Heimat: Berge Österreich
Kommentare 0

Zerbrochene Heimat

Heimat: Berge Österreich

Foto: Unsplash/Ales Krivec

Heimat ist ein Wort, das mein Großvater oft verwendete. Für ihn war es der Ort, an dem er zurückgekehrt war, nachdem er einen Krieg und Gefangenschaft erlebt hatte. Es war der Platz, an dem seine Familie war, die Felder und Menschen, die er kannte. Heimat war Sicherheit und Geborgenheit. Als ich das Wort von ihm hörte, war der kleine Sandkasten vor seinem Haus meine „Heimat“, die Blumenwiese vor dem Haus und sein Werkzeugschuppen. Ja, meine Großeltern waren Heimat für mich.

Als ich heranwuchs, wurde der Begriff für mich komplexer und bis heute ist die erste Assoziation, die mir im Kopf erscheint, ein sonniger See in den Alpen und ich blicke mit ein wenig Wehmut zurück, wenn ich das Wort höre.

Vor etwa neun Jahren verließ ich die Berge Österreichs und wanderte aus. Es verschlug mich in die Hügellandschaft Ostwestfalens. Wenn ich gefragt werde, was mich hierher verschlug, kann ich es einfach sagen: Es war die Liebe, die ich hier gefunden habe. In diesen neun Jahren ist viel passiert, ich habe Kinder gezeugt, Bäume gepflanzt und ein eigenes (Garten-)Häuschen gebaut – ich habe Wurzeln geschlagen.

Diese Wurzeln gaben mir genug Halt, um einen Schritt zu machen. Vor etwa sechs Jahren gestand ich meiner Frau, dass ich kein Mann sein kann, kein Mann bin und niemals war. Ich gestand ihr meine Transsexualität. Unser gemeinsamer Weg begann, in dem ich Schritt für Schritt, langsam zu dem Menschen werden durfte, der ich in mir immer war: eine Frau. Diese Transition passierte fließend und wenn ich zurückblicke, bin ich oft erstaunt, wie klein die Schritte waren, die mir riesig erschienen. Nun lebte ich fernab der Berge in Freiheit.

Wann immer es möglich war, besuchte ich meine Familie in Österreich. Es war ein eigenartiges Gefühl, wenn die Berge näher kamen und die Luft sich veränderte. Mein Herz schrie: „Heimat!“ und doch hatte ich nach spätestens zwei Wochen das Gefühl, erdrückt zu werden, von den Bergen und manchmal ein wenig von den Menschen, die nicht erkennen konnten, wie sehr ich mich verändert hatte, und ich konnte es nicht zeigen. In Österreich trug ich meine männliche Maske und zerbrach innerlich jedes Mal ein wenig. Nach Hause zu fahren wurde immer befreiender.

Nachdem ich fern von den Bergen ein paar Jahre als Frau gelebt hatte, kam der Zeitpunkt, meiner Geburtsfamilie, meinen Eltern zu sagen, dass ihr Sohn in Wirklichkeit eine Tochter war. Die Reaktionen auf mein Coming Out waren deutlich. Ich hatte gehofft, dass es für sie leichter wäre, weil ich weit weg lebe. Es fällt ihnen bis heute schwer, mich als Frau anzunehmen. Natürlich würden sie mir die Türe niemals verschließen, aber es fiele ihnen schwer, mich willkommen zu heißen – ohne mich als ihren Sohn zu sehen. Mit mir gemeinsam auf der Straße gesehen zu werden ist fernab von jeder Vorstellung. Man will nicht, dass die Nachbarn reden. Sie würden mich bitten, mich doch „normal“ anzuziehen, damit es nicht auffällt. Man will nicht, dass getuschelt wird.

Mit ein paar Sätzen, die ich aussprechen musste, veränderte sich die ganze Welt. Auf einmal erlebte ich nicht nur meine Familie verändert, auch die kleine Bergstadt sah ich mit anderen Augen, ich sah die katholisch geprägten Menschen, die jeden Touristen willkommen heißen, aber denen es schwer fällt die Welt offen anzunehmen. Ich sah, wie tief die ach so geliebte Tradition in den Köpfen verwurzelt ist. Ich erkannte, dass ich nicht mehr unbeschwert durch die Straßen meines Geburtsortes gehen kann – nicht für einen einzigen Tag. Ich erkannte, dass ich nie wieder einfach so die Füße in den kleinen See stecken kann, um den Wolken zuzusehen.

Mit meinem Coming Out zerbrach meine Heimat.

In meinem Kopf, in meiner Seele ist dieser Bergsee geblieben, der einst das Bild für meine Heimat war. Er ist mir fremd geworden – ein fernes Urlaubsziel vielleicht. Die Menschen, die einst meine Nachbarn, meine Freunde waren, sind nun fremd.

Mein Innerstes sucht seitdem nach einem Ort, verzehrt sich oft in tiefem Heimweh, das kein Ziel findet. Ich kann nicht mehr zurück. Aber fernab von dem, was Heimat war, habe ich mein Zuhause, meine Familie, meinen Platz gefunden.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#3 Heimat“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Nina M.

Nina, *1972, neugierige Bloggerin auf fraupapa.wordpress.com schreibt nicht nur über ihre Regenbogenfamilie.

Letzte Artikel von Nina M. (Alle anzeigen)

Schreibe eine Antwort