Arbeiterkinder haben es sehr schwer

Wir armen Arbeiterkinder

Ich bin die Tochter einer Hausfrau. Unehelich geboren. In einer Patchwork-Familie aufgewachsen. Mit einem KFZ-Mechaniker als Stiefvater.
Aufgewachsen in einem kleinen Dorf. In einem kleinen Dorf, das ziemlich einsam in den Wäldern des süd-westfälischen Mittelgebirges liegt. Dort gab es keine Babybauch-Konzerte, keine Kindergärten mit Englisch- und Chinesisch-Unterricht. Es gab einen Kinderchor. Aber auf den hatte ich keinen Bock.
Ich komme aus bildungsfernem Milieu. Statistisch gesehen bin ich eine Null. Aus mir kann nichts werden, außer ich gebe mir wirklich ganz arg viel Mühe. Ich bin ein Opfer der Chancenungleichheit.

Vor etwa hundert Jahren lebte ein Mann im preußischen Brandenburg. Er hatte eine gute Anstellung als Ingenieur (oder sowas in der Art zu der damaligen Zeit), ein großes Haus und vier Kinder. Er malte gerne Ölgemälde von Landschaften, Blumen oder Napoleon. Aber im Großen und Ganzen war er wohl ein guter Preuße. Sein Sohn genoss eine gute Ausbildung und ihm stand eine glänzende Zukunft bevor. Auch seine zweite Tochter, war äußerst strebsam und wäre gerne Lehrerin geworden. Aber sie war das dritte Kind. Der Sohn ging vor. Und dann kam der Krieg und machte alles zunichte. Der Sohn fiel. Ebenso die erste Tochter. Und die beiden Jüngsten mussten sehen, dass sie zurecht kamen. Die zweite Tochter kam zurecht. Sie konnte nicht die Ausbildung machen, die sie sich gewünscht hat. Aber sie lernte Englisch und ein bisschen Französisch. Hatte gute Anstellungen im Amt. Von ihrer guten Rente ging sie später auf Reisen – bis ins hohe Alter.
Diese Frau hat eine Tochter. Und wie das eben oft so ist, wollte sie gerne, dass ihre Tochter die Bildung genießt, die sie selbst nicht haben konnte. Aber diese Tochter hatte andere Pläne mit ihrem Leben. Sie genoss nicht die Ausbildung, die ihre Mutter sich gewünscht hat. Aber sie interessiert sich für Technik. Brachte sich alles über Computer bei, was sie wissen musste. Dann kam die digitale Fotografie. Also lernte sie alles darüber. Und wie man mit Photoshop umgeht. Schließlich wurde sie damit sogar so gut, dass sie den ein oder anderen Preis für ihre Fotos gewonnen hat.
Diese Frauen sind meine Oma und meine Mutter. Ist das bildungsfernes Milieu?

Magisterurkunde und Arbiturzeugnis eines Arbeiterkindes

Nun, schließlich kam ich also. Uneheliches Kind einer Patchwork-Familie. Nur eine Haufrau und ein KFZ-Mechaniker als Vorbild. Und dann auch nur im hintersten Hinterland großgeworden. Eine statistische Null.
In meiner Grundschulklasse waren wir zweiundzwanzig Kinder. Fast alle waren einfache Arbeiterkinder wie ich. Anfangs hatte ich Probleme in der Schule. Vor allem hatte ich wohl keinen richtigen Bock. Mein Lehrer attestierte mir am Ende des ersten Schuljahres „unaufholbare Lücken in Mathematik“. Am Ende des vierten Schuljahres bekam ich nur ein „Vielleicht“ als Empfehlung fürs Gymnasium. Meine Eltern stellten es mir frei, ich konnte mich entscheiden, ob ich es probieren oder lieber auf die Realschule gehen wollte. Meine besten Freundinnen entschieden sich fürs Gymnasium. Also ging ich mit. Insgesamt wechselten zehn meiner Grundschul-Mitschüler mit mir. Insgesamt waren wir sechs Kinder aus meiner Grundschulklasse, die zusammen Abitur gemacht haben. Von den anderen haben manche zumindest Fachabitur gemacht.
Nein, meine Eltern konnten mir oft nicht bei den Hausaufgaben helfen. Von Algebra haben sie keine Ahnung. Sie haben vermutlich noch nie Shakespeare analysiert. Französischvokabeln habe ich mit meiner Oma gelernt. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, irgendwie benachteiligt zu sein. Ich sollte ja schließlich den Unterrichtsstoff können und nicht meine Eltern, oder?
Am Ende habe ich ein zufriedenstellendes Abitur gemacht. Mit einer Eins im Mathe-LK. Und wie das so ist, wenn man Abitur hat, danach geht man studieren. Auch da hatte ich niemals das Gefühl benachteiligt zu sein. Oder irgendwie nicht dazu zu gehören. Sicher  – vielleicht hätte ich ein anständigeres Studienfach gewählt, wenn meine Eltern mich hätten beraten können. Vielleicht aber auch nicht.
Übrigens: Meine Freundinnen aus der Grundschule, bildungsferne Arbeiterkinder wie ich (oh, und eine davon sogar mit Migrationshintergrund!), sind heute promovierte Chemikerin und Architektin. So viel zur Statistik.

Meine Eltern sind Hausfrau und KFZ-Mechaniker. Macht sie das zu dummen Asozialen? Mein Vater kann LKW zusammenschrauben. Ich kann das nicht. Ich habe davor großen Respekt. Auch mein ältester Bruder ist „nur“ Arbeiter. Ebenso seine Frau. Und ich bin nicht überzeugt, ob ihre Kinder jemals ein Gymnasium besuchen werden. Na und? Macht sie das zu zweitklassigen Menschen? Die Bildungspolitik wünscht sich, dass alle Kinder Abitur machen und studieren gehen. Aber was machen wir dann ohne Arzthelferinnen oder KFZ-Mechaniker? Oder sollen die auch studieren? Der Elektriker zusammen mit dem Ingenieur? Wem soll das etwas bringen?
Ich bin wohl ein Aufsteiger. Ich wohne in der Großstadt, ich „verkehre in anderen Kreisen“ als meine Eltern. Mein Mann (ein Arbeiterkind) ist Ingenieur, unsere Freunde (teils Arbeiterkinder) sind Physiker, Architekten, Ingenieure oder Ärzte. Sicherlich wünsche ich mir für meine Kinder eine gute Ausbildung. Sicher kann ich sie ein bisschen besser beraten als meine Eltern mich damals. Aber vielleicht wollen sie das gar nicht. Vielleicht wollen sie lieber KFZ-Mechaniker werden. Und was wäre schlecht daran?

Die armen Arbeiterkinder sind Opfer des Bildungssystems. Vielleicht hatte ich Glück, aber … Nein, ich bin kein Opfer.

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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