Karte Europa
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Wir sind Europa

Jetzt ist er entschieden, der #brexit. Entschieden von den über Fünfzigjährigen. Und die Jungen? Die sagen „I don’t want to leave“.
Und wir? Wer sind wir? Sind wir Deutschland? Also, ich, ich bin Europa.

Deutsche Imbissbude

Bin ich Deutschland?
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Du bist Deutschland

Wusstet ihr, dass diutisc oder theodisk, also deutsch, ursprünglich so viel wie „zum Volk gehörig“ bedeutete? Quelle So ist es also: Wir sind das Volk. Damit war aber keinesfalls ein gemeinsames Land gemeint, nicht mal ein Volksstamm, sondern schlichtweg alle Menschen einer großen Region (die sich nicht unbedingt mit den heutigen Grenzen Deutschlands deckt), die eine weitesgehend gemeinsame Sprache hatten. Deutsche, das waren Sachsen oder Franken, Baiern oder Friesen, Gallo-Romanen oder Slawen, alles aber kein Volk in dem Sinne.
Ein nationales Bewusstsein, also der Wunsch nach einer Nation, entstand erst im 19. Jahrhundert. Er führte zum Deutschen Bund. Auch dies war kein Staat, sondern eine Sammlung von Königreichen, Großherzogtümern, Fürstentümern, freien Städten. Noch dazu war Deutschland immer ein „Pufferstaat“, wie mein Geschichtslehrer immer betonte: Geografisch mitten auf dem europäischen Kontinent liegend, kamen immer aus allen Richtungen die Menschen vorbei. Deutschland lag im Weg, wenn sich verschiedene Nationen bekriegten. Es kamen Soldaten vorbei und Fußvolk, Völker wanderten durch, auf der Flucht vor Krieg oder auf der Suche nach neuem Wohnraum. Händler kamen vorbei, Plünderer und Reisende. Und alle ließen sie ihre Gene da. Deutschland, das war schon immer ein Vielvölkerstaat.
Dem Otto Normalo war das in alten Zeiten vermutlich reichlich egal. Er kannte vermutlich kaum mehr als sein Dorf und die Nachbardörfer. Möglicherweise noch die nächste Stadt, aber die war vielleicht schon eine Tagesreise entfernt. „Wir“, das waren seine Familie, Nachbarn, Freunde und Rivalen. Und er hoffte, dass „die“ ihn einfach in Ruhe lassen.
Ein bisschen sind wir ihm immer noch ähnlich. Wir haben keine Lust auf ein nationales Bewusstsein. So wenig, dass die Initiative „Partner für Innovation“ 2005 sogar die Kampagne „Du bist Deutschland“ ins Leben rief. Angesprochen gefühlt haben wir uns allerdings nicht besonders.

Wir sind Europa

Schon 2005, da sahen wir uns nicht unbedingt als Deutschland. Wir, das waren ich und mein Umfeld. „Ich bin Europa“, sagte eine Uni-Freundin damals, selbst Russlanddeutsche. Die Welt ist enger geworden. Wir brauchen keinen Tagesmarsch mehr bis in die nächste Stadt. Wir sind schnell in Nullkommanix in Stockholm oder Madrid, in Warschau oder Amsterdam.
Aus alter Sicht lebe ich heute in einem anderen Land. Geboren und aufgewachsen bin ich im Königreich Preußen, lebte auch mal im Königreich Sachsen. Mein Sohn ist gebürtiger Bayer. Aber Nationalität ist mir ziemlich egal. Ein großer Teil meiner Freunde ist nicht in Deutschland geboren. Sie sind Rumänen, Franzosen, Spanier, Ungarn oder Italiener. Sie kamen aus unterschiedlichen Gründen. Viele zogen in der Krise nach Deutschland, weil es hier bessere Arbeit gab. Manche auch für die Liebe. Alle haben sie ihr Land verlassen. Den meistens fiel es wahrscheinlich nicht sehr schwer. „Gehe ich eben mal nach Deutschland“, dachten sie sich wahrscheinlich. „Gucke ich mal, wie es sich da so lebt. Und wenn ich keine Lust mehr habe, gehe ich eben wieder nach Hause.“ Es ist nicht viel schwieriger als in eine andere Stadt zu ziehen – dank offener Grenzen und unbeschränkter Arbeitserlaubnis innerhalb der EU. Natürlich, die Sprachprobleme bleiben noch, aber das vergisst man schnell, wenn man mit ihnen spricht.

