Mann im Wasser
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XXXYWho the fuck cares?

Sexismus. „Als Sexismus wird die auf das Geschlecht (lat. sexus) bezogene Diskriminierung bezeichnet.“ Quelle
Es sind nur zwei von sechsundvierzig Chromosomen. Beziehungsweise, irgendwie geht’s hier nur um einen kleinen Chromatid. Eines dieser zwei Chromosomen sieht aus wie ein X, das haben wir alle. Das andere kann auch ein X sein. Oder es fehlt ein Chromatid, zeigt also eine Y-Form. Das ist alles. Das ist es, was uns definiert. Frau. Oder Mann.

„Also, das, was ich da sehe, ist keine Nabelschnur.“

Sagte die Hebamme. Damit standen zwei Dinge für uns fest: 1. Wir bekommen einen Jungen. 2. Wir bekommen kein Mädchen.
Ein Junge! Wie schön! Irgendwie habe ich mich schon immer ein bisschen als Jungs-Mama gesehen. Ritter und Piratenschiffe. Matsch und dreckige Witze. Das lag mir mehr als Püppchen und Glitzerglitzer.
Aber gleichzeitig war ich auch ein wenig traurig. Ich trauerte um das Mädchen, das ich nun nicht haben würde. War ein bisschen traurig beim Anblick von rosa Röckchen und Cupcake-Party-Spielsets. Bei Bastelanleitungen und Feengeschichten. Auf Wiedersehen, vielleicht, eines Tages, sollten wir ein zweites Kind bekommen. Das wird dann ein Mädchen. Ganz sicher. Dem kann ich dann Sommerhütchen mit Erdbeerdruck kaufen und Glitzerspangen für die langen Haare und ..
Stopp.
Eigentlich ist das doch alles vollkommen egal. Eigentlich.

Mann im Wasser

Beispiel für einen Menschen mit XY-Chromosomensatz..
Foto: Pexels.com

„Was bekommst du? Einen Jungen? Ah, das ist gut! Ich hab noch ganz viele Jungssachen unbenutzt im Keller liegen. Ich dachte nämlich, dass ich auch einen Jungen bekomme, aber dann wurde es doch ein Mädchen. Da musste ich alle Klamotten neu kaufen.“

Ein mit einem Y beladenes Spermium hatte sich durchgesetzt. Das war das erste, was ich über mein Kind erfahren habe. Danach wählten wir einen Namen aus. Danach wählten wir Kleidung. Danach entschieden wir uns für ein bestimmtes Kinderbett. Daran hingen meine kleinen Tagträumereien, was für ein Kind es wohl werden könnte.
XX/XY, es steht uns ins Gesicht geschrieben. Denn nicht nur beim Kind im Bauch, nein, eigentlich immer ist es das Erste, was wir über einen Menschen erfahren. Treffe ich eine neue Frau könnte sie Freundin oder Konkurrenz sein. Ein Mann ein Love Interest, aber nun, ich bin ja schon verheiratet, oder ein Kumpel, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. In der U-Bahn setze ich mich lieber auf einen freien Platz neben einer Frau, beobachte aber möglicherweise heimlich einen gut gepflegten Bart. Auf der Straße ist ein Mann eine mögliche Gefahr, eine Frau wird bewundernd, neidisch oder abschätzig gescannt.
Das Geschlecht ist das Erste, was wir wahrnehmen, das Grundlegendste, was uns bestimmt.

„Eigentlich bin ich sehr froh, dass ich einen Jungen bekomme.“

Ich habe das nicht gesagt. Aber andere Jungs-Mütter. Denn in einem sind sich alle einig: Frauen, und Mädchen ganz besonders, haben es in dieser Welt schwer. Sexismus lauert überall. Frauen werden schlechter bezahlt. Frauen werden in die Mutterrolle gedrängt, wo sie den Mutter-Mythos erfüllen müssen. Frauen müssen Karriere machen und sich dabei mit harten Mitteln gegen den Chauvinismus der Männerwelt durchsetzen. Frauen sind zu dick. Oder zu dünn. Frauen werden hässlich mit dem Alter. Frauen haben Torschlusspanik, die biologische Uhr tickt. Frauen sind Catcalling ausgesetzt und sind ständig in Gefahr.
Frauen leiden unter der Periode. Frauen müssen Hormone schlucken. Oder die Nachteile einer Schwangerschaft auf sich nehmen. Frauen müssen unter Schmerzen gebären. Frauen müssen sich die Bikinizone wachsen lassen. Und nur Frauen kennen das Gefühl, wenn empfindliche Brüste beim Joggen nicht in den richtigen Sport-BH bepackt wurden.
Frauen haben schrille Stimmen. Frauen nerven, wenn sie betrunken sind. Frauen sind uncool.
Frauen sind süß. Frauen sind schön. Frauen sind elegant. Frauen sind sprachgewandt, sozial und intelligent. Frauen sind fürsorglich und liebreizend. Frauen sind weich. Frauen sind romantisch und sentimental. Frauen sind organisiert und skilled. Frauen haben den Durchblick und sind das starke Geschlecht.
Frauen gehört die Welt.

