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Interview mit Corinne Luca zu ihrem neuen Buch „Freundinnen“

Veröffentlicht am 21.12.2019 von

Interview mit Corinne Luca

Als ich mit dem Bloggen begann, suchte ich ausgiebig nach Bloggern, mit denen ich „netzwerken“ konnte. Ich fand viele sympathische Menschen, und eine meiner liebsten Bloggerbekanntschaften wurde Corinne Luca, vom Makellosmag mit der sich bald eine Online-Freundschaft entwickelte. Aber auch wir entwickelten uns. Wir bekamen (mehr) Kinder, Corinne gewann 2016 den Grimme Online Award, und wir standen beide immer wieder vor der Frage: Wohin gehen wir mit unseren Ideen? Corinne hat den großen Schritt gewagt und sich in die Print-Welt begeben. 2017 erschien ihr erstes Sachbuch „Am liebsten sind mir die Problemzonen, die ich noch gar nicht kenne“. Im Oktober 2019 folgte ihr zweites: „Freundinnen: Die andere große Liebe – nur besser“.
Während ich schon ihr erstes Buch sehr gerne gelesen habe (und ihre Blog-Artikel sowieso), war ich besonders gespannt auf den Nachfolger. Mit gemischten Gefühlen. Denn das Thema „Freundinnen“ war nicht immer ein einfaches für mich. Zuletzt überwog natürlich die Freude, als das Buch unerwartet plötzlich vor der Tür lag. Und auch die Neugier, mehr über Corinne zu erfahren. Und die Frage: Wären Corinne und ich Freundinnen, hätten wir uns im echten Leben getroffen? Als Schulkinder, als Teenager oder einfach heute im Muttiversum?

Umso glücklicher bin ich, dass Corinne eingewilligt hat, sich ein paar Fragen zu stellen. Freu dich heute über die klugen Antworten dieser wunderbaren Frau!

Larissa: Liebe Corinne, dein Buch ist sehr persönlich und liest sich fast wie eine Autobiografie. Wie hat sich das angefühlt, sein Leben auf Papier gedruckt an Fremde zu geben? Und wie waren die Reaktionen aus deinem Umfeld, vor allem von deinen Freundinnen, über die du schreibst?

Corinne: Ich fühle mich sehr wohl damit, weil es genau das Buch geworden ist, das ich schreiben wollte. Dass es den Menschen, über die ich schreibe genauso geht, war mir sehr wichtig. Sie haben alles zu lesen bekommen, bevor das Buch erschien. Manchmal fanden sie sich an Stellen wieder, an denen ich sie gar nicht im Kopf hatte, das war spannend zu sehen.  

Unser Verhältnis zu Freundschaft scheint etwas zu sein, das uns bereits in die Wiege gelegt wird. Wie war das in deinem Elternhaus? Denkst du, dass die Freundschaftsbeziehungen deiner Eltern dich in deinem Weg geprägt haben?

Ja, wahrscheinlich ist das immer eine Prägung, die man mitnimmt. Später kommen dann die eigenen Erlebnisse hinzu und die Frage, wer man sein möchte. Ich habe zum Beispiel irgendwann einmal entschieden, dass ich bewusst Risiken eingehe, verletzt zu werden. Ich bin eher ein vorsichtiger Typ und musste mir das erst antrainieren.

»In diesem Sommer fasziniert mich das erste Mal in meinem Leben ein Mensch so sehr wie die Figuren aus meinen Büchern.«

Corinne Luca „Freundinnen: Die andere großse Liebe – nur besser“

Die Liebe zu Büchern prägte Corinnes erste große Freundschaft. Genau wie sie meine kleine Welt schöner gemacht hat. Wären zwischen uns nicht drei Jahre Altersunterschied und einige Hundert Kilometer Differenz gewesen – wir hätten wunderbare Lesefreundinnen werden können.

Man sagt oft, dass man seine erste Liebe nie vergisst und alle weiteren daran misst. Denkst du, dass dies auch in Bezug auf Freundschaft gilt – aus deinen eigenen Erfahrungen und nach dem, was du recherchiert hast?

