soll. Du hast gehört, das könne Jahre dauern. Und am Ende schicken sie dich am Ende vielleicht sogar zurück. Das wäre dein sicherer Tod, da bist du dir sicher.
Es ist kalt hier. Es regnet oft. Regen ist gut, aber du frierst. Du hast keine warme Kleidung, die für das Wetter angemessen wäre. Manchmal machst du einen Spaziergang in nahegelegene Dorf, um die Langeweile zu vertreiben. Die Leute sehen alle sehr fremd aus. Sie verhalten sich kommisch. Sie starren dich an als seist du ein Krimineller. Du würdest gerne wieder arbeiten. Aber du darfst nicht. Noch nicht. Du musst warten.
Und du bist so einsam. Du vermisst dein Zuhause so sehr. Du kennst hier niemanden. Du verstehst die Sprache nicht. Deine Familie und deine Freunde sind weit, weit weg. Du weißt nicht mal, ob du sie jemals wiedersehen wirst. Alles, was dir geblieben ist, ist ein billiges Handy, mit dem du ab und zu nach Hause telefonierst. „Lebt ihr noch? Geht es euch gut? Ich versuche Arbeit zu finden, damit ich euch Geld schicken kann! Bitte, haltet durch!“
Es gibt Gerüchte, dass Einheimische Unterkünfte wie deine angegriffen haben. Du hast von Bränden gehört. Aber du kannst das nicht so recht glauben. Warum sollte jemand so etwas tun? Ihr tut doch niemandem etwas!
Lieber Flüchtling, mir fehlen die Worte. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.
Mir fällt nur eins ein:

Willkommen in Deutschland!

Lieber Flüchtling, willkommen in Deutschland


 

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Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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5 Kommentare

  1. Ich stehe auch fassungslos gegenüber so viel Arroganz und Arschlochverhalten. Den Hass auf das eigene Leben auf die zu kanalisieren, die gar nichts haben, ist so was von armselig, dass das Wort eigentlich nicht einmal reicht, um das zu beschreiben.

    Danke für’s aufschreiben! Und auch dafür, dass du mein Posting weiterverbreitest.

    Liebe Grüße zu dir,
    Sarah

  2. Sehr schön geschrieben! Ich freue mich so über jeden einzelne Stimme, die sich gegen diese verblödete Fremdenfeindlichkeit richtet.
    Auch in Deutschland fährt nicht jeder BMW und hat eine 3-Zimmer-Wohnung zu zweit. Auch hier gibt es sehr arme Familien, die kaum über die Runden kommen, aber diejenigen, die gegen Ausländer auf die Straße gehen, sind doch meistens nicht so arm dran. Wobei… Dummheit ist irgendwie doch auch ein Armutszeugnis…

    • Nein, natürlich, auch hier gibt es zu viele Menschen, denen es nicht gut geht, das ist natürlich klar. Aber ich schätze auch mal, dass diese Leute sich nicht als „besorgte Bürger“ auf die Straße stellen und mit Steinen auf Flüchtlinge werfen. Das hoffe ich zumindest. Ich denke auch einfach mal, dass unser Staat niemanden verhungern lässt und es selbst den Ärmsten der Armen in diesem Land deutlich besser geht als den Flüchtlingen. Und wenn ich jetzt wirklich alleinerziehende Mutter einer armen Hartz-IV-Familie bin und nichts habe (und doch zumindest ein Dach über den Kopf, sauberes Trinkwasser aus dem Hahn und keine Angst, enthauptet oder als Sklavin entführt zu werden …) – wie armselig muss ich dann sein, denen, die noch weniger haben, nicht mal ein bisschen Frieden zu gönnen?

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