Frau im Wasser

Beispiel für einen Menschen mit XX-Chromosomensatz.
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„Ach, komm, uns Männern geht es doch auch nicht anders. Hier, dein Th’Oreal zum Beispiel. Was kann der denn schon, außer seine Haare zu schütteln? Ihr findet den doch auch nur wegen seiner Muskeln geil. Als ob irgendein normaler Mann so aussieht!“

Und Männer? Sind all das ebenfalls. Und genau das Gegenteil. Wie Frauen auch.
Sexismus. Das scheint sich im allgemeinen Volksmund nur auf Frauen zu beziehen. Dabei geht es Männern oft gar nicht viel anders. Auch Männer haben es schwer. Auch an sie werden hohe Erwartungen gestellt. Sie sollen Karriere machen und Geld verdienen, eine Familie ernähren. Und das bitte auch in männlichen Berufen. Und gleichzeitig sollen sie neuerdings auch noch gute Väter und Partner sein und sich in der Familie zu fünfzig Prozent einbringen. Sie sollen gut aussehen. Männlich, muskulös, Vollbart ist in. Aber natürlich auch gepflegt. Keiner will mehr einen Terminator. Das waren Träume von kleinen Jungen, die keine Frau zu erfüllen verlangte. Aber ein Thor, das ist schon eine andere Liga. So einen Chris Hemsworth, den wollen wir schon haben. Guckt doch mal: Diese Muskeln, diese Stimme, dieses verschmitzte Lächeln! Das ist nicht nur „I’ll be back“ und Hau-drauf! Und gleichzeitig ist Mr. Hemsworth mit seinen zweiunsdreißig Jahren auch noch ein guter Ehemann und dreifacher Vater. Schaut doch mal, wie lieb der mit seinen Kindern im Meer planscht. Das ist ja wohl nicht zu viel verlangt, oder? Männer, ich bitte euch, ihr könnt das auch sein. Ihr müsst nur an euch arbeiten.

Und überhaupt: Hollywoods Frauenrollen sind flach und unkreativ? Jeder Frauenfilm hat einen gefährlichen, aber heißen Draufgängertypen. Und natürlich den besten Freund, den Netten. Da bilden nicht mal die sonst so tollen Gilmore Girls eine Ausnahme.
Oder kennt ihr den Film Salt? (Müsst ihr nicht, lohnt sich nicht.) Die ach so starke Badass-Braut (Angelina Jolie) gegen all die knallharten Typen. Und dann kommt raus, dass die alle als Kinder zu Kampfmaschinen erzogen wurden, aber nur die Frau war in der Lage trotz Gehirnwäsche Emotionen und Selbst-Reflexion zu entwickeln.
Sexismus.

Vielleicht finde ich dich scheiße. Einfach so. Weil du bist, wer du bist.