Ehrlich gesagt ist das bei meiner ersten Liebe auch nicht so. Da sind sich Freundschaften und Lieben ähnlich. Ich habe erst über die Zeit gelernt, was ich möchte und brauche und fühle mich mit jedem neuen Jahr glücklicher. Diese Idee einer nie mehr zu erreichenden Anfangseuphorie halte ich in der Liebe und in Freundschaften für überschätzt.

Corinne Luca Makellosmag
Corinne, *1982, hat zwei Töchter und lebt in Berlin. Und als ob das nicht schon Aufgabe genug wäre, schreibt sie auch noch tolle Texte für verschiedene Magazine und hat zwei Bücher veröffentlicht. Wer war noch mal Beyoncé?

Wie schafft man es als Erwachsener heute überhaupt noch, echte Freunde zu finden, wo alle immer super flexibel sein müssen, alles im Wandel ist und keiner Zeit hat?

Das ist tatsächlich die große Frage, manche sprechen von einer Einsamkeitsepedemie. Die Antwort ist nicht sexy, weil wir oft gern schnelle Lösungen haben wollen: Zeit haben und sich Zeit nehmen für andere. Bewusst Platz machen im eigenen Leben für ein Gegenüber. Und nicht ungeduldig werden. 

»Diese coolen Mädchen hören Musik, die für mich nicht wie Musik klingt, mögen Jungensportarten, lachen über dreckige Witze und können sehr viel Pommes und Burger essen, ohne zuzunehmen. Sie trinken Bier, und es scheint ihnen zu schmecken. Ich will so sein wie sie.«

Corinne Luca „FREUNDINNEN: DIE ANDERE GROSSSE LIEBE – NUR BESSER“

Meine Teenagerzeit war trostlos, farblos, seltsam. Wir waren eine kleine Gang aus vier, fünf Mädchen mit schwarzen Kapuzenpullis und schwarz oder rot gefärbten Haaren. Wir saßen auf dem Bürgersteig an der Hauptstraße und warteten darauf, das etwas passierte. Sonntags wanderten wir durch den Wald den Berg hinauf zum Fußballfeld, wenn die Herrenmannschaft spielte. Da spielten die Väter, die Nachbarn, aber auch der ein oder andere Typ, den man vielleicht gut fand. Wir ernährten uns ungesund, nahmen kein Gramm zu, wurden von den Dorfomas beleidigt – und warteten darauf, dass wir achtzehn wurden und das Leben endlich anfängt. Wir wunderten und bestaunten die hübschen Mädchen, die normalen Mädchen. Das Leben schien auf der anderen Seite irgendwie einfacher.

Während Teenager sich stark nach einer Szene richten, der sie sich zugehörig fühlen oder fühlen möchten, verlieren Faktoren wie der gleiche Musikgeschmack unter Erwachsenen an Bedeutung. Was sind also die Grundlagen einer guten Freundschaft? Wie kann eine Teenie-Freundschaft überdauern? Und was braucht eine Erwachsenenfreundschaft, um „echt“ zu werden?

Wenn man in die Forschung schaut, dann sind es folgende Faktoren, die das Gelingen von Freundschaften beeinflussen: räumliche Nähe, Kontakthäufigkeit, Ähnlichkeit, Anerkennung und ein gewisses Eigeninteresse, was in der Beziehung befriedigt wird. Was wir brauchen, um sie zu erhalten, sind Verletzlichkeit, Konfliktfähigkeit und Ehrlichkeit. Und, da hast du ganz recht, im Gegensatz zu Teeniefreundschaften, können Erwachsene besser mit fehlenden Gemeinsamkeiten in Punkten wie Musikgeschmack usw. umgehen. Dafür sind gemeinsame Werte wichtiger.

Und gibt es das überhaupt, „echte“ Freundschaft? Wie definiert man den Punkt, an dem man von „Freundin“ statt „Bekannten“ spricht, wo es keine klaren Dating-Regeln gibt?

Das Schöne an Freundschaften ist ja, dass sie im Gegensatz zu Familie oder Paarbeziehungen so wahnsinnig frei und selbstbestimmt sind, weil es für sie kaum allgemeingültige Regeln oder Rituale gibt. Das können also die beiden Personen ganz frei bestimmen. Vielleicht sind Labels auch gar nicht so wichtig, sondern dass beide sich wohlfühlen, so wie es ist. 