Pub

Einfach mal für ein Wochenende nach Großbritannien jetten und ein Bier im Pub trinken – bald nicht mehr so einfach möglich.
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Es gibt Menschen, die rechnen immer noch alle Preise in D-Mark um. Ich war knapp siebzehn, als der Euro 2002 eingeführt wurde. Ich war noch jung, aber dennoch habe ich mehr als mein halbes Leben mit der D-Mark verbracht. Das ist lange her, ich kann mir nicht mehr vorstellen, mit einer anderen Währung in diesem Land zu leben. Es sind die Alten, die sich fürchten. Sie fürchten um ihre Rente, um unser Gesundheitssystem, ärgern sich über Euro-Rettungsschirme oder aufgezwungenes Rauchverbot – fürchten sich vor diesem Europa. Sie sehen nicht, dass es der ungarische Ingenieur ist, der ihre Brücken in Stand hält. Dass die rumänische Architektin die Schulen plant, in die ihre Enkel gehen. Sie vergessen, dass es auch diese Menschen sind, die ihre Rente zahlen. Und dass kein slowakischer Ingenieur einem ungebildeten deutschen Hilfsarbeiter den Job nimmt.
Wir, die jüngere Generation, wir genießen es, frei zu reisen. Wir leben dort, wo es uns hin verschlägt und sei es Buxtehude, Bochum oder Budapest. Wir gucken deutsch-französisches Kulturfernsehen und mit EU-Mitteln gedrehte Kult-Serien, essen spanische Orangen und kaufen Kanelbullar bei IKEA. Wir diskutieren Mertesackers Wechsel von Werder Bremen zum FC Arsenal. Wir sind Europa. Und wir wollen es auch bleiben.

In Großbritannien haben die Alten entschieden, dass sie kein Teil mehr von Europa sein wollen – zumindest nicht von der Europäischen Union. Diese Gemeinschaft, die uns nach zwei Weltkriegen zusammenhalten sollte. Die Folgen sind noch nicht abzusehen. Werden andere folgen? Die Rechtspopulisten jubeln schon. Ich fürchte mich nicht vor italienischen, spanischen oder rumänischen Einwanderern. Nicht mal vor der Islamisierung. Aber vor einem Zusammenbruch der EU, ja, davor fürchte ich mich.

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 31 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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2 Kommentare

  1. Word!
    Ich bin in Rumänien geboren, lebe in Deutschland, besuche Freunde in England (ab jetzt wohl nicht mehr so unkompliziert) und Schweden. Bei Herrn Eule im Büro arbeiten momentan englische und tschechische Freelancer. Mit denen fahren wir morgen übers Wochenende in die Berge. DAS ist Europa!

  2. Du sprichst mir aus der Seele! Ich fürchte mich vor den Le Pens, AFDs und Geert Wilders in der Welt. Ich fürchte mich auch vor einem Zusammenbruch Europas. Ich bin Fan der Idee. Mir wurde auch bewusst, dass ich kein Freund der direkten Demokratie bin. Ja oder Nein Entscheidungen lösen unsere komplexe Welt nicht, was die Populisten ja gerne mal behaupten. Und jetzt sind die Gewinner der Brexit-Wahl ganz kleinlaut, weil sie nicht wissen wie sie es anstellen sollen. Danke, dass du schreibst wir jungen wollen Europa. Ich hoffe, wir sind nicht in einer intellektuellen Blase, und die meisten Jungen sehen es auch so. Lasst uns wieder mehr Europa-Begeisterung zeigen.

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