Biologisch ist das mit dem Geschlecht vollkommen eindeutig. Du hast ein XX oder ein XY. Vagina oder Penis. Okay, so ganz eindeutig ist dann doch nicht. Es gibt das Turner-Syndrom – Menschen, die nur ein X besitzen. Das Klinefelter-Syndrom mit XXY. Menschen mit Swyer-Syndrom besitzen Vagina und Uterus trotz männlichem Chromosomensatz. Noch dazu gibt es viele hormonelle oder anatomische Ursachen, die eine eindeutige geschlechtliche Definition erschweren.
Weiblich. Ich. Ich habe eine Gebärmutter und Brüste. Habe lange Haare und eine Frauenstimme. Kleide mich feminin und benutze Make-up. XX. Das ist das Erste, was man über mich erfährt. Das Erste, was mit definiert. Aber definiere ich mich darüber? Nicht wirklich. Ich betrachte meinen Körper nur als einen kleinen Baustein von einem ganzen Haus, das mir als Basis für mein Leben gegeben wurde. (Obwohl ich es schon verdammt geil finde, dass mein Körper einen kompletten Menschen zusammengebaut hat.) Es ist ein X, das ich von meinem Vater geerbt habe. Wie die langen Beine von meiner Mutter, die vollen Lippen vom Vater, die Liebe zur Kunst von der Familie mütterlicherseits. Nur ein Chromosom.
Geschlecht ist nur noch ein biologischer Faktor. Gender, das kann etwas ganz anderes sein. Bei Facebook kann man inzwischen sein Geschlecht benutzerdefiniert angeben. Es gibt Männer und Frauen, so sagt man, und alles dazwischen. Aber die Frage ist dann natürlich, wenn es eine Gerade mit zwei Polen ist, was ist dann an den Enden? Was ist 100% Frau oder 100% Mann? Es gibt Transgender und Intersexuelle. Menschen, bei denen die erste Definition nicht passt. Und dann geht es ja noch weiter: Homosexuelle, Bisexuelle, Pansexuelle, Asexuelle, BDSMler, Heterosexuelle – wir werden nicht nur über ein Chromosomenpaar von dreiundzwanzig definiert, nein, noch dazu müssen wir uns auch noch der Definition unterwerfen, wen wir sexuell attraktiv finden und in wen wir uns verlieben. Meiner Meinung nach sind das zwei ganz verschiedene Dinge, aber was kann ich dazu schon sagen? Ich als 08/15 heterosexuelle Frau? Oder bin ich vielleicht lumbersexuell? Definiert es mich, dass ich eine XX bin, die mit einem bärtigen XY verheiratet ist?
XX oder XY, das ist das Erste, was ich von dir sehe. Vermutlich. Die gelebte Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Ich muss dich kennenlernen, um mir darüber eine Definition zu machen. Aber warum sollte ich das so genau definieren? Vermutlich verliebst du dich irgendwann im Leben mal in jemanden, vermutlich hast du auch mal Sex. Warum sollte ich dich darüber definieren?
Vielleicht bist du ein Vorzeige-Macho mit einer blondierten Barbie im Arm. Vielleicht bist du aber auch für immer und ewig in die „Klischee-Schwuchtel“ verliebt. Es ist mir egal.
Vielleicht bist du eine Hardcore-Emanze und liebst ein Cosmopolitan-Cover-Model. Vielleicht änderst du aber auch deine Meinung und wirst lumbersexual. Es ist mir egal.
Vielleicht bist du ein Macho, eine Barbie, eine „Klischee-Schwuchtel“, eine Hardcore-Emanze, ein Cosmopolitan-Model oder ein vollbärtiger Holzfäller und wir können beste Freunde werden. Nicht trotzdem oder deswegen. Einfach so, weil du bist, wer du bist.
Vielleicht finde ich dich auch scheiße. Nicht trotzdem oder deswegen. Einfach so, weil du bist, wer du bist.

XX. XY. Oder vielleicht auch: Who the fuck cares? Wir sind nicht eins von beidem. Wir sind ein Produkt aus sechsundvierzig Chromosomen. Das Produkt einer Familie, eines Umfeldes, eines Wohnortes, einer Biografie. Wir sind Individuen – keine Chromosomenträger.

I also feel like we should stop calling feminists „feminists“ and just start calling people who aren’t feminists „sexist“ – and then everyone else is just a human. You are either a normal person or a sexist.
– Maisie Williams

Larissa//No Robots Magazine

Larissa ist die Chefin des No Robots Magazines. Sie ist 32 Jahre alt und lebt mit Mann und Kind in München.

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2 Kommentare

  1. … die Freiheit nehm ich mir und wechsle von Klischee zu Klischee und wieder zurück und genau das macht mich aus: Mal wie ein Kerl das Bier aus der Flasche trinken, forsch auf der linken Spur an allen vorbei und dann bin ich doch auch wieder ganz feminin. Alles geht!

  2. Ein schöner Text! Zum Glück mag man Menschen eben meistens nicht wegen Geschlechts sondern wegen des ganz eigenen Charakters – oder findet sie eben scheiße 😉 Ein bisschen Offenheit und Akzeptanz über die klassischen Rollenbilder hinaus ist immer gut. Und jetzt google ich was Catcalling ist 😀 lg

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