Corinne Luca Freundinnen: Die andere große Liebe - nur besser

Corinnes autobriografische Suche nach dem Wesen der Freunschaft erschien im Oktober 2019 und ist genauso lustig, klug und herzerwärmend wie wir es von ihr gewöhnt sind.

In der heutigen Welt finden viele Freundschaften online statt – gerade Plattformen wie Twitter lassen viele Freundschaften entstehen, ohne dass diese sich je persönlich treffen. Wie beurteilst du diese Freundschaften? Ist Freundschaft eine Geistesangelegenheit oder braucht sie auch eine gewisse Körperlichkeit?

Ich habe über das Bloggen viele Menschen kennengelernt, denen ich mich nah fühle und an deren Leben ich ein Stück weit Anteil nehme. Menschen wie du. Das empfinde ich als sehr bereichernd. In einer Krise einfach in den Arm genommen zu werden geht aber nicht online. Was nicht heißt, dass online nicht auch ins „richtige“ Leben übertragbar wäre. 

»Ich schaffe es trotzdem irgendwie, weiter sinnvolle Antwortsätze für Franziska zu finden. Fast wie eine Erwachsene, die einfach nur einen Kaffee trinkt.«

CORINNE LUCA „FREUNDINNEN: DIE ANDERE GROSSSE LIEBE – NUR BESSER“

Dann ist man plötzlich Mutter. Und die Freundin vielleicht nicht. Noch nicht, oder gar nie. Plötzlich steht alles auf Anfang. Man muss sich neu in der Welt finden, oftmals neue Freunde finden. Und man erlebt alles noch mal von vorne: Wie das ist, als Kind unter Kindern. Man merkt plötzlich, dass die eigene Kindheit, die eigenen Erfahrungen noch da sind. Dass sie Spuren, sogar Narben hinterlassen haben. Man steht Ängste für sein Kind aus, denkt man. Aber eigentlich sind es nur die Ängste des eigenen inneren Kindes.

Als ich erfahren habe, dass ich mit einer Tochter schwanger war, war einer meiner ersten Gedanken: „Oh nein, nicht noch mal dieser Mädchen-Zickenkrieg!“ Du hast ebenfalls zwei Töchter – wie beobachtest du deren Freundschaften und wie fühlen sie sich mit deinem eigenen Erfahrungshintergrund an?

Da hatte ich bei meinen beiden Mädchen ganz ähnliche Gedanken. Ich möchte ihnen trotzdem mitgeben, wie gut uns andere Menschen tun können. Bei mir gab es in der Teenagerzeit auch einige schmerzhafte Erfahrungen. Verletzungen bleiben nicht aus, manche sind kleiner und manche größer, manche hinterlassen Narben, aber nichts ist umsonst. Ich hoffe, dass Bücher uns helfen zu überlegen, welche Geschichten über die Welt wir noch brauchen, welche wir weitergeben wollen und ob es Zeit für neue Erzählungen ist. Alleinsein ist nicht schwer zu erreichen, aber um die schönen Momente im „wir“ muss man sich kümmern. Das kann anstrengend sein und lohnt sich nicht immer sofort, aber auf lange Sicht schon – das ist meine Erzählung hinter dem Buch. 

Wären Corinne und ich Freundinnen, hätten wir uns in der Schule getroffen oder im Mutti-Kurs? Bestimmt. Heute. Unter den richtigen Voraussetzungen. Denn am Ende ist es mit der Freundschaft wie mit allem im Leben: Man muss zur richtigen Zeit, am richtigen Ort sein. Und man braucht den Mut, die Gelegenheit nicht vergehen zu lassen. Diesen Mut lehrt uns Corinnes Buch. Wir sollten ihn alle in uns suchen.


Weiterlesen: Astrid Lindgren/Luise Hartung: Ich habe auch gelebt! Briefe einer Freundschaft.

Fotos: Nancy Jesse
Buchcover: Benevento

Larissa//No Robots Magazine

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