Eine Lerngruppe im Abitur
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Zum Lernen ist es nie zu spät

Eine Lerngruppe im Abitur

Foto: Pexels.com

„Ich träume nicht, ich wage meinen Traum.“
Das Zitat vom deutschen Philosophen und Schriftsteller Manfred Hinrich trifft ganz gut, wovon ich euch erzählen möchte. Als ich eingeschult wurde, habe ich mir gesagt: „Nach der Grundschule gehe ich auch auf das Gymnasium. Wie mein Bruder!“ Wahrscheinlich wusste ich gar nicht, was das ist. Aber es klang gut.
Ich war tatsächlich auf dem Gymnasium. Doch das Abitur habe ich erst elf Jahre nachdem ich es eigentlich gemacht hätte, erreicht. Mein Lebenslauf ist nicht so geradlinig, wie sich manche ihn vorstellen: Er beginnt zwar ganz normal, doch mittendrin gibt es einen Knick. Seit ich vierzehn bin, leide ich unter einer generalisierten Angststörung und Panikattacken. Bis dahin war ich eine durchschnittliche, ruhige Schülerin und fehlte fast nie. Der Tag, der schließlich alles über einen Haufen warf, war ein grauer Tag im Februar 2000.

Ich wollte nur noch raus

War es vielleicht nur eine „Phase“, wie eine Psychologin nach einem Gespräch sagte? Oder hatte ich Angst vor der Schule, weil mir morgens am Frühstückstisch immer schlecht war? Es dauerte einige Zeit, bis die Diagnose feststand. Doch in der Zeit waren meine Fehlzeiten bereits sehr hoch. Wenn ich in der Schule war, wollte ich am liebsten nur noch raus. Ich schob es auf den Kreislauf, wollte frische Luft. Hauptsache, raus aus dem Klassenzimmer.
Es fiel mir immer schwerer, mich in der Schule zu konzentrieren. Ich war mittlerweile in ambulanter Therapie, doch diese sollte schon bald auf einen Aufenthalt in der Tagesklinik auslaufen. Für die Psychologen stand fest: Die ist überfordert auf dem Gymnasium. Jahre später, als ich mir noch mal Gedanken darüber machte, fiel mir ein, was ich ihnen hätte sagen sollen: dass sie mal mit Panikattacken im Unterricht sitzen sollen. Denn überfordert war ich nicht. Die Panikattacken hatten Überhand genommen und raubten mir meine Konzentration. Ständig kreisten in meinem Kopf diese Gedanken. „Was wäre wenn … du jetzt umkippst/die Kontrolle verlierst.“
Der Wechsel auf die Realschule sollte alles besser machen. Ich ging außerdem zu einer örtlichen Therapeutin. Zunächst sah auch alles gut aus, doch in der 10. Klasse brach alles wieder über mich hinein. So konnte ich die Schule nicht mit der Fachoberschulreife mit Qualifikationsvermerk verlassen. Dabei hatte ich mir geschworen, danach wieder auf das Gymnasium zu wechseln.

Der Traum vom Abitur schien nun endgültig geplatzt zu sein

Der erste Versuch, den Realschulabschluss nachzuholen, ging schief, denn schon nach wenigen Wochen wurde ich stationär in die Psychiatrie eingewiesen. Ich war siebzehn, hatte keinen Plan, was ich machen sollte und stand wieder am Anfang.
Doch nach und nach rappelte ich mich wieder auf. Ich fand eine neue, sehr nette Therapeutin für Erwachsene und mit ihrer Hilfe gelang es mir, mit meinen Ängsten umzugehen.
Den Realschulabschluss holte ich mit neunzehn auf einem Berufskolleg nach. Meine Fehlzeiten reduzierten sich drastisch und es ging aufwärts. Doch ich wusste immer noch nicht, was ich „später“ mal machen sollte. Also versuchte ich es mit einer schulischen Ausbildung. Die Idee dahinter klang sehr verlockend: Ausbildung zum IT-Assistenten und Fachabitur in einem. Die Realität sah jedoch weniger schön aus: Der Stundenplan war voll gepackt mit Fächern wie Programmieren, Datenbanken, Elektrotechnik, … Interessante Inhalte, allerdings für mich zu schwer. Dann war da ja auch noch Mathe. Psychisch ging es mir wieder besser, schulisch lief es leider nicht gut.
Irgendwann, ich war mittlerweile dreiundzwanzig, begann ich eine „echte“ Ausbildung. Sie war eigentlich wie für mich geschaffen: Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste mit der Fachrichtung Bibliothek. Leider wusste meine Ausbilderin von meinen psychischen Problemen. Trotzdem stellte man mich ein, nur, um mich kurz vor Ende der Probezeit wieder zu kündigen. Begründung: Man hatte Sorge, dass ich einen Rückfall bekäme. Übrigens: Nichts deutete auf einen solchen hin. Im Gegenteil: Ich fehlte nie, war immer pünktlich und mir ging es gut.

Es machte mich stolz, es geschafft zu haben

Aber vielleicht musste es so sein, denn sonst hätte ich womöglich niemals mit dem Gedanken gespielt, das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachzuholen. Zuerst jedoch machte ich eine neue Ausbildung. Diesmal war es weniger eine Traum- als eine „Zweckausbildung“. Es war Zufall, dass ich die Ausbildungsstelle zur Pharmazeutisch-kaufmännischen Angestellten bekam. Der Beruf ist nach wie vor nicht das, was ich mein Leben lang machen möchte. Ich will nicht sagen, dass der Beruf schlecht ist. Denn er ist interessant. Aber eben nicht das, was ich will.
Bevor ich die besagte Ausbildung nach drei Jahren erfolgreich abschloss, kam mir eine Idee: Ich hole das Abitur nach! Also informierte ich mich und schnell wurde aus der Idee Wirklichkeit.
Mit Ende zwanzig noch mal die Schulbank drücken – das klingt für viele sicher nach einer ungeheuren Umstellung. Für mich war es das aber gar nicht. Schließlich bin ich schon viel länger als üblich zur Schule gegangen. Ich war sozusagen noch im Lernmodus.
Meine Eltern fragten, als ich den Wunsch äußerte, das Abitur nachholen zu wollen, ob es denn das Richtige sei. Wegen Mathe. Mathe und ich standen schon immer auf Kriegsfuß. Doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Dank der Hilfe meines Freundes gelang es mir, ganz gute Noten in Mathe zu schreiben und sogar die Abiprüfung bestand ich, ohne in die Nachprüfug zu müssen.
Es macht mich stolz, dass ich es geschafft habe.
Ab Herbst werde ich studieren. Bald werde ich auch wissen, ob ich die Zulassung zu meinem Traumstudiengang bekomme. Dann beginnt wieder ein neues Kapitel in meinem Leben. Eines, dass spannend und interessant wird!
Jeder kann seinen Traum verwirklichen, wenn er sein Ziel verfolgt und darauf hinarbeitet.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe „#1 Neu“ des No Robots Magazines. Lies hier kostenlos das komplette Magazin!

Verena

Verena, *1985, bloggt auf flying-thoughts.de über Bücher, Handarbeit und ihren Weg zum Abitur.

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