Russlanddeutsche
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„Wir sind doch keine Russen!“

Russlanddeutsche

Foto: Unsplash/Benjamin Balasz

„In Russland hieß es immer: ‚Ihr scheiß Deutschen!‘. Und in Deutschland hieß es dann plötzlich: ‚Ihr scheiß Russen!‘.“ Natalia ist eine hübsche junge Frau mit großen braunen Augen und dunklen Haaren. Sie ist ein Mensch, der viel lacht und einen quasi dazu zwingt, mitzulachen. Während des Studiums hatten wir gemeinsame Freunde, trafen uns auf WG-Partys oder zum Mittagessen in der Mensa. Nie hatte ich das Gefühl, dass sie irgendwie anders sein könnte als wir anderen. Bis zu dieser Nacht, als sie anfing von ihrer Herkunft zu erzählen. Erst da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass „Natalia“ nicht unbedingt ein deutscher Name ist. (Larissa im Übrigen auch nicht, aber das hat keine weitere Bedeutung.)

Anders war das bei Galina. Galina war von Anfang an anders und exotisch, als sie damals im dritten Schuljahr in unsere Klasse kam. Allein schon ihr Vorname lässt vermuten, dass sie in einem anderen Land zur Welt kam. Wir bestaunten sie, ja, im Nachhinein muss ich wohl sagen: Wie ein Tier im Zoo. Wir liebten ihre Prinzessinnenkleidchen und ihre wunderschön geschmückten Haare. Oh, wie enttäuscht wir waren, als sie eines Tages mit einer Kurzhaarfrisur zur Schule kam! Ihre Mutter habe die langen Haare für zu aufwendig gehalten, antwortete sie uns damals. Aber wahrscheinlich wollte sie nur einfach nicht mehr die Exotin in der Klasse sein.

Natalia stammt aus Almaty (früher Alma-Ata), der ehemaligen Hauptstadt Kasachstan, unweit der kirgisischen Grenze gelegen. Galina verbrachte ihre ersten Jahre im kleinen kasachischen Dorf Gorkunowo, Nahe der Grenze zu Russland. Gemeinsam haben sie, dass ihre Vorfahren im 18. Jahrhundert dem Aufruf Katharinas der Großen folgten, sich an der Wolga anzusiedeln. Galina kann ihre Familie bis ca. 1766 zurückverfolgen, als ein Urahn sich aus der Nähe von Darmstadt gen Osten aufmachte. Ihre Vorfahren gehörten wohl zu den 350 000 Deutschen, die im Zweiten Weltkrieg von Stalin zwangsumgesiedelt, verschleppt und möglicherweise sogar ermordet wurden. Weil sie Deutsche waren – immer noch, nachdem ihre Familien bereits seit knapp zweihundert Jahren im sowjetischen Raum lebten.

Nach dem Zusammenfall der Sowjetunion kam die Sehnsucht nach der Heimat. Eine Heimat, die viele von ihnen sicherlich noch nie gesehen haben, während ihre Muttersprache ein Anachronismus geworden ist. Aber natürlich war der Wunsch auszusiedeln weit mehr als pure Nostalgie. „Meine Eltern hatten Angst vor der Inflation“, berichtet Natalia. „Sie fanden aber auch den Gedanken sehr reizvoll, jeden Monat ein festes Gehalt zu bekommen. Sich Dinge kaufen zu können, die sie sich wünschen – ohne Schlange stehen zu müssen. Es war also der Kapitalismus, der sie gereizt hat.“ Und da war der Wunsch, nicht mehr länger die deutsche Minderheit unter Russen zu sein. Natalias und Galinas Familien und deren Freunde und Verwandte wollten einfach endlich nach Hause.

Natalia kam im Mai 1990 nach Deutschland, da war sie vier Jahre alt. Galina reiste zwei Jahre später ein, siebenjährig. Beide haben sie kaum Erinnerungen an Kasachstan. Natalia kann sich nur nach an den blauen Zaun vor ihrem Haus erinnern, Galina kann ihre Kolchose noch recht deutlich beschreiben, die eingeschossigen Familienhäuser mit jeweils einem Acker hinter dem Haus. Aber es bleiben Erinnerungen aus frühester Kindheit. Beide sind sie in Deutschland aufgewachsen, hier zur Schule gegangen, haben mit deutschen Freunden gelernt, Abitur gemacht. Genau wie ich.

Doch sie kamen als Deutsche und wurden als Osteuropäer aufgenommen: „Ich wurde immer als Russin angesehen, das hat sich lange nicht geändert“, erzählt Galina. „Das war mir peinlich, ich wollte keine Russin sein. Ich wollte einfach nur dazu gehören.“ Natalia erging es ähnlich: „Ich habe mich als Kind dafür geschämt, einen Migrationshintergrund zu haben. Ich wollte nicht auffallen, habe nie russisch gesprochen, hatte immer nur deutsche Freunde.“ Während wir deutschen Kinder hungrig diese abenteuerliche Exotik der Neuankömmlinge aufsogen, grenzten wir unsere neuen Freunde unwillentlich aus. Die Neugier der anderen habe ihr immer das Gefühl der Andersartigkeit verliehen, erinnert sich Natalia. „Man hatte das Gefühl, dass man bloßgestellt wird“, fügt Galina hinzu. „Als Kind oder Jugendliche ist es am schwersten, weil man nicht versteht, warum die anderen einen unbedingt als ‚anders‘ darstellen wollen.“

„Was bedeutet Heimat für euch?“, frage ich sie. „Welcher Nationalität fühlt ihr euch zugehörig?“

„Die Frage nach der Heimat habe ich mir niemals gestellt“, gibt Galina zu. „Ich weiß nur, dass ich niemals zurück will.“ Und überhaupt: „Muss man heute eine Antwort darauf haben, was für einen Heimat ist? Ist man unglücklich, wenn man keine Antwort darauf hat?“

Natalia kann ihr Heimatgefühl deutlicher beschreiben: Die kleine Stadt im Rhein-Sieg-Kreis, in der sie aufgewachsen ist, ist ihre Heimat. „Das merke ich vor allem dann, wenn ich mit dem Zug ankomme und ich mich freue, die seichten Hügel und die Sieg zu sehen. Die Landschaft berührt mich sehr. Das ist der Ort, dem ich mich sehr verbunden fühle.“

Die Frage nach der Nationalität können beide jedoch klar für sich klären: „Wir sind Deutsche die aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen sind“, stellt Natalia klar. „Deswegen gibt es ja den Begriff ‚Russlanddeutsche‘. Genau das sind wir und das bleiben wir auch. Seit dem Studium kann ich das als Potenzial betrachten.“ Mittlerweile promoviert sie sogar über die Lebensführung älterer Spätaussiedler. Galina kann dem zustimmen: „Ich sage jetzt immer: ‚Ich bin Russlanddeutsche!‘ Ich verbinde das irgendwie auch mit etwas Positivem, weil ich da an unsere Geschichte denke. Und wir sind definitiv in Deutschland angekommen, aber haben unsere Kultur auch nicht ganz abgelegt – was im Übrigen auch nicht geht. Denn das hieße, dass man alles, was familiäre Bräuche angeht, ablegen müsste.“

Das sehen allerdings nicht alle jungen Aussiedler so deutlich, wie Galina zu berichten weiß: „Je später die Familien nach Deutschland kamen, umso mehr fühlen sie sich russisch. Es gibt große Unterschiede in unserer Familie. Während wir, die Anfang der 90er kamen, eigentlich nur deutsch reden, sprechen die anderen fast nur russisch. Als ich mal kritisch über Putin gesprochen habe, hat eine Cousine zu mit gemeint: ‚Wir Russen müssen doch zusammenhalten!‘ Ich war entsetzt und sagte: ‚Wir sind doch keine Russen!‘“ Sie könne diese Vaterlandliebe nicht verstehen – vor allem nicht im Angesicht dessen, wie es den deutschen Familien in Russland ergangen ist.

Doch am Ende bleibt die Frage: Was bringt es uns, eine Nationalidentität zu haben? Ich bin in Deutschland geboren, meine Eltern sind in Deutschland geboren, meine Großeltern zu großen Teilen auch. Das sagt nichts über mich aus. „Sich über eine Nationalität zu definieren liegt in der Natur des Menschen, vermute ich. Und jeder braucht einen Ast auf der Suche nach sich selbst, an den er sich klammern kann“, überlegt Galina. Doch genau wie für mich, spielt auch für meine russlanddeutschen Interviewpartner Nationalität kaum eine Rolle: „Ich habe Sozialwissenschaften studiert, das hat mir viele Konzepte geliefert“, erklärt Natalia. „Ich fing an, mich als Europäerin zu sehen und irgendwann betrachtete ich mich auch mal als Kosmopolitin.“ Und auch Galina findet: „Vor allem bin ich Europäerin.“

Und so sehe ich das auch.

Quellen:
Spiegel

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#3 Heimat